Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 58 (20.7.1896)
- Date
- 1896-07-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1106 Der Stadtverordnetenvorsteher aber hielt auch eine solche Kritik für unzulässig, und die Versammlung lehnte mit 15 gegen 12 Stimmen ah, einen Beschluß zu fassen. Vom Rhein, Mitte Juli. Schneller wohl, als Sie erwarten, löse ich mein Versprechen ein und ich hoffe, Sie zürnen mir nicht. Sie wünschen Briefe — selbstverständlich interessante — über alle, das Gesammtjudenthum interessirende Fragen und wollen diese Fragen auf Causerieart behandelt wissen. Je mehr ich mir aber Ihren Wunsch überlege, um so schwieriger scheint mir die Aufgabe zu sein. Die das Gesammtjudenthum betreffenden Fragen unserer Zeit vertragen eigentlich keinen leichten Plauderton, sondern verlangen den schweren Ton wissenschaftlichen Disputs, oder den ernsten Ton pathetischer Rede. Aber sei es drum; ich will wenigstens versuchen, Ihren Wunsch zu erfüllen. Eine der ersten und wichtigsten Fragen, welche zur Zeit die Geister der Juden erregt, ist die Frage über den „Religionsunterricht". In Berlin ist man auf der Versammlung der Delegierten des D.-J. G.- B. sogar soweit gegangen, die Regierung zu ersuchen, in den höheren Schulen den jüdischen Religionsunterricht für obligatorisch erklären und gleich dem christlichen, als Hauptfach betrachten zu wollen. Wir können uns mit dieser Forderung nicht einverstanden erklären, da das, was jetzt auf den höheren Schulen als „israelitische Religion" gelehrt und geleistet wird, auch nicht im Entferntesten dem entspricht, was die jüdische Religion von dem Univissendften ihrer Bekenner verlangt. Oder meint mall vielleicht, daß wenn unsere Jugend ein wenig Bibel, einige Ereigniffe aus der nachbiblischen Geschichte wisse, damit die „Religionslehre" gelehrt sei? In keinem Falle! Unsere Religion ist nach den Worten unserer Weisen eine Religion der That. „Lo Iiamidroseh ikkor eloh hammase!“ Nicht der Religionsunterricht, nicht das Wissen ist die Hauptsache, sondern das Thun, die getreue und gewissenhafte Erfüllung der religiösen Pflichten. Der Zweck, das Ziel des Religionsunterrichts ist ein solcher, wie ihn keirre Schule jemals erreichen wird, weil sie nur theoretisch die Lehre des Glaubens den Schülern mitthcilen kann. Ferner hängt unsere Religion so enge mit dem Leben und der Familie zusammen, daß der eigeittliche Religionsunterricht nur von den Eltern in der Familie im ganzen religiösen Leben ertheilt werden kann. Unsere heutigen religiösen Verhältnisse sind leider derart, daß bei den wenigsten Kindern der Religionsunterricht fruchtbringend wirken kann. Bei den meisten wird das religiöse Leben der Eltern in direktem Widerspruch mit den Lehren der Religion stehen oder entweder eine Geringschätzung dieser Lehren oder eine Verurteilung der Eltern, die diesen Gotteslehren widersprechend leben, herbciführen. Wer soll den Religionsunterricht ertheilcn? Dittes, der bedeutendste Pädagoge der neusten Zeit, sagt: Nicht der Geistliche, sondern der Lehrer. Hierfür spricht eine Reihe von Erwägungen. Vor Allem liegt auf der Hand, daß die Geistlichen keinen anderen, als einen konfessionellen Religionsunterricht ertheilen können, sie sind ja die officiellen Vertreter der Eonfessionen. Eben deshalb gehören sie nicht in Simultanschulen (was unsere höheren Schulen ja durchweg sind) die mit confessionellen Besonderheiten nichts zu thun haben. Will man die letzteren pflegen, so errichte man besondere Anstalten. Wenn die Staats- und Schulbehörden die zwangSiveise Fortpflanzung der Religion, d. i. der Eonfessionen in den öffentlichen Bildungsanstalten dulden oder gar verordnen, s o w i rd d i e G l a u be n s s r e i h e i t untergraben und der Jugend Gewalt angethan. Selbst der Theologe S ch l e i e r m a ch e r, welcher nicht nur auf weltliche Bildung, sondern auch auf religiöses Leben hohen Werth legt, äußert sich in ähnlichem Sinne. Wenn schon christliche Pädagogen fein Heil in dem Religionsunterricht der allgemeinen Bildungsanstalten sehen, wie viel weniger sollten wir Juden eine Polizeiaufsicht über unseren Religionsunterricht erstreben! Möge der D.-J. G--B. sein Streben darauf richten, genügend R e l i g i o n s schulen zu errichten, in bcucn unsere Religion gelehrt und g e ü b t wird, dann wollen wir ihm dankbar sein. Einer obrigkeitlichen schriftlichen Bescheinigung über die Kenntnisse in der Religion bedarf unsere Jugend nicht. Die Ferienzeit unserer Schiffen naht und wenn Sie diesen Brief erhalten, haben die Ferien vielleicht schon begonnen, und viele der Leser Ihrer Zeitung haben die traute Heimath schon verlassen, um im Hochwald oder in den Fluthen des Meeres Erholung und Kräftigung ihrer Gesundheit zu suchen. Das ist eine Zeit, so recht geschaffen, über die Anregungen, die Ihre Zeitung ja in so reichem Maße giebi, nachzudenken, imd während ich der Jugend vergnügte Ferien wünsche, bitte ich die Eltern, diese Zeit zu benützen, ihre Kinder dem Judcnthum und seinen hohen geistigen und idealen Bestrebungen und Interessen nahe zu bringen, danrit sie die heilige Sendung und den priesterlichen Beruf desselben erkennen und würdigen lernen. Ihr ergebener A b ra h a m. O e st e rr.-Un gar. Monarchie. Alt, 12. Juli. („A semitismu s>") Dem „Fr. Bl." wird von hier geschrieben: Der Antisemitismus, wie er in Deutschland una anderswo Mooe ist, scheint denn doch zu abgeschmackt und dem christlich-gläubigen Gemülhe nicht zusagend, so daß an seine Stelle etwas Neues treten muß. Jnsbe-