Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 58 (20.7.1896)
- Date
- 1896-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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der mit der Anstalt verbundenen Poliklinik wurden im verflossenen Jahre 7555 Kranke, ohne Unterschied der Konfession, aus Stadt und Umgegend behandelt. Den Aerzten, die sich freiwillig deren Dienst widmen, spricht der Bericht den verbindlichsten Dank aus, auf welchen ganz besonders der Leiter der chirurgischen Krankenabtheilung, Herr Dr. Fritz Cahen, Anspruch hat. Die Krankenpflege wird, wie seit mehreren Jahren, durch in der Anstalt ausgebildete Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen (in Frankfurt a. M.) geleistet, unter Leitung der sehr verdienten Oberin Frieda Brüll, die mit ungetheilter Emsigkeit die Geschäfte der Krankenpflege, der inneren Verwaltung und der Hauswirthschaft wahrnimmt. Die Verwaltung des Asyls hat sich auch im abgelausenen Jahre alle neuen Hülfsmittel zu eigen gemacht, die für ein modernes Krankenhaus unerläßlich sind. Insbesondere hat der Krankenflügel für Bäder, Krankenzimmer und Operationssaal eine centrale Warmwasserleitung erhalten. Die Zahl der Verpstegnngstage stieg im Jahre 1895 von 19 556 im Vorjahre auf 20 253. Es wurden in der Anstalt im verflossenen Jahre 525 Operationen mit bestem Erfolge vorgenommen. Folgende Aerzte waren im Asyl bezw. in der Poliklinik im Dienste der Menschenliebe mit aufopfernder Hingebung thatig. Die Herren Dr. Auerbach, leitender Arzt der Anstalt, Dr. Oppenheim, Dr. Albersheim, Dr. Wallerstein für innere und Kinderkrankheiten, Dr. Fritz Cahen Chirurgie, Dr. Moses für Ohren- und Halskrankheiten, Dr. Jsaac für Augenkrankheiten. Der Rechnungsabschluß für 1895 zeigt einen kleinen Ueberschuß von 47 Mark, indessen fungirt in der Bilanz aus iben Jahren 1890 bis 1895 herrührend ein Defizit won M. 50 701. Es ist also für edle Menschenfreunde aller Anlaß vorhanden, die so segensreich ^wirkende Anstalt mit Zuwendungen und Stiftungen AU bedenken. Die Jahresbeiträge im Vorjahre betrugen M. 10 705, an welchen die Synagogen-Gemeinde Köln mit M. 3000 und verschiedene israelitische Wohlthätigkeitsvereine mit insgefammt M. 950 betheiligt sind. Mitglieder der Familie Eltzbacher tragen insgefammt M. 3300 jährlich zu den Kosten der Anstalt bei. An Spenden erhielt die Anstalt im vorigen Jahre M. 7671, die Poliklinik M. 441. Die Stiftungen zu Gunsten der Anstalt betrugen im Vorjahre M. 19 300, darunter M. 10000 von den Erben Michael Simons in Düsseldorf, M. 6000 von Geschwister Simon in Köln (Komödienstraße). Der Bericht führt die Namen der verstorbenen Wohlthäter der Anstalt auf, zu deren Erinnerung alljährlich eine Gedächtnißfeier in der Anstalt stattfindet. Schließlich wendet sich der Bericht an alle edlen Menschenfreunde mit der Bitte, dem Asvl ihre Gunst auch weiterhin in erhöhtem Maße zuzuwenden. Die Anforderungen, welche an die Anstalt gestellt werden, mehren sich von Jahr zu Jahr, ohne daß die Verwaltung in der Lage ist, sowie sie es gerne möchte, den Gesuchen um Aufnahme von Leidenden und Altersschwachen stets entsprechen zu können. Bromverg, 14. Juli. Hierselbst macht eine Wahl sehr viel Aufsehen, welche unlängst der Provinzialausschuß für den Bezirksausschuß getroffen hat. Der verstorbene Kaufmann Kolwitz war Mitglied des Bezirksausschusses, fein Stellvertreter Herr Aronsohn. Der Provinzialausschuß hat nun zum Mitglieds des Bezirksausschusses nicht Herrn Aronsohn gewählt, sondern einen Herrn Böhme aus Bromberg, welcher ein tüchtiger Geschäftsmann ist, aber Ehrenämter in Bromberg noch nicht bekleidet hat. Die „Freis. Z." bemerkt dazu: Rach einer Angabe soll er früher einmal stellvertretendes Mitglied des Bezirksausschusses gewesen sein. Herr Aronsohn dagegen war in Bromberg sechs Jahre lang Arnienbezirksvorsteher, fünfzehn Jahre lang Stadtverordneter, sechs Jahre Magistratsmitglied und drei Jahre stellvertretendes Mitglied des Bezirksausschusses. Aber freilich, Herr Aronsohn ist Jude, und der Oberpräsident v. Wilamowitz-Möllendorf soll es nicht gewünscht haben, daß Herr Aronsohn zum Mitglied des Bezirksausschusses gewählt werde. Der Magistrat zu Bromberg hat in einer Resolution dem Provinzialausschuß über diese Wahl sein Befremden kundgegeben. Es heißt in der Resolution wie folgt: Der Magistrat gebe zu, daß Herr Böhme ein ehrenwerther Bürger und ein in seinem Fache achtbarer und tüchtiger Geschäftsmann sei; trotzdem sei es bedauerlich, daß nicht Herr Aronsohn gewählt fei. Bei der bedeutsamen Stellung, die der Bezirksausschuß als Gerichtshof für das öffentliche Recht einuehme, müsse Bromberg als die größte Stadt des Regierungsbezirks als Vertreter wenigstens ein Mitglied im Bezirksausschuß haben, das erschöpscnde Auskunft über die kommunalen Verhältnisse zu geben im Stande sei. Dieser Forderung entspreche H.rr Aronsohn in ausgi'bigslem Maße, da er sowohl seit lanyen Jahren als Stadtverordneter und Stadtrath mitten im kommunalen Leben stände, als auch das erkrankte bisherige Mitglied im Bezirksausschuß säst ständig vertreten habe. Herr Böhme sei dagegen in der städtischen Selbstverwaltung noch nicht tbätig gewesen und dürfte nicht in der Lage sein, über Fragen der städtischen Verwaltung Auskunft zu ertheilen. Mit dem Amt eines Bezuksausschußmitglicdes dürste in der Regel auch der beste Bürger seine Thätigkeit im Dienste der Stadt beschließen, aber nicht beginnen. Der Magistrat müsse bemüht sein, das Recht der Selbstverwaltung für die Zukunft zu wahren, und bitte daher den Vorsitzenden des Provinzialausschusscs, vorstehende Erklärung entgegen zu nehmen. Diese Refolution wurde auch der Bromberger Stadtverordnetenversammlung mitgetheilt. Aber der Vorsteher, Professor Bokusch, hielt die Versammlung nicht für zuständig. Oberbürgermeister Braesicke, der anderer Ansicht war, wollte wenigstens Kritik an dem Verhalten des Provinzialausschusses geübt wissen.