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Der Israelit · 1896-07-20 · Heft 58 (20.7.1896) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 58 (20.7.1896)
Date
1896-07-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1104 Wir haben leider nur wenige gute biblische Geschichtsbücher, die sich nach dem Beispiel der Thora darauf beschränken, womöglich mit Beibehaltung des biblischen Wortlauts des Geschehenen plan und schlicht darzustetten. Die meisten geben noch ihre Zuthaten in Form von Sprüchlein, Reflexionen und Gefühlen dazu. Gefühle können nun aber einmal nicht diktirt werden. Weckt der Gegenstand der Behandlung und die Behandlung des Gegenstandes diese Gefühle nicht von selbst, so sind sie eben erkünstelt und bedeuten eine schwere pädagogische Versündigung. Die Vorstellungen und Begriffe, die Wahrheiten, in deren Besitz ein Lehrer seine Schüler wünscht, dürfen den Kindern nicht diktirt, nicht gelehrt, sondern müssen aus den dem Schüler vorgelegten Stoffen entwickelt werden, müssen also derart sein, daß sie das Kind aus sich entwickeln kann. Das Gegentheil, das Millheilen, Vorsagen, Oktroyren, Aufnöthigen, Eintrichtern, macht Geschichte und Religion zum Gegenstand des Auswendiglernens, macht diese Seele allen Unterichts zur trocknen, geistlosen Mumie und bewirkt, daß die Religion, die auf so unpsychologische, unmögliche Weise hergebracht wurde, niemals auf das Gemüth wirkt, sondern stets etwas Aeußerliches bleibt. Diese Lehrweise könnte schon allein den trostlosen, religiösen Vorfall erklären, der sich nun seit zwei Generationen immer nachhaltiger vollzieht. Und doch gibt es eine ganz erschreckende Anzahl von Lehrern, welche diese wichtige, fundamentale Regel der Erziehungskunst nicht begreifen, geschweige denn befolgen : Man darf den Kindern nichts vorsagen! Man darf ihnen nicht vordeklamiren, was für Gefühle sie bei diesem oder jenem Gegenstand haben müßten, weil sich Gefühle und Gesinnungen eben nicht koimnandiren lasten. Keine Erklärungen und keine Definitionen! Das Nichtsthun muß soweit gehen, die Virtuosität des wirklich pädagogisch gebildeten Lehrers muß es soweit bringen, daß er nicht erst zu sagen hat, das ist gut und das ist schlecht. Auf dem Unterricht, der die Kinder das nicht von selbst empfinden läßt, ruht der Fluch, ruht der Tod. Fluchlehrer nennt die Lehrer dieser Art Jean Paul, dieser tiefe Kenner der Menschen- und besonders der Kindesseele: „Das bedenkt ihr nicht, ihr Fluchlehrer, daß ihr den Kindern an Trank früher gabt als der Durst, die ihr wie einige Blumisten, in den gespaltenen Stengel der Blumen fertige Lackfarben und in ihren Kelch fremden Balsam legt, anstatt ihnen blos Morgensonne und Blumenerde zu geben." „Dem Kinde zu sagen, daß etwas schöner sei, oder nicht, und weßhalb, ist Unverstand. Man sagt dem Kinde ein Wort, es sagt es nach und — hat nichts gelernt und nichts dabei gewonnen, als es mit der Wahrheit nicht genau nehmen;" sagt ein gewissenhafter, wahrhafter Pädagoge, B artholomäi. „Was du denkst", sagt Schiller, „gehörtAllen, was du fühlst, ist dein eigen." Ein anderes Wort destelben Kenners der Höhen und Tiefen der menschlichen Seele: „Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Styls", heißt auf den Lehrer angewandt: In dem, was er weise verschweigt, zeigt sich der Meister im Lehren. Und wie ist diesem Krebsschaden unsers ganzen Religionsschulwesens gegenüber ein drittes Schiller'sches Wort am Platze: „Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonne!" Durch wenige Laster schadet man der Jugend, auch in Schulen, mehr, als durch das Laster der Schmatzsucht, dieser Manie, die so Viele ergriffen hat, seitdem man auf das Bek nntniß von Worten so viel Werth legt. In den Schulen, in denen ein Schwätzer regiert, wird jede Geistesbildung, ja jede Geistesregung durch den ewigen Wortschwall erstickt und begraben. Das große Publikum hat darüber keine Stimme, von Tausend oft kaum Einer. Man meint, wer eine gewandte Zunge habe, wer von „Allem zu reden" miste und immer dazu bereit steht, der sei ein Lehrer. Kaum ist ein Jrrthum verbreiteter, keiner schadet mehr als dieser. Der Meister zeigt sich, was das Innerste betrifft, in dem weisen Schweigen, lehre er durch den lebendigen Mund, oder durch die tobte Schrift. Um es kurz zu sagen: Im Lehren an sich entscheidet das Talent; aber es bedarf zur Unterlage der Gesinnung, die sich in Worten bloß zu legen eine Scheu hat. Die Virtuosität, den Lehrstoff dem Schüler so vorzulegen, daß er von selber oder wie von selber die Gesinnungen und Gefühle, die erweckt werden sollen, entwickle und abstrahire, ist das Wesen der Sokratik, das Ideal aller Katechetik. Unsere knöchernen Katechismen mit ihren auswendig zu lernenden Gefühlen und Gesinnungen, unsere biblischen Geschichtsbücher mit ihren süßlichen, kindlich sein sollenden Zuthaten verhalten sich zu ihr, wie eine künstliche Blume zu einer natürlichen, wie eine Pfütze zu einem Springquell.(Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Corresvondenzen. Deutschland. Köln, 17. Juli. Nach dem uns soeben zugehenden Jahresberichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache zu Köln für das Jahr 1895, wurden in der Anstalt 346 Kranke und 41 Sieche und Altersschwache verpflegt, gegenüber 302 bezw. 43 im Vorjahre. Von den Kranken, welche im Asyle Aufnahme fanden, gehörten 206 der christlichen und 138 der israelitischen Konfession an. In

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