Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 55 (9.7.1896)
- Date
- 1896-07-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1050 Köln, 28. Juni. Aus Tanger (Marokko), 12. Juni, wird der „K. Ztg." über einen Aufstand in der Provinz Emsab geschrieben.- „Am Montag, den 8. ds., gelangten durch Boten allerlei sich vielfach widersprechende Gerüchte über einen in der Provinz Emsab und insbesondere in der Burg des Kaid Ben Achmed ausgebrochenen Ansstand nach der Hafenstadt Casablanca. Der wahre Sachverhalt, den man erst jetzt erkennt, ist folgender: Am Samstag, 6. ds., Abends, trafen vor der Burg des Ben Achmed 50 berittene Soldaten unter Führung eines Bochara- Obersten uub geleitet von zwei Umana, Beamten des Finanzwesens, aus Parrakesch als Abgesandte des Sultans Mulei Ab-del-Aziz ein. Der Oberst überreichte dem Khalifa, dem Stellvertreter des Kaids, Si-el-Urbi Ben Selerki, einen Brief des Sultans, der die Aufforderung enthielt, den zwei Umana, die während der letzten Aufstände von den Aufständischen ansgeraubten unterirdischen Getreidemagazine zu zeigen, um den dem Gouverneur und deffen Familie zugefügtcn Schaden abzuschätzen. Das war jedoch nur eine Falle, um den Khalifa bei Aufnahme des Thatbestandes, ohne Aufsehen zu erregen, festnehmen zu können. Wie der Khalifa von der wahren Absicht des Sultansgesandten Wind bekam, ist noch nicht aufgeklärt, jedenfalls ließ er in der Nacht seine Familie in Sicherheit bringen, und er selbst zeigte sich am folgenden Morgen in Begleitung eines zu Fuße folgenden Sklaven und dreier gleich ihm wohlbewaffneten und berittenen Freunde am großen Burgthor. Auf die Frage der Sultansfoldaten, wohin sein Weg gehe, erklärte er, wie verabredet sei, nach dem Mirs, den unterirdischen Getreidegruben. Den Soldaten mußte wohl die gute Bewaffnung des Kbalifa und feiner Begleiter nicht gefallen haben, und sie schlugen, in der Befürchtung, daß ihnen der Vogel entkommen könne, Alarm. Aber der Khalifa brach sich Bahn, schoß seinen zögernden Sklaven und drei der Verfolger nieder und entkam zu einem nicht weit entfernt wohnenden befreundeten Stamme, dessen Schutz er sich anvertraute und den er zur Rache aufrief. Nun wurde die Burg im Verein mit allen übrigen umliegetlden Stämmen, die mit Windeseile herangesprengt kamen — denn kein Volk ist hurtiger als die Araber, wenn es an's Rauben geht —, gestürmt, vollständig ausgeplündert und alles, was nicht besonders niet- und nagelfest war, niedergerissen. Etwa 380 Läden und Kaufmannslager, außer den Häusern von Mohammedanern und Juden, sind geleert und ein Raub der Flammen geworden, wobei nicht allein die Bewohner der Burg und des Judenviertels theils aller Kleider beraubt, umkamen, sonsich auch die Räuber untereinander aus Habgier und Neid todtschlugen. Schreckliche Szenen ereigneten sich, und alle jüngere Jüdinnen, Frauen und Mädchen, wurden von den Rebellen als gute Prise zum späteren Auslösen mitgeschleppt. Das um die Burg gelegene große Hüttendorf von Beduinett wurde ein Raub der Flammen und zahlreiches Vieh, Kamele, Ochsen, Kühe, Schafe, Ziegen, Pferde wurden geraubt, die Sultansfoldaten wurden zum Thcil niedergemacht; wer am Leben blieb, suchte, der Kleidung beraubt, sein Heil in der Flucht. Die beiden Umana langten mehr todt als lebend in einer entfernten Burg an. Die ganze Bevölkerung von Casablanca und Umgend ist empört über die Hinterlist der Regierung, die dieses Morden veranlaßt hat, und selbst die Beamten schütteln mißbilligend ihre Häupter. Ferner wird bekannt, daß der Gouverneur ben Achmed, der sich im Gefolge des Sultans in Marrakesch befand, in's Gefängniß geworfen wurde. Ben Achmed ist ein gerechter Beamter — ein weißer Rabe hierzulande — und hat sich länger als zwei Jahre als der Tapfersten einer, belagert von Tausenden von Arabern, die der reichen Burg Emsab habhaft werden wollten, mit seiner Anhängerschaft wie keiner seinesgleichen gehalten. Er hatte sich dadurch in Casablanca große Beliebtheit und Achtung erworben. Wie nun soeben zur allgemeinen Trauer bekannt wird, hat Ben Achmed sich im Gefängniß durch Dolchstiche entleibt. Die Hetze gegen ihn geht von dem Großvezier Bo Achmed aus, der ihn als Freund und Anhänger seines Vorgängers vernichten wollte. Emsab ist etwa 15 Reitstunden von Casablanca in östlicher Richtung gelegen, es ist eine der Hauptproduktionsprovinzen für Ausfuhrartikel nach Europa und ebenso Absatzgebiet europäischer Handelserzeugnisse. Seine Lage ist günstig, der Boden sehr fruchtbar und wasserreich. In Folge dessen hat ein großer Theil der hebräischen und mohammedanischen Kaufmannschaft von Casablanca Zweiggeschäfte in der etwa 3000 Einwohner zählenden Burg errichtet und betreibt daselbst ein ergiebiges Geschäft. Der Werth der von Casablanca dort lagernden Güter, d. h. europäischer Maaren, wird auf rund 500,000 Lstr. geschätzt, woran europäische Kaufleute und deren Protegirte mit etwa 150,000 Duros betheiligt sein dürften. Rußland. Odessa. Ueber eine Judenverfolgung in dem Städtschen Mizabifch, im Gouvernement Kiew, enthält die „Daily News" folgenden Bericht: Ein Offizier, dessen Rang nicht angegeben wird, hatte in der Umgebung der Stadt gejagt und kehrte bei seiner Rückkehr ins Lager in einer von einem Juden gehaltenen Kneipe der Stadt ein. Er ließ sich ein Glas Schnaps geben und setzte sich, offenbar ermüdet, an den einzigen im Zimmer befindlichen kleinen Tisch, an dem ein russischer Bauer saß, der gerade seine Mahlzeit beendete. Anstatt sich ruhig