Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-07-13 · Heft 56 (13.7.1896) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 56 (13.7.1896)
Date
1896-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448660--42121-2491110
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1068 Wenn man sich die Ertödtung aller Ehrfurcht vor Gott klar machen will, welche diese Lehre und Beweise vom Dasein Gottes nicht nur zur unvermeidlichen Folge, sondern auch zur Voraussetzung haben, so kann man dies vielleicht am besten an folgendem Beispiel thun. Was würden wir von einem Kinde halten, das die Ehrerbietung vor Vater und Mutter von dem Beweis abhängig machen wollte, daß sein Vater und seine Mutter auch in Wirklichlichkeit sein Vater und seine Mutter sind? Welche Verrohung des kindlichen Gemüthes gehörte doch dazu, einen solchen Zweifel auch nur aufkommen zu lasten und dafür erst einen Beweis zu verlangen! Welche naive Gutmüthigkeit gehört aber dazu zu glauben, ein solches Kind würde seine Ettern wirklich ehren, sobald ihm nur dieser Beweis erbracht wäre! Kinder fragen daher wohl, ob man Gott sehen könne, ob er auch uns sieht, aber noch niemals hat ein Kind gefragt, ob es auch einen Gott gibt. Es wäre dann, daß dieser verschrobene Religionsunterricht das Kind schon im zartesten Alter irreligiös gemacht hat, was aber Dank der unverwüstlichen, göttlichen Kindesnatur gewöhnlich erst später geschieht. Die Thora fängt deßhalb nicht mit Gott an rwx-n x*is x, sondern mit den anfänglich erschaffenen Dingen jnwtt x x^n, die sie als Schöpfungen Gottes uns vorführt. Als die Weisen für den heidnischen König Talmi eine Uebersetzung der Thora anzufertigen hatten, stellten sie allerdings Gott voran und übersetzten ms*x-c x*i x. Dem Heiden mit seinem sinnlichen Verstand ist Gott der Erste und seine Schöpfung erst das Zweite. Für den Juden bleibt der Gedanke Gott unausgesprochen. Er ist für ihn thatsüchlich unaussprechlich, weil er der Erste ist. Die Thora beginnt mit dem zweiten, mit einem ’z, das 'X kommt erst viel später bei der Offenbarung am Sinai zur Geltung, wo sich Gott selber mit seinem *rjx einführt, nachdem wir aus der Schöpfungsgeschichte und aus dem gottgetragenen Geschick der Väter die Bedeutung dieses r:x kennen und würdigen gelernt haben. Gott als Schöpfer der Welt zu lehren, bleibt aber besonders für Kinder in den ersten Schuljahren noch immer etwas Abstraktes. Wie diese Thalsache in unser Leben und Wirken, unser Thun und Lassen eingreift, das kann daher nicht eingehend genug zum Bewußtsein gebracht werden. Das Wasser, das aus der Quelle sprudelt, die Frucht, die am Baume hängt, sind Gottes Werke und Sein Eigenthum Kein Mensch hat ein Recht, aus der Quelle seinen Durst, mit der Frucht seinen Hunger zu stillen und ohne weiters über Gottes Eigenthum zu verfügen. Mindestens muffen wir es anerkennen, daß Alles durch Sem Wort entstanden, daß Er der Schöpfer der Baumfrucht ist und müssen diese Anerkennung aussprechen, bevor wir uns diese Güter aneignen. Deßhalb sprechen wir nro vor jedem Genuß, mit ihr erlangen wir erst ein Recht auf Gottes Geschöpfe. — Weil Gott Alles und auch uns geschaffen hat, deßhalb kennt er alle Dinge und uns selber am besten. Er weiß, was uns zuträglich und was uns schädlich ist. Deßhalb hat er uns Vieles zu genießen versagt, das zu verbieten unsere eigene Einsicht niemals gefordert hätte. — Damit wir's nicht vergessen, daß nicht wir die Herren der Welt sind, sondern Gott es ist, wenn wir auch selbst Häuser, Güter und Besitzthümer jeder Art unser eigen nennen, deßhalb hat Gott uns geboten, daß wir nach sechstägigem Schalten und Walten in dieser Seiner Welt, sie Ihm an jedem siebenten Tag wieder ganz zurückgeben, keine Blume pflücken, kein Feuer erzeugen, kurz keine Arbeit verrichten, durch die wir sonst in der Welt herrschen u. s. w. u. s. w. Das Alles darf nicht docirt, unterrichtet und als Religion gelehrt, sondern es muß den Kindern ohne alle Feierlichkeit erzählt, geplaudert, kurz in ihrer Weise mitgetheilt werden, bis sie warm sind und diese Wärme durch Fragen bekunden, die sie dazwischen werfen. Kinder sind lebendige Fragezeichen und es erfordert vielleicht noch eine größere Virtuosität d^'s Lehrers, Kinder richtig fragen, als richtig antworten zu lehren. Ein beschränktes Kind gilt der jüdischen Anschauung ein solches, i?xv»b jhv iw, das nicht zu fragen versteht. Um ihnen Gott als Schöpfer, Herrn und Gesetzgeber der Welt recht geläufig und anschaulich zu machen, steuere ich mit allem Raffinement auf einige Fragen hin, die ich gar zu gerne nicht selber stellen möchte, sondern am liebsten von den Kindern gestellt bekäme. Gelingt das nicht, so bleibt nichts übrig, als ganz exabrupto z. B. die Frage hineinzuwersen: wie lange das wohl schon her sein könne, daß Gott die Welt geschaffen hat? Da kommen nun sehr kunterbunte Ansichten zu Tage, je nach dem Alter und der Reife der Schüler. Die Aleph-Beth-Schützen neigen sich der Ansicht zu, daß das schon mehr als hundert Jahre her se'.n können. Dem chemisch und physikalisch gebildeten Gymnasiasten, der vielleicht auch schon etwas Geologie genascht hat, kommt's auf eine Handvoll Hunderttausend Jährchen mehr oder weniger nicht an. Rachdeur die Discussion darüber einige Minuten gewaltet, hat das Interesse für die Frage den Höhepunkt erreicht, der ganz den Fragesteller vergeffen und die Schüler den Gegenstand als einen höchsteignen ansehen läßt. Ich schneide die Diskussion mit der Bemerkung ab, daß sie die Antwort auf diese Frage aus dem Luach gleich auf der ersten Seite an der Spitze derselben ablesen können. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.