Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 56 (13.7.1896)
- Date
- 1896-07-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1077 Herrn Liebermann tiott Sonnenberg noch um ein Stück übertrumpfte. Er griff den früheren Abgeordneten Dr. Lndwig Bambergcr in der geschmacklosesten Weise an — eine Heldenthat, die um so niedriger gehängt zu werden verdient, als es sich hier um einen Abwesenden handelte, der nicht im Stande war, dein Herrn Grafen heimzuleuchten. Der Abg. Barth nahm sich des abwesenden Freundes an, indem er das Vorgehen Mirbach's als „nicht gentlemanlike" bezeichnete. Hierzu schreibt die katholische „Germania": „Alle, welche Bamberger kennen, wissen, daß er äußerlich absolut nichts Anormales an sich hat, und ein geistreicher Redner uitb Schriftsteller war und ist er jedenfalls. Und selbst wenn seine linke Seite länger wäre, als die rechte, wäre das seine Schuld? Kann er überbaupt etwas dafür, daß sein Vater ein Jude war? — Wollen einzelne unserer „vornehmen" Blätter sich jetzt zürn Organ des Radall-Antisemitismus machen, so mögen sie ihrem neuen Sport unter sich fröhlleu, aber nicht den Reichstagspräsideuten in ihr Straßengeschrei hinabzieheu. Mit Bethätigllng eines solchen „Christenthums" werden sie unter katholischen Christen überhaupt wenig Erfolg erzielen, so wenig wie Luthers Antisemitenschrift „Schemhamphorasch" aus „Gottes Wort" entstanden ist! Das nationallibcralle „Leipz. Tageblatt" äußert sich wie folgt: „Der Witz über die körperliche Beschaffenheit des, beiläufig bemerkt, dreiundsiebzigjährigeu Herrn Ludwig Bamberger war zu wohlfeit, als daß selbst die seit dem Tode des alten v. Meycr- Arnswatde in Bezug auf Vorrath an attischenr Salz bei ihren Mitgliedern nicht mehr verwöhnte couservative Partei ihn hätte sonderlich goutiren können. Er verrieth dazu das Gegentheil von Feingefühl und rief endlich die Erinnerung an die vielen Fälle wach, in denen der somatisch allerdings wenig ausgiebige Bamberger den breitbrüstigelt und untskulöseu Grafen Mirbach ohne Anstrengung geistig in die Tasche gesteckt hätte. Der Reichstag ist eben feilt Atbletenetub, und soweit der Witz des Grafen antisemitisch sein sollte, so ist inan dort von Anderen Besseres der Art gewöhnt." O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 10. Juli. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus versendet folgenden Aufruf: „Die antisemitische Partei hat ihrein Programm eine neue Nummer eingefügt — „Der Kampf gegen Ungarn" — die sie mit Vorliebe zur Wiederholung bringt. Es wäre aber tief zu bedauern, wenn man in Ungarn zur Annahme gelangte, die Führer jener Partei seien berechtigt, im Namen Oesterreichs zu sprechen und in diesem Namen ein Nachbarvolk zu insultiren, das wie jedes andere Volk ein Recht auf Werthschätzung und auf Anerkennung seiner hervorragenden Eigenschaften beanspruchen darf. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus" fühlt sich vollkommen berufen, gegen diese neueste Kampfesweise der Antisemiten Protest zu erheben, denn die Mitglieder unseres Vereines wissen sehr wohl zwischen echtem und falschem Patriotismus zu unterscheiden, so können wir denn in solchen unqnal'ficirbaren Angriffen gegen Ungarn nur das Bestreben heransfinden, eine Zersplitterung herbeizusühren, die für beide Länder der Monarchie eine schwere Schädigung wäre. Ein großer Theil unserer Mitbürger sieht doch noch klar genug, um zu wissen, welche Fäden die Hände der Marionetten lenken, und welche Schlnßapotheose uns bevorsteht, wenn nicht bei Zeiten Einhalt geboten wird. Wir fordern daher unsere Gesinnungsgenossen auf, unseren Protest durch eine beistimmende Erklärung zu verstärken, damit man jenseits der Grenze auch einmal erfahre, daß der Umsturzpartei eine andere gegenüberstehe, die den alten, ehrenvollen Traditionen Oesterreichs treu geblieben ist. (Folgt Unterschrift.) Rußland. Petersburg. Auf Befehl des Kaisers wurde als besondere Abteilung des Staatsrathes eine neue Commission für die Untersuchung der Gesetze über die Juden gebildet. Die Commission soll die Frage beantworten, ob und welche Aenderungen an den bestehenden Vorschriften über die Inden gemacht werden sollen. Wahrscheinlich wird die Commission, bestehend aus hohen Beamten und sonstigen Sachverständigen, im Oktober zusammentreten. — Unser Glaubensgenosse Abraham Niewert, der unter dem Kaiser Nicolai I. im Heere diente, wendete sich an das Gouvernement in Samara mit der Bitte, ihm, da er arm sei, Land zur Bebauung anzuweisen. Dieser Tage kam unter Nr. 6586 die voin 20. Mai — 2. Juni datirte Antwort, daß er in dem Dorfe Malachowka, Bezirk Natnlia das Grundstück Nr. 928 erhalte, und zwar 8 Dessjatin für jede Person seines Hausstandes, zusammen 56 Dessjatin. Moskau. Nach der schrecklichen Katastrophe auf dem Chodpnskojfelde trug man zahlreiche Verwundete in das nahegclegene jüdische Spital auf der Boschedomka, wo sie von den jüdischen Aerzten in aufopferungsvoller Weise gepflegt wurden. Die Leitung des Spitales verfügte sogar die Entfernung der Reconvalescenten aus den Krankenzimmern nach den Wohnstätten der Spitalsbeamten, um eine größere Zahl der am Chodpnskojfelde Verwundeten aufnehmen zu können. Czar Nikolaus II. konnte nicht umhin, den Juden hiefür seine Anerkennung auszusprechen.