Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-07-20 · Heft 58 (20.7.1896) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 58 (20.7.1896)
Date
1896-07-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448662--42165-2491156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1110 „Ich weiß nicht," sagte Helene, „soll ichs der allgemeinen Trauer zuschreiben, die das Scheiden von einer theuercn Person in uns erweckt, oder ist's die Vorahnung eines besonderen Ereignisses, die mich schreckt — aber eine schwere Bangniß befällt mein Herz, wenn ich an die Trennung denke." Martha schloß die Freundin feurig in die Arme und küßte sie. „Ich würde wohl noch bei Dir bleiben," sprach sic, „wenn nicht die Abberufungsordre meiner Eltern so bestimmt lauten würde. Ich fühle mich auch beunruhigt, ob nicht irgend ein Ereigniß meine Heimkunft erfordere. Doch wie wär's, wenn Du anstatt etwas später, gleich mit mir kämest, denn aufrichtig gestanden, konnte ich nie Deinen Geschmack begreifen, hier in dieser Weltabgeschiedenheit, umgeben von einem feiten Bediententroß, zu eristiren." „Ja damals, Lieb', war ich eitle Andere. Die Leiden hatten mich stumpf gemacht. Alle Seelenkräfte in mir standen still, bis auf die Sehnsucht nach Einsantkeit, und diese fand ich hier vollauf befriedigt. Am liebsten möchte ich Deinen Rath befolgen, aber ich kann nicht, beim diesmal soll der Abschied von hier auf 'Nimmerwiedersehen geschehen. Ich will alle Beziehungen zu diesem verhängnißvollen Ort losen und das bedarf doch einiger Tage mindestens. Doch Gott wird schon helfen, auch diese noch zu überstehen." Die Stunde war bereits vorgerückt, als die Freundinnen sich anschickten, die Nachtruhe aufzusnchen. Es sollte die letzte Nacht sein, die sie gemeinschaftlich unter diesem Dache verbrachten; ihr Abschied von einander trug einen besonders iilnigen Charakter. Am andern Tage um die zehnte Morgenstilnde reiste Martha ab. Die Freundinnen hatten sich lange und innig umschlungen gehalten, und als das Gefährte von feurigen Pferden gezogen auf der glatten Schneefläche zum Schloßhofe hinausjagte, da eilte Helene in's obere Stockwerk hinauf zum geöffneten Fenster und folgte der enteilenden Freundin mit den Blicken, ihr Lebewohl zuwinkend, bis eine Biegung des Weges sie ihr unsichtbar machte. Mit einem schweren Seufzer die reichlich fließenden Thränen abtrocknend, schloß Helene endlich das Fenster. Sie erschrack fast vor der Leere und Oede, die ihr mm aus allen Nänmen entgegengähnte. Auf Schritt tmd Tritt vermißte sie nun das liebliche Kind und erst jetzt fühlte sie es ganz, wie tief ihr die Freundin allmählich an's Herz gewachsen war. Eine gedrückte, tieftraurige Stimmung beherrschte sie den ganzen Tag. Die Nacht erst brachte eine kalmirende Wirkung. Tags danmf war sie schon viel gefaßter, tlmsomehr, als sie sich tröstend sagte, daß sie ja nur deshalb noch hier zurückgeblieben sei, um für immer von hier Ztt fliehen. Sie richtete nun ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, um die Zeit ihres Hierseins nach Möglichkeit abznkürzen. Atts der Wirthschaft, die sich etwa eilte Viertelstunde weit vom Schlosse befand, lies; sie den Verwalter zu sich bescheiden rmd pflog eingehende Verhandlungen mit ihm, alle Fragen der Gutsverwaltnng betreffend. Gleichzeitig wies sie ihn an, den Domestiken zu eröffnen, daß sie, bei Allsbezahlung des ganzjährigen Lohnes derselben, nur noch bis Ende dieses Monats ihre Dienste in Anspruch liehmell werde. Als die Lunde von dieser Verfügung zu der: Ohren des Fräuleins Hortense von Mnhlwald drang, da war sie höchlichst entrüstet über diesen „eigemnächtigell" Schritt der Parvenugräsill — so sehr betrachtete sie sich als die eigentliche und rechtmäßige Herrin auf dem Schlosse. _(Fortsetz mg folgt.)_ «pochen - Kalender. Freitag, 2 k Juli, 14. Ab. Sabbal-Ansang in Mainz 7 Uhr 45 Min. Samstag, 25. guli, 15. Ar, vü ionj ‘w pnnNi. Sabbat-Ausgang in Mainz!J Uhr 20 Min. Der „Israelit" erstbewt »öchentUch zweimal, Mantags u»d Donnerstags, jedesmal i» mtnbefteas zwei Soge«. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für s Ausland 1« Reichs-Mark, «au abouutrt gaaßjahrig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen a». — Durch dev Ovchtzaudet f* hSetze» bei G. $■ Dietuacker, Leipzig, Dloßpiatz i». — Inserate Sb Pfennig die vdergespalteue Petitzeile »der der« Raum— Oesterreichische Banknoten laut Lours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutfchlaud «ud Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für'» Ausland 16 Reichs-Mark, an dir Expedition franco etuzufmde«. Gi»e vam die RsPaetta« eiOgesandte» Man»seripten stndet nicht statt, mm dittet deAtzald stch vo« oft*« Mrrse*dmrge» «ine Lopie rurstekzupehalte». Inhalt (Hanptblatt) r Leitender Artikel: Mein Religionsbuch. — Zeitnngsnachnchtcn und Korrespondenzen: Deutschland: Köln. Bromberg. Vom Rhein. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Krakau. England: London. - Vermischtes. — Feuilleton: Auf des Lebens Hüb'. Erzählung von B. Nosner. (Fortsetzung.) Inhalt der Beilager Feuilleton: Holländische Neisebriefe. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Vom Grabfcld. Oesterr.-Uiigar. Monarchie: Wien. Lemberg. Budapest. Schweiz: Zürich. — Vermischtes. Verantwortliche Nedaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aclien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.