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Der Israelit · 1896-07-16 · Heft 57 (16.7.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 57 (16.7.1896)
Date
1896-07-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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" f w 1J 1089 ihm Helene plötzlich in einer Gestalt offenbarte, die seinen Vorstellungen von ihr diametral entgegengesetzt war. Auch er hatte sie sich auf dem stolzen Piedeftal des Glückes vorgestellt, hochmüthig, stolz im Besitze ihrer Glücksgüter — und nun hörte er sic auf einmal vom Lebensbankerott sprechen, sah er ihre Thränen fallen-Er fühlte, wie sie in seinem Innern eine syphatische Seite erklingen machte. „Gnädige Frau," sprach er wohlwollend, „siebzig Jahre bedeutet der Schnee auf meinem Scheitel, — siebzig Jahre der mannigfachsten Lebensschicksale haben meinem Blick einige Schärfe, meinen! Urthcil einige Läuterung verliehen. Ich stehe in einem Alter, dein man gerne ein offenes Wort zu gute zu halten pflegt.wollen auch Sie mich dieses Vorrechtes thcilhaftig werden lassend" „0 — in seinem ganzen Umfange!" „Wohlan denn, so muß ich Ihnen sagen, daß Sie meinem Steffen in der BeurtHeilung der Beweggründe seines letzten Entschlusses Unrecht thun. Wohl bedeutet seine Abreise von hier eine Flucht, eine Flucht vor Ihnen, aber nur zum eigenen Schutz unternimmt er sie und durchaus in keiner verletzenden Absicht. Nun kann ich es ja schon gestehen, ohne befürchten zu müssen, an Gottfried eine Jndiscretion zu begehen, er flieht von hier, um dem erwachenden Zauber der Vergangenheit zu entgehen, bevor er ihn unrettbar mit seinen Netzen umsponnen." Helene schüttelte ungläubig den Kops. „Doch, doch, meine Gnädige," fuhr der Greis wieder fort, „es ist so, wie ich Ihnen sage. Welche Motive ihn aber zwangen, mit dem Aufgebote seiner ganzen Energie gegen diesen Zauber anzukätnpsen, das soll Ihnen aus folgender Geschichte klar werden. — Vor Jahren — ich führte damals, einsam wie ich war, ein weltabgeschiedenes, stilles Gelehrtendasein. — Da trat eines Tages mein Neffe unerwartet in meine Stube und frug mich mit einer Bitterkeit im Tone, die ich früher nie bei ihm wahrgenonunen, ob ich nicht einem seiner Seelenruhe verlustig gewordenen Geschöpf ein kurzes Asyl bei nur gewührerl möchte. Er kam aus der Hauptstadt, fast zerschmettert durch einen Schlag, der sein innerstes Seelenleben getroffen hatte. — Hermann verblieb bei mir, und der Einblick, den ich in seine Seele that, offenbarte mir ein Bild trostlosester Zerrüttung. Ein Kind seiner Zeit, kannte und anerkannte er keine anderen Ideale als zeitliche, kein anderes Leben als das endliche. An eines dieser Ideale hatte er sich mit jeder Faser seines jugendfeurigen Herzens geklammert und nun, da er sich der Erreichung desselben für immer beraubt sah, hatte für ihn auf einmal das Leben seinen ganzem Inhalt verloren. Stumpfsinnig und theilnahmslos gegen alle von außen kommenden Eindrücke, lebte er von einen! Tag zum andern vegetirend. — Bald darauf starb ein reicher Anverwandter Gottfrieds, der auch bisher die Kosten seiner sorgfältigen Erziehung bestritten hatte und setzte ihn, da er selber kinderlos war, zum Erben eines großen Theiles seines beträchtlichen Vermögens ein. Ich schöpfte neue Hoffnung. Nun ist er gerettet, dachte ich, die Freude am Besitz wird auch die Freude zum Leben in dem bis dahin mittellosen Jüngling wieder erwecken. Ich sollte mich jedoch bald überzeugen, daß ich mich in dieser Erwartung geirrt hatte. Kaum, daß er die Urkunden, durch welche er zum Erbantritt ausgcsordcrt wurde, eines flüchtigen Blickes würdigte, mir bedeutend, er überlasse es ganz meinem Gutdünken, die nothwendigen Formalitäten für ihn zu besorgen. Weiter erwähnte er die ganze Angelegenheit mit keiner Silbe mehr und lebte wieder theilnahmlos düster und in sich verschlossen für sich hin. — Doch, ich halte Sie vielleicht schon zu lange auf „Bitte, bitte —" entgegnete Helene, die mit lebhaft gerötheten Wangen fast athemlos lauschte, „fahren Sie fort." „Ich ließ trotzdem den Muth nicht sinken. Das Geld vermochte nichts über ihn, so griff ich denn zur Wissenschaft, zu deren schwärmerischen Verehrern er gehörte. Ich lud ihn ein, an rneinen Streifereien in die Gebiete der Naturwissenschaften theilzunehmen. Er gehorchte wie ein willenloses Kind. Stundenlang konnte er bleich und wortlos an meiner Seite sitzen, während ich der herrlichen Spur folgte, die sich durch das ganze Weltall schlingt und dieselben Gesetze des ewigen unfaßbaren Geistes im märchenhaften Raume des Sternenhimmels, im Wogenschwall des Weltmeeres, sowie in der schaurigen Nacht des Erdinnern erkennen läßt. Doch er wußte nichts von alledem. Das Ende war stets, daß er sich mit zitternder Hand über die Stirne strich, über Kopfschmerzen klagte und sich entfernte. Da ließ mich der gütige Allvater ein Mittel finden, mit dessen Hülfe es mir gelang, rneinen Neffen hart am Rande des traurigsten Abgrundes zu retten. Und wiffen Sie, meine Gnädige, aus was dieses Mittel bestand, welches dasjenige vermochte, was den verlockendsten Gütern des Lebens nicht gelungen war? Denken Sie sich — dieses Wundermittel war das vielgeschmähte, verhöhnte und verleugnete Aschenbrödel unserer Zeit : die Religion! — Ich war es stets gewohnt gewesen, die regelmäßigen Mahlzeiten in Gesellschaft meines Neffen einzuuehmeu. Eines Tages jedoch nahm er den Morgenimbiß sonderbarerweise auf seinem Zimmer ein und ließ sich durch den Dienstboten entschuldigen, heftige Kopfschmerzen, an welchen er ja zu leiden pflegte, veranlaßten ihn, auf seinem Zimmer zu bleiben. Ich, durch dringende Geschäfte vom Hause weggerufen, legte der Sache weiter keine Bedeutung

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