Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 54 (6.7.1896)
- Date
- 1896-07-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448658--42083-2491070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1032 Tugend ist heute leider selbst im Kreise derjenigen Thoragelehrten selten geworden, bei denen Hand und und Fuß treu im Dienste Gottes und seiner Thora steht. An dem wißt? ns’-w fehlt's, an dem scharfen, entschiedenen Wort, das ohne Vorbehalt und Klausel für die angegriffene jüdische Wahrheit bereitsteht und eintritt. Wenn sich der Thorageist nicht mehr heimisch fühlt in den jüdischen Reihen und sie grollend verläßt, so ist der Mangel dieser Tugend rrmv ro rr;p:, gewiß nicht der letzte Grund ihrer Entfremdung. Bei der nun folgenden Anforderung schwanken die Lesarten. Sie lauten zusammengefaßt: ,2dn jijd zbn Vzv, zb'n r,:*2 und statt letzterem auch zbn rrbzv. Sie bezeichnen im Gegensatz zu der äußeren Verrichtung des Hinhörens und Sprechens einen inneren geistigen Vorgang; und zwar wird mit zbn nrs gefordert, dem ganzen Geiste und Sinne die Richtung auf die zu erlernende Thora zu geben, xbn n?z fordert die selbstständige Verarbeitung und Verwendung des angeeigneten Lehrstoffes und ^2^ oder wfe» verlangt ein objektives, geistiges Anschauen des Erlernten, um es sicherer zu bewältigen und praktisch anzuwenden. (Rabbi Jakob Emden in seinem sni? erklärt nbzv mit narren, wie brron, was ein geistiges Schauen bedeutet.) Die Kunst des Lernens will selber erlernt sein. Wenn dies von allen DiSciplinen gilt, so gilt es in noch viel höherem Grade vom Lernen der Thora. Unser profanes Lernen, wie es der Zug der Zeit fordert, das eine große Zahl von Gebieten, Sprachen, Wissenschaften und Kenntnissen aller Art umfaßt, macht durch seine Vielseitigkeit richtige Vertiefung und Gründlichkeit geradezu unmöglich. Vielleicht waren Wissenschaften und Kenntnisse noch niemals so allgemein in allen Schichten, wie sie es heute sind, sie sind aber wohl auch niemals so oberflächlich und dilletantenhafl betrieben worden, als es jetzt seitens der großen Menge der Viel- und Halbwisser geschieht. Das Streben, überall zu Haus oder doch nicht ganz fremd zu sein, die sogenannte Popularisirung der Wissenschaften hat eine solche Flüchtigkeit des Lernens zur Folge gehabt, daß man sich kaum wundern darf, wenn sich die betrübenden Folgen auch beim Lernen der Thora bemerklich machen. Viele von denjenigen, welche „lernen, Thora lernen," haben keine Ahnung davon, wie vielfach ihrer Beschäftigung mit der Thora die ersten Bedingungen abgehen, die zu mim pip zur wirklichen Aneignung der Thora führen. Dazu gehört zunächst zbr.zz die intensive Richtung alles Sinnen und Denkens auf die anzueignenden Wahrheiten der Thora. Wer lau, lässig mit halbem Ohr, und ohne redliches, ernstes Streben an die Thora herantritt, wird sich ihren Inhalt niemals aneignen, das heißt sich so zu eigen machen, daß er eben geistiges Eigenthum des Lernenden wird. Im Midrasch Jalkut zu Jecheskel C. 40, V. 4 findet sich hierüber folgende Anmerkung: byi ~\zb L'rrn yctr *p:Txn “pny:: nx*i v-ix p rwnn anpcn r," ntn icin*. Sp emm xbni “nix ntno ’JX mm "iz'i B'Fis 'zb' rnxi ":y rmr *p*tx T2 ttcji bwz . 72x7 mj?e>2 D^nn nrnro ontn „Menschensohn, schaue mit deinen Augen und mit deinen Ohren höre und richte deinen Sinn auf alles, was ich zu dir rede u. s. w. Daraus ist zu schließen: Das Heiligthum konnte doch mit den Augen geschaut und mit der Hand gemessen werden und erfordert trotzdem die aufmerksame Richtung vom Auge, Ohr und Herz; wie müssen dies erst die Worte der Thora verlangen, die Bergen gleichen, welche an einem Haare hangen!" Rur wer mit regem, aufmerksam hinhorchenden Ohre und Sinn das zu Lernende ausnimmt, eignet es sich wirklich an; und nur wer das zu Erlernende sich aneignet, beherrscht es und ist dadurch in der Lage, es fruchtbar für's Leben zu machen, damit es nicht wie ein todter Schatz das Gedächtniß belastet. Dieses Vergleichen des Erlernten mit den Erscheinungen des täglichen Lebens, die Constatirung der Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten, die daraus gezogenen Schlüsse und Consequenzen sind das Produkt der nrn, des *121 “pne *12*1 p2D. Gezeitigt wird diese Blüthe unseres Wissens durch bsv oder nb’s» zbr\ durch geistige Anschauung, durch concrete Anschauung aller noch so abstrakten, theoretischen Lehrgegenstände. Diese Forderung geht soweit, daß sie sich nicht nur auf die Lehre beschränkt, sondern auch den Lehrer umfaßt, in dessen Namen uns eine Wahrheit übermittelt wird. So treten im Talmud die lehrenden Meister wie in einem Epos vor unser geistiges Auge; wir hören nicht nur ihre Lehre, wir sehen sie sich erheben, sich niedersetzen, wir erfahren die Gelegenheit, welche ihnen Anlaß bot, diese und jene Wahrheit uns zu übermitteln. Wir sehen Rabbi Josua auf dem Schiffe, Rabbi Akiba im Kerker, Rabbi Chanina ben Tradjon auf dem Scheiterhaufen und sehen sie aus ihrem Leben die Lehre schöpfen, die sie uns zu vermitteln haben. Die Anschauung verlangt, sich den Autor jedes Ausspruchs bis zu unserem Lehrer Moscheh hinauf, sich persönlich vorzuftellen, als stünde er vor dem Lernenden. Durch die Lebendigkeit dieser unvermittelten Anschauung werden Resultate erzeugt, die gerade an's Wunderbare grenzen. So bezeugt R. Moscheh Sofer Vm seinen Lehrer Rabbi Nathan Adler b xr, der ein Kohen war, daß er zu jeder Stunde fähig gewesen wäre, wenn das Gottesheiligthum auf Zijon in seinen Tagen wiedererstanden wäre, die Funktionen eines eines pz zu vollziehen!