Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 56 (13.7.1896)
- Date
- 1896-07-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1076 in Holland die eigenartige Abneigung gegen intimeren Umgang mit Juden zu finden. Religionstreue Juden berührt das nicht, denn diese suchen solchen Umgang nicht; Nichtorthodoxe, die ihn suchen, klagen über Rischuß. Tout comnie cliez nous. Freilich wird diese Abneigung, ebenso wie bei uns, in vielen Fällen überbrückt und überwunden, aber das bleiben doch Ausnahmsfälle. Und wenn man in Holland die erwähnte Abneigung oft leugnet, so zeugt das von besonderem Wohlwollen. Doch diese Abneigung schadet wirklich wenig, so lange kein Mißbrauch damit gemacht wird. Wenn meistentheils Abneigung gegen intimeren Verkehr zwischen Juden und Christen herrscht, so ist sie doch kein wirkliches Uebel. Sie ist historisch und psychisch in Beider Wesen und Sinn begründet. Und wenn man im öffentlichen Verkehr ehrlich und gerecht und anständig neben einander steht, dann sehe ich noch kerne Ursache zu klagen. Im Gegentheil. Aber der Mißbrauch der Abneigung, das ist Antisemitismus! Und hier liegt der Unterschied zwischen Holland und Deutschland. In Deutschland wird in viel stärkerem Maße von christlicher Seite ein schändlicher Mißbrauch mit dieser Abneigung getrieben, die natürlich besteht, in Holland viel weniger. Ja, es ist bemerkenswerth, daß, wo es in Holland geschieht, es meist von katholischer Seite ausgeht, während bei uns der antisemitische Wind hauptsächlich aus anderer Richtung weht. Zwei Ursachen begründen in Holland den günstigen Zustand. Der schändliche Mißbrauch, Antisemitismus genannt, Menschen wegen ihres Glaubens öffentlich zu verachten, zu verfolgen, mit falschen Beschuldigungen und Anklagen herabzusetzen, in ihrer ehrlichen Arbeit zu schaden, das widerstrebt dem demokratischen, politischfreien Volkswesen, den Ideen des holländischen Volkes. Trotzdem könnte man das Volk, die Bürgerschaft vielleicht aufhetzen, wenn nicht noch ein zweites Moment hinzukäme. Jede eventuelle Wendung zun: Antisemitismus würde von oen hohen und höchsten Kreisen in Holland unbedingt verurtheilt und im Keime erstickt werden. Dem Hause Oranien wird von jeher eine ganz besondere kindliche Verehrung und Liebe von seinen jüdischen Unterthanen entgegengebracht, und das königliche Haus schätzt diese Liebe und Verehrung hoch. Vielleicht in keinem Lande besteht dieses gegenseitige Verhältniß in solcher Art. Kein Staatsmann, noch weniger eine Staatspartei hat je gewagt, Antisemitismus weder officiell noch osficiös zum Leitmotiv politischen Auftretens zu machen. Officiell er Antisemitismus ist in Holland unbekannt, hätte in Holland keinen Sinn. Alle Wege, alle Aemter, bei dencn nicht nach Religion gefragt werden muß, stehen den Juden offen. Allerdings tritt Privat-Antisemitismus im Geheimen auf. Rührende Beispiele königlicher Huld hat das Haus Oranien oft der jüdischen, treuen Bürgerschaft gegeben. Wenn die Juden nur selbst ihre Rechte und Pflichten wahren und ehren, dann werden diese in allen Regierungskreisen geschützt. Und das ist viel, sehr viel. All das beschäftigte mich bei „der Wellen Spiel." Ich ruhe herrlich aus und schöpfe neue Kräfte. NdL". B. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachricht« n und Correspondenzen. Deutschland. Mainz. In diesen Blättern wurde seiner Zeit das widerwärtige, man kann sagen das ekelerregende antisemitische Treiben in Borkum geschildert. Aus Wegen und Stegen, an Zäunen und Mauern, in den Kabinen, kurz wo sich nur die Möglichkeit bietet, stößt man im günstigsten Falle auf antisemitische Albernheiten und Geschmacklosigkeiten, häufig aber auf antisemitische Obskönitäteu, die jedem gebildeten und anständigen Menschen, der dort Ruhe und Erholuna sucht, den Aufenthalt verleiden. Wie nun mitgetheilt wird, scheint sich das Nordseebad Juist würdig seinem Schwesterbad Borkum anreiben zu wollen. Zwei Dainen, Israelitinnen, beabsichtigten ihre Ferien in Juist zu verleben, da sie aber gehört hatten, daß dort ebenfalls der Antisemitismus sein Wesen treibe, so fragten sie bei der Badedirektion all, ob sich dies in der That so verhalte, und die Badedircktion antwortete darauf, daß sie, die Badeverwaltung „als solche sicher nicht so ist", daß den Israeliten der Llufenthalt aber dort nicht angenehm gemacht würde und ihnen daher nur zu rathen wäre, Juist nicht zu besuchen. Das werden sich aber nicht nur die Israeliten, sondern es wird sich das auch jeder Mensch von Bildung und Geschmack, der im Bade Erholung und Frieden sucht, gesagt sein lassen. Berlin, 8. Juli. Der Fall Mirbach-Bamberger ist wieder ein Beweis dafür, daß der Ton des Parlaments in Deutschland sehr gesunken ist. An Schintpfereien leistet der Reichstag von hellte schon Erkleckliches. Der rüde Toll datirt seit der Zeit, wo die Antisemiten im Reichstag ihren Einzug hielten. Es ist das eine Thatsache, die nun einmal nicht zu leugnen ist. Ahlwardt war der Erste, der die schönen Redewendungen, mit denen er in Versammlungen prllnkte, allch auf die Reichstagsdebatten übertrug. Jüngst war es Graf v. Mirbach, der in Bezug alrf Rüdigkeit des Tolles beit Record schlug und