Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 55 (9.7.1896)
- Date
- 1896-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1049 artigen Anfragen zu kennzeichnen. Mit Entschiedenheit wandte er sich dagegen, daß es in dem Belieben eines Einzelnen liegen solle, Anfragen an den Vorstand zu richten. Es müsse, wie es bei anderen Körperschaften Brauch, eine Interpellation vorher angemeldet werden, und der Vorstand werde dann nach gemeinsamer Berathung erklären, ob und wann er die Frage zu beantworten gedenke. Zur Sache selbst sei das Angeführte ihm ein Beweis, welch' ein Unding der obligatorische Religionsunterricht darstelle. Ueber die Persönlichkeit der Anzustellenden habe man selbst ein Nrtheil sich nicht zugetraut, es sei erst das Rabbinat, dann die Direktoren der Religionsschnlen, dann Herr Dr. Justrosinski befragt worden. Was die Aufsicht betreffe, so solle man doch nicht vergessen, daß der Staat anstelle und sich jede Kontrole höstichst verbitten würde. Endlich bew.'ise ihm die Anfrage, daß man keine Geduld habe. Man müsse doch abwarten, wie sich die Einführung des Unterrichts gestalten werde. Herr Professor Lewin richtete eine Interpellation an den Vorstand. Die Veranlassung bot dem Redner die Agende des Jugendgotlesdienstes, deren Annahme, wie er aus verschiedenen Paragraphen der Geschäftsordnung nachzuweisen suchte, aus illegalem Wege erfolgt sei. Vom Vorstandstische wurde dem widersprochen, ohne daß es gelang, Professor Lewin zu überzeugen, der vielmehr ein Verfolgen der Sache bis zur äußersten Konsequenz in Aussicht stellte. Der dritte der Interpellanten war Herr Marlin Simon. Er erkundigte sich, ob und wann der Vorstand laut Beschluß vom 8. April die Eingabe an das Kultusministerium bezüglich der jüdischen Lehrkräfte zu veröffentlichen gedenke. Es wäre doch wünschenswerth, daß die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen wüßten, daß ihre Vertretung sich ihrer annehme. Herr Justizrath Meyer erklärte, einer Veröffentlichung sympatisch gegenüber zu stehen. Ein dementsprechender Antrag, in geeigneter Weife der Oeffentlichkeit Kenntniß zu geben, findet einstimmige Annahme. Erft jetzt beginnt die eigentliche Tagesordnung. Als Aussichtsrath für die Verwaltung des "Nachlasses des verstorbenen Baron Hirsch für die der Berliner Gemeinde überwiesenen 8600 Stück Aktien ist vorn Vorstand Herr Dr. Lachmann delegirt worden. Der Vorstand gibt ferner bekannt, daß er entsprechend den Anträgen der Versammlung der Bewilligung verschiedener Subvmtionen für Religionsvereine beigetreten sei. Anläßlich des 70. Geburtstages des Herrn Moritz Manheimer hat Herr Kommerzienrats) Louis Simon dem Hospital die Summe von 10,000 Mark überwiesen, desgleichen die Summe von 6000 Mark Herr Louis Liebmann bei seinem 80. Geburtstage. Es folgt eine Reihe von Rechnungsabschlüssen verschiedener Spezial-Verwaltungen. Von besonderem Interesse ist der Bericht jd.es Erziehungshauses in Pankyw, aus dem hervorgeht, daß unter den 52 Zöglingen sich 36 Lehrlinge der verschiedensten Branchen befinden. An Sparkaffengeldern haben die jungen Leute 2927 Mark aufzuweisen. Der Bericht über das Reichenheim'sche Waisenhaus gibt Veranlaffung, daß der Sitzungssaal von heftigem Streit widertönt. In dem Bericht war der Gesundheitszustand der Waisenkinder als ein vorzüglicher bezeichnet worden. Da erhob sich Herr Profeffor Lewin und erklärte, daß ver Gesundheitszustand in dem Waisenhause im Gegentheil kein guter gewesen. Am Vorstanostisch nahm Herr Sanitätsrath Dr. Wiesenthal den Fehdehandschuh auf. Mit aller Ruhe uno Würde, doch voller Entschiedenheit gibt der Kommiffar seinem Bedauern über diese Aeußerung Ausdruck, die geeignet sei, in die weitesten Kreise Beunruhigung zu tragen. Justizrath Tiktin kam jedoch Herrn Lewin zu Hilfe. Man könne die Sache nicht ruhen lasten. Nachdem die Behauptung von sachkundiger Seite einmal ausgestellt, dürfe man nicht stillschweigend daran vorübergehen. Es müsse untersucht und wenn nöthig eingeschritten werden. Der Referent, Herr Leichtentritt, verliest auf Anregung der Versammlung aus dem Bericht die Stellen, die sich mit dem Gesundheitszustand der Zöglinge beschäftigen. Es wird darin sestgestellt, daß kaum die mittlere Krankheilsziffer der letzten Jahre erreicht worden ist. Persönlich gibt Referent seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß Herr Lewin als Mit-- glied des Kuratoriums die Sache hier zur Sprache bringe. Der Kommiffar ergreift nochmals das Wort, um sich gegen so unmotivirte Behauptungen zu wenden, woraus Herr Lew in mit Heftigkeit sich dagegen verwahrt, daß er Nnmotivirtes behauptet habe. Er habe die Krankheitslisten studirt und fei zu dem Ergebniß gekommen, daß bis zu 39 Prozent der Zöglinge erkrankt seien. Er könne ein solches Faktum nicht als gut bezeichnen. Herr Louis Sachs behandelte mit Ironie das Vorgehen des Herrn Prof. Lewin. Obgleich erst seit Kurzem Mitglied der Versammlung, fühle dieser sich bereits als Meister in allen Verwaltungszweigen und glaube, daß seiner Weisheit nichts entgehen könne. Der verlesene Bericht sei ihm ein glänzendes Zeugniß für den Gesundheitszustand im Reichenheun'schen Waisenhaus. Justizrath Tiktin kann nicht Herrn Sachs beitreten, er beantragt vielmehr die Bildung einer Untersuchungskommission, um über die gesundheitlichen Verhältnisse in der genannten Anstalt Klarheit zu bekommen. Herr Justizrath Meyer will von einer solchen Enquete aus dem Grunde nichts wisten, weil das Kuratorium bereits gesprochen habe und man dasselbe nicht desavouiren könne. Ein Antrag der Herren Manheimer und Simon auf motivirte Tagesordnung wurde damit erledigt, daß der Antrag Tiktin zum Beschluß erhoben wurde.