Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 58 (20.7.1896)
- Date
- 1896-07-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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dieses Vereins fand nach dem Festessen eine große Versammlung statt, in der Dr. Herzl die Hanptrede über sein Project hielt. Er führte aus, daß er nie erwartet habe, daß seine Ideen so schnell einen Anlauf zur Verwirklichung nehnren würden, wie dies der Fall sei. Jede neue Idee habe verschiedene Stadien durchzumachen, zuerst halte man sie für das Produkt eines hirnverbrannten Kopfes, dann verspotte man sie, findet dieselbe aber doch mehr Anklang, so wird sie ernstlich in Erwägung gezogen und vielleicht auch ausgeführt. So ging es auch mit der Idee des jüdischen Staates, während man noch von einer Seite sie für eine Utopie erklärte, und andere Herzl und seine Ideen verspotteten, indem sie meinten, er wolle Premierminister des neuen Staates oder auch nur Gesandter desselben in Paris oder London werden, während dieses sich abspielte, fanden sich doch schon so viele bedeutende Leute, die sich ernsthaft mit dem Project Herzl's beschäftigten, daß es bereits aus den Stadien der Utopie heraus in das eines durchaus ernst zu nehmenden Versuches getreten. Auf dem Continent sind so große Massen von Juden, die sich nicht assimiliren könnten, daß man für die eine Altshilfe suchen müßte. Jedes Land könne nur eine gewisse Anzahl von Juden vertragen, sobald mehr einwandern, so entsteht eine antisemitische Bewegung und bedroht die Rechte und die Existenz der schon im Lande befindlichen Juden ebenso, wie sie die Grenzen gegen weitere jüdische Einwanderung verschließt. Deßhalb beschäftigen sich schon viele mächtige und in den Regierungen befindliche Personen mit der Frage eines jüdischen Staates, sogar ein regierender Souverain habe ihm in einer Audienz seine volle Zustimmung ausgedrückt, aber bezeichnender Weise hinzugefügt, daß Herzl discret sein solle, sonst würden ihn seine eigenen Unterthanen des Antisemitismus beschuldigen. Ein Einwand ist immer gegen Herzl's Plan erhoben worden und, er selbst muß es zugeben, von sehr schwerwiegender Natur, nämlich, daß das Project die schon vorhandene Kolonisation in Palästina gefährde, denn die türkische Regierung, auf die politischen Bestrebungen aufmerksam geworden, werde die weitere Niederlassung von Juden verbieten, um nicht zu den vielen schwebenden Fragen noch eine neue hinzuzufügen. Dem gegenüber müsse Herzl betonen, daß die Juden zur Zeit keinen geeigneteren Souverain hätten, als den Sultan, und daß dieser nicht daran denke, der weiteren Auswanderung von Juden nach Palästina Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Aber mit der Ansiedelung einiger Hundert oder Tausend jüdischer Bauern sei die jüdische Frage noch nicht gelöst und der Zionismus müsse sich in eine politische Partei verwandeln. Das habe auch der Baron Hirsch eingesehen und wenn er länger gelebt hätte, würde er sich, das ist die feste Ueberzeugung von Herzl, att die Spitze der neuen Bewegung gestellt haben. Ein letzter Einwand, daß die Juden für einen Staat, der doch vorwiegend ackerbautreibend sein müsse, nicht die nöthige Fähigkeit hätten, ließe sich leicht widerlegen, wer die Berliner Ausstellung der jüdischen Dörfer in Palästina besuche, werde mit Genugthung. vielleicht auch mit heimlicher Beschämung zngestehen müssen, daß die Juden vorzügliche Ackerbauern werden könnten. Das alte Land wird wieder jung unter den Händen seiner Söhne, möge sein Wiedererwachen mit dem des jüdischen Volkes zusammenfallen und zu einer Neubelebung von dessen politischer Unabhängigkeit führen. — Nach diesem von lautem Beifall begleiteten Schlüsse der gedankenreichen Ausführungen des geistvollen Feuilletonisten begann die Debatte, in der sämmtliche Redner einen abweichenden Standpunkt vertraten. Nur der berühmte englische Maler Kolman Hunt unterstützte Herzl rückhaltlos, während Zangwill, der Schriftsteller des Ghetto, mit einigen humoristischen Bemerkungen sich abfand, ohne zur Sache selbst ernsthaft Stellung zu nehmen. Die Führer der Chawawe Zion I. Prag, Dr. S. A. Hirsch und Herbert Ventwich erklärten, daß sie im Prinzips Herzl zustimmen müßten, seinen Plan aber für unausführbar hielten und sich deßhalb für das engerbegrenzte Projekt einer Infiltration von jüdischen Bauern nach Palästina entschlossen hätten, um so ohne politische Hintergedanken einem Theile unserer Brüder ein Asyl zu verschaffen. Die Herren Israel Abrahams, Joseph Jacobs und Alfred Cohen wiedersprachen dem Plane von Herzl, weil nach ihrer Auffassung die Mission der Juden eben in ihrer Zerstreuung unter den anderen Völkern bestehe, und die Herren Prof. Hartog, Rev. Dr. A. Löwy und I. H. Levy hielten den Plan sogar für gefährlich, weil er den Antisemiten zuweit entgegenkomme. Endlich beantragte Lucien Wolf, der für seine Person der Idee Herzl's im Prinzip zustimmte, sie aber in der Praxis für unausführbar hielt, die Einsetzung einer Kommission, seitens der Makkabaeans, um die Angelegenheit zu berathen und trotz einigen Wiederspruches nahm die Versammlung diesen Vorschlag an. Mit einem Schlußwort Dr. Herzls, in dem er nochmals auf die gräßliche unhaltbare Lage der Juden in Rußland und Rumänien hinwies, endigte die interessante Versammlung. > Vermischtes. < Jerusalem. Das Hospital „Misgab-Ladoch" harte im verflossenen Jahre eine Einnahme von 145,088 Piastern, denen Ausgaben in d.r Höhe von 161,240 Piaster gegenüberstehen, somit ein Deficit von 16,152 Piastern.