Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 58 (20.7.1896)
- Date
- 1896-07-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1109 Feuilleton* Auf des Lebens Köh'. Erzählung von S. B. Nosner. 18) (Alle Rechte Vorbehalten.) Der Greis machte wie traumverloren eine kleine Pause und fuhr dann tiefaufathmend fort: „Schweigsam legten wir nebeneinander den Heimweg zurück. Doch zu Hause angelangt, warf sich mir Hermann ungestüm an die Brust und die lange verhaltene seelische Spannung löste sich nun mit elementarer Gewalt. Er brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus und nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, richtete er sich hoch empor und sprach mit feierlichem Ernst: „Ich habe Deine Absicht verstanden — nun denn, Du hast sie erreicht. Wie zwerghaft komme ich mir neben jenem Märtyrer vor, in welchem das tiefste menschliche Elend nicht den Glauben an das Ideal vernichten konnte, was bei mir eine einzige Enttäuschung bewirken sollte! Ich beuge mich tief vor der sittlichen Macht, die solches Wunder zu erzeugen im Stande ist und will mich an sie festklammern wie an einen ehernen Rettungsanker!" — Seit jenem Momente warmein Neffe gerettet — für das Leben und für seinen Glauben. Und nun Madame — „Ja, ja," sprach Helene, hastig sich erhebend, „ich sehe cs ein, daß cs zu spät ist. — Nur eine Bitte hätte ich noch an Sie, bevor ich gehe." Sie dämpfte ihre Stimme zu einem Flüstern und ihr Auge nahm einen bittenden Ausdruck an. „O nehmen Sie doch eine beffere Meinung von mir mit sich, als Sie solche gegenwärtig hegen. Glaub.n Sie mir, bei Gott, daß ich nicht die v.rstockte Sünderin bin, für welche Sie mich halten, und daß ich für mein Fehl so schwer gebüßt habe, wie nur je ein Mensch gebüßt haben mag. Hier in meinem Herzen würden Sie die Bestätigung meiner Worten lesen." Er reichte ihr bewegt die Hand. „Es hat nicht sein sollen," sprach er teilnehmend. „Es scheint in den Sternen geschrieben zu sein, daß Ihre und Hermanns Bahn nach jener ersten verhängnißvollen Entfremdung sich nicht wieder begegnen sollten. Leben Sie wohl, gnädige Frau, — wir begeben uns auf einen weiten Weg — nach Palästina. Verzeihen Sie mir das Unrecht, das ich Ihnen angethan und behalten Sie mich in freundlicher Erinnerung." „Glück auf die Reise!" sprach Helene mit bebenden Lippen, „nur beten Sie an geweihter Stätte zum Gotte Israels, zum beleidigten Genius unseres Volkes, er möge wieder gnädig aufnehmen seine verirrte Tochter, die geläutert und demuthsvoll sich wieder anschickt, zu ihm zurückzukehren. Sie wechselten noch einen warmen Händedruck, dann hüllte sie sich in ihren Shawl ein und eilte hinaus.---— An einem der nächsten Tage saßen die Freundinnen gemeinschaftlich im Salon. Das feine Antlitz Helenens zeigte eine auffällige Bläffe und ein sinnender Ernst blickte aus ihren Augen. Es wollte zwischen Beiden heute durchaus keine animirte Stimmung in Fluß kommen. Vergebens ließ Martha die Raketen ihrer sprudelnden Laune spielen, vergebens suchte sie durch ihren ausgelassenen Muthwillen die Freundin ihrem Ernst zu entreißen — es wollte ihr diesmal nicht gelingen. Aus Höflichkeit zwang Helene wohl hin und wieder ihre Mienen zu einem Lächeln, jedoch man merkte das Erzwungene und nur zu bald wandte sie sich wieder ihren eigenen Gedanken zu. Da sprang Martha endlich unwillig in die Höhe, schalt Helene eine unausstehliche Hipochonderin und setzte sich an den offenen Flügel, die Akkorde eines Marsches anschlagend. „Das ist der Abschiedsmarsch," rief sie zu Helene, „ich sehe ja, daß Du mich satt hast — ich werde morgen abreisen." Helene öffnete gerade die Lippen zu einer Entgegnung, als sich die Thüre aufthat und das Stubenmädchen einen Brief an Martha überbrachte. Diese erbrach ihn hastig und ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr ihren Lippen, als sie den Inhalt des Schreibens überflog. „Sieh' da," rief sie aus, „das gedankenlos hingeworfene Wort soll zur Wahrheit werden. Meine Eltern rufen mich ohne Verzug nach Hause." „Mein Gott," sprach Helene betroffen, „ist das wahr? Ich habe mich schon so in dieses Verhältmß hineingelebt, daß mich die Aussicht, es solle nun ein Ende nehmen, mit einer schmerzlichen Beklemmung erfüllt. Geh — laß mich doch nicht hier allein!" „Närrchen Du," schallt Martha, „meinst Tu denn wirklich, wir sollen für immer alle Fäden abschneiden, die dieses verzauberte Schloß mit der Außenwelt verbinden? Im Gegentheil, Helene, — gewiß sollst Du nicht hier allein bleiben — Du mußt mit mir, hinaus in die schöne große Welt." „Glücklicher Kind," seufzte Helene, „Deine Illusion läßt Dir noch Aller in rosigem Licht erscheinen. — Ja wohl, ich gehe fort von hier .... ich muß fort.aber vorerst muß ich hier meine Angelegenheiten in Ordnung bringen, dann folge ich Dir in einigen Tagen nach." Der ganze Tag verstrich mit Zurüstungen zur Abreise Marthas. Als diese beendet waren, blieben die Freundinnen am Abend noch eine Zeit lang beisammen.