Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 57 (16.7.1896)
- Date
- 1896-07-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1090 bei. — Da kam die Zeit des Mittagsmahls, das Essen war längst für uns beide aufgetragen und Hermann kam wieder nicht. Ich wurde beunruhigt und von bösen Vorahnungen befallen eilte ich jetzt, nach dem Verbleib meines Neffen zu schauen. Ich traf ihn, der Thüre mit dem Rücken zugekehrt, in tiefes Hinbrüten versunken am Tische sitzend. Wie erschrack ich jedoch, als ich aus seiner am Tische ruhenden und krampfhaft zusammengeballten Faust das Lauf-Ende eines Revolvers hinausragen sah. Der Schreck hatte schier meine Kräfte gelähmt! Leise, als ob ich es mit einem an gefährlicher Stelle wandelnden Somnambulen zu thun hätte, schlich ich mich zu ihm hin und erfaßte seine, die Mordwaffe umklammernde Hand. Eine tiefe Bestürzung prägte sich in seinen Mienen aus, als er meine Anwesenheit gewahrte und sein verstörter Blick suchte finster den Boden. Ich entwand ihm sanft die Waffe und hielt ihm in schonender Weise das Unedle seines Vorhabens vor. Schließlich bat ich ihn, mich zu begleiten, was er nach einigem Zögern auch that. Ich wollte ihm ein Bild menschlicher Ausdauer gegenüber den Prüfungen des Schicksals vor Augen halten und nahm den Weg zu einem Manne, den ein tückisches Siechthum in der Blüthe seiner Jahre seit vielen Jahren schon an's Krankenbett gefeffelt hielt. Im Krankenzimmer angelangt, bot sich uns ein Anblick, den man die Apotheose des erschütterndsten menschlichen Elends nennen könnte. In einem armseligen Bette lag eine zum Skelett abgemagerte menschliche Gestalt. Die Augen geschloffen ruhte das noch junge, aber in Folge der Leiden greisenhaft ausschauende Antlitz in den Polstern und ein zuckendes Vibriren bewegte oft die Muskeln desselben. Eine jede Regung der Glieder erpreßte ihm schmerzvolles Stöhnen. Zwischen den wachsgelben Fingern hielt er fest ein abgenützt ausseheudes Büchlein. Der Kranke hieß uns mit matter Stimme willkommen. Rach den ersten Erkundigungen nach dem Befinden fragte ich ihn, was er denn da für ein Buch zwischen den Fingern halte. Ein mildes Lächeln flog wie ein verklärender Schimmer über das Dulderantlitz. „Das sind die heiligen Gesänge unseres gesalbten Königs," sprach er, „das ist das Kleinod, welches mich während der zehnjährigen Dauer meines Siechthums vor Wahnsinn und Verzweiflung bewahrt hat. Wenn ich so die göttlichen Worte lese, in welchen eine, der meinigen gleich, unsäglich gepeinigte und blutende Seele unter dem Uebermaß des Jammers zusammenzubrechen droht und dann wieder die trostlosen Klagen plötzlich übergehen sehe in den frohen, jauchzenden Ton der Erlösung durch Gottes Gnade, dann durchrieselt mich ein wonniges Gefühl himmlischer Tröstung; das dumpfe Gefühl völligen Verlassenseins in meinem grausamen Leiden weicht plötzlich einer frohen Helligkeit, die mein Gemüth erfüllt, meine Schmerzen sind wie weggewischt und ich fühle es, daß auch mir einst eine wonnevolle Erlösung zu Theil werden wird, die Erlösung und himmlische Ruhe des heiligen Sabbat, der allen Gerechten winkt." Die letzten Worte hatte der fromme Dulder mit ermattender Stimme gesprochen. Ein seliges Lächeln umschwebte seinen Mund, als er die Augen schloß und das Haupt ermüdet in die Kiffen zurücklehnte. Nach einer Weile war er sanft entschlummert und wir entfernten uns lautlos aus dem Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Der „Jsraelit" erscheint wöchentlich zweimal, «ontast» und Donnerstag», jedesmal in mindesten« zwei »sgen. Preis de« Jahrgang« für Deutschland und Oesterreich 18 Reichs-Mark, sür'S Ausland 16 Reichs-Mark. Mau adoantrt «an»- jährig, halbjährig oder vierteljährig. ALe Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch de» Duchtzandei M «Hetzen drt €. $. Dtetnacker, Leidig, Doßptach IS. — Inserate 86 Pfennig die »iergespalteue Petiteelle «der deren Rau«. — Oesterreichtsche Banknoten laut Lour«. — Direct« Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Denttchland nnd Oesterreich U Reichs-Mark oder 8 st. Lsterr., f&t*« Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco etn-nfende». «dwe «ittkVewtzwwO DOW *» die »edaeRo» «tngefandten Mannseripten findet nicht statt, »*» dittet deStzak» stch von O«a« Einsendungen etwa Skostte r«r»äkzttdehalten. Inhalt (Hanptblatt) r Leitender Artikel: Mein Religionsbuch. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Fürth i. B Schrimm. Oldenburg. Oesterr.-llngar. Monarchie: Wien. Krakau. Littau. Türkei: Bagdad. — Gerichtszeitung. — Sprechsaal. — Feuilleton: Auf des Lebens Höh'. Erzählung von B. Rosner. (Fortsetzung.) Inhalt der erste» Beilager Feuilleton: Holländische Reisebriefe. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Frankfurt a. M. Argenti ien: Buenos-Ayres. England: London. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottftraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.