Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 56 (13.7.1896)
- Date
- 1896-07-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448660--42128-2491117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXVII. Jahrgang. Erste Srilage M M 50 des „Israelit". Feuilleton. Holländische Reisebriefe. iv. Hin zu einem großen Meere Trieb mich seiner Wellen Spielsummte in mir mit einlullender, träumerischer Langsamkeit die weiche, etwas dünne Stimme der alten Dame „Erinnerung". Als Schulknabe sah ich mich, ein Paar Zoll hoch, pausbäckig. Ich stand vor der Klasse, im Sabbatanzug, dünkte mich ein angehender Adonis. Es war eine Art Prüfung, eine halb offizielle, vor dern Schulinspektor. Der lange Herr, mit einer großen Brille auf der Nase und einem weißen Tafchentuche in der Hand, imponirte uns nicht wenig. Vor der Klasse stand ich, sollte das Gedicht „Der Pilgrim" von Schiller aufsagen. Ich sagte es auch her, unter Zittern und Zagen. Ob ich große Erwartungen als zukünftiger Recitator hecvorgerufen, ich glaube es kaum. Ich weiß nur noch, daß der Herr Schulinspektor bei meinem Versfuß-Getrappel mit seinem lang herabhängenden Taschenluchzipfel den Takt dazu schlug. Und als ich glücklich schon „hin zu einem großen Meere" (Gottlob der vorletzte Vers) angelangt war, da kam mir der hin- und herschwirrende weiße Zipfel als das Urbild vor von „der Wellen Spiel". Und noch nach Jahren, wenn bei großen und kleinen Poeten von „Wellenspiel" die Rede war, sah ich stets im Geiste den schaukelnden Taschentuchzipsel des Herrn Schulinspektors. — Sie ist wirklich nicht zu beschreiben, diese cigeikartige, wohtthueud ruhige Empfindung, welche den Menschen empfängt, wenn er da in Schevenin gen am Meeresstrande allein sitzt und das Meer genießt. Hunderte von Meilen von Frau, Kindern und Geschäften entfernt, an einem Badeorte, wo er „auf Gottes Erdboden" nichts zu thnn hat, in halbsitzend, halbliegender Stellung in einem Windstuhle. Wie abgeschlosieu von der ganzen Welt, nur dem Meere zugewendet, hört ec das innnerwährende Rauschen, Naufchen, Rauschen. Ec sieht die Wellen immer steigen und übereinander herfallen, und die weißen Schaumspitzen um biegen, und dann hinunter- und Herausrollen und wieder zurück und wieder steigen und so immer weiter. Er sieht das Alles, funkelnd in den schräg hineinschießenden Sonnenstrahlen , roth - gelb - grün angehaucht, unabsehbar groß, weit sich ausdehnend bis dort, wo ein schildernd warmer, blau-grüner Streifen leise die Abscheidung zwischen Himmel und Meeresfläche zeichnet.- So saß ich eine Stunde, zwei, drei Stunden. Reminiscenzen kamen und verschwanden. Der Herr Schulinspektor mit seinem Zipfel ging wie in Nebel auf; dann dachte ich eine Zeit lang nichts. Und dann kamen andere Bilder. Das Schaukeln des jüdischen Volkes auf den Meereswellen der Jahrhunderte, rauschend, plätschernd, manchmal auch schreiend und heulend, steigend, fallend, herausrollend, zurückprallend, weit zerstreut sich ausdehnend über aller Herren Länder, oft goldschillernd und funkelnd, hier mit echtem, dort mit falschem Licht, auch mit weißen Schaumköpsen. Ich war ganz ruhig, beinahe schläfrig vor lauter Ruhe. Und doch stiegen die Wellen des schaukelnden Israels lebhaft da vor mir auf, ab, auf, ab.- Ich hatte Vormittags eine Stunde mit einem christlichen protestantischen Holländer geplaudert. Er hatte mich um Feuer gebeten, wie das in Holland noch mehr üblich ist, als bei uns, und da das Gespräch sich dem Hotelleben zuwandte, erfuhr er, daß ich Jude bin. Da war ich geliefert. Ich war nun verurtheilt auch hier, in den Ferien, in meiner Ruhe- Zeit, von dem leidigen, abgedroschenen Unterhaltungsthema, von dem Antisemitismus, schwätzen zu müssen. Und doch feffelten allmählich die Mittheilungen dieses Herrn so sehr meine Aufmerksamkeit, daß ich später im Gastzimmer meines Hotels die Unterhaltung dahin leitete, daß mir von verschiedenen Seiten näherer Ausschluß über diese Verhältniffe in Holland gegeben wurden. Wer etwa meint, — wie ich es oft behaupten hörte — daß der Boden für Antisemitismus — oder deutlicher ausgedrückl: Das innerliche Rischuß — wohl im deutschen Volke liege, bei der holländischen Nation aber gar nicht zu finden sei, der irrt sich gründlich. „Ni cet exces d’honneur, ni cette indiquitG.*4 Das deutsche Volk ist nicht verdorben, und das holländische nicht tadelfrei. Das alte Wort von Bileam, der Israel fluchen möchte und es schließlich segnet, dieser Urtypus ist für manchen hohen Staatsmann noch heute wahr. „Siehe da ein Volk, abgesondert wohnt es, und unter die Völker läßt es sich nicht rechnen." Das ist in Holland gerade so, wie in Deutschland. Das muß so sein. Das ist unsere welthistorische Bedeutung, vom Weltenherrscher gegeben. Und ob hier hochdeutsch, und dort, einen Strich weiter aus der Erdfläche, niederdeutsch gesprochen wird, das ändert an der Sache nichts, das schraubt Israels Stellung in der Welt nicht höher und nicht niedriger. Und darum ist, gerade wie überall, auch