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Der Israelit · 1896-07-02 · Heft 53 (2.7.1896) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 53 (2.7.1896)
Date
1896-07-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1012 Begründung des Antisemitismus als auch dessen praktische Betätigung mit Geschick und Muth, aber auch mit einem großen Aufgebot geistiger Kraft bekämpft. > vermischtes. In Jassy hat der Gerichtshof in einem Erbschaftsprozeß der einen Partei den Eid more judaico aufcrlegt, welcher im Sargenes (Kittel) und bei der Sefer Thora in der Synagoge zu schwören ist. Auch andere Gerichtshöfe verfahren ebenso, behandeln also die Juden nicht nach den allgemeinen Gesetzen. Feuilleton. Auf des Lebens Köh'. Erzählung von S. B. R o s n e r. 13) (Alle Rechte Vorbehalten.) Der Bauer warf Gottfried einen schlauen Blick zu und sprach schmunzelnd: „Es ist nicht so leicht, dem alten Andreas was vorzumachen. 'Ra gilt — wenn's Euch angenehm ist, Herr, will ich Euch schon den Gefallen thun und glauben, Ihr wolltet die Leute des Hofes wegen nicht hier haben. — Aber, Ihr nützt Euch ja nichts damit, es wird doch Jeder wissen, wem er die Gabe zu danken hat." „Wieso? Wenn Ihr nicht plaudert, so brauchts Niemand zu wissen!" „Ra — nicht für ungut, Herr — wie sollt man's nit wissen? Auf mich wird Niemand rathen, und auf den Schweinehirt auch nicht." „Aber vielleicht auf den Pfarrer." Der Bauer lachte laut auf. „Seht, das ist schon der Rechte, um den Menschen aufzuhelfen. Ich werde den Leuten einschärfen, sich in Acht zu nehmen, daß der von der Sache nicht Wind bekommt, denn wenn er's erfährt, begräbt ihnen ihre Kinder nicht, bis sie ihm das Letzte bringen, was sie im Haus haben." „Und die Gräfin vergeht Ihr ganz?" Gottfried schaute dem Bauer scharf in's Gesicht und sein Herz schlug rascher. „Wirklich, da habt Ihr Recht, Herr," versetzte der Bauer, betroffen den Kopf wiegend, „aus die wird's schon passen. Die thut viel Gutes mit den armen Bauersleuten. Fährt herum zu ihnen und ein feines Fräulein mit ihr, und theilt unter den Leuten Geld, Holz und Nahrungsmittel aus." Eine tiefe Verehrung prägte sich auf dem Gesichte des Bauerngreises aus. „Alles wahr — aber sagt mir nur, hat Euch die Art und Weise, wie sie das thut, nicht manchesmal mißfallen, habt Ihr Euch nicht wohl manchesmal gedacht: es ist ja recht schön, was die Gräfin thut, aber — sie braucht es nicht mit so viel Lärm zu thun —" Der Bauer schaute in verwirrter Betroffenheit auf Gottfried. „Bräuchte nicht," fuhr dieser mit wachsender Erregtheit fort, „mit hundert Schellen die Gasse auf und ab zu fahren, daß alle Leute vor die Thüren hinausrennen, die Köpfe zusammenstecken und ihr mit den Fingern Nachweisen: Seht, seht, die edle, wohlthätige Gräfin — da führt sie schon wieder zu einem Armen — Gott segne sic! Wie?" Er erhob sich und trat einen Schritt auf den Bauer zu. „Redet, Ihr wisset Bescheid im alten, wie im neuen Testament, Ihr müßt es wissen — wie soll man Wohlthaten üben? Schön still, so daß nur der liebe Gott was davon erfährt, oder mit einem Hallo, daß alle Welt aus dem Schlafe aufgescheucht wird?" Der Greis schaute niedergeschlagen zur Erde und murmelte etwas zwischen den Lippen. Da trat Gottlieb zu ihm heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach treuherzig: „Ja, ja, mein lieber Alter, gar manches schaut, tiefer besehen, anders aus, als die Oberfläche es zeigt. Es ist nicht genug, alt geworden zu sein, man muß sich auch in der Welt mit offenen Augen umgeschaut haben. Nun geht und haltet Euch an das Sprichwort: Es nicht alles Gold, was glänzt. Halt — Euere Pfeife müßt Ihr erst wieder anzünden." Der Bauer stand still, während Gottfried den gelben Blechdeckel der Pfeife öffnete und ein brennendes Zündholz an die Mündung derselben hinhielt. Dann empfahl sich der Bauer, aber so kleinlaut, wie vielleicht noch nie früher,- er hatte Mühe, die Schwelle zu finden. Gottfried blieb in einer nachdenklichen Haltung vor seinem Arbeitstische stehen. Als nun seine zum Bauer gesprochenen Worte in der Stille der Einsamkeit nochmals in seinem Geiste laut wurden, dünkten ihm dieselben recht, recht thöricht. Ein zürnender Unmuth gegen sich selbst erwachte in ihm. Wer hieß ihn, seine gallige Weisheit dem Bauerngreis auszutischen und dessen ruhiges Genlüth mit seinen aufgeworfenen Zweifeln behelligen? Was brauchte es den zu kümmern, ob die Gräfin aus Egoisnnrs die Wohlthäterin der Bauern sei (was selbst nur eine keineswegs erwiesene Verdächtigung ist)? Wärmte etwa deswegen das Holz, oder sättigte das Brod, das sie spendete, minder? Bitter warf er sich selbst vor, es gelüste ihm wohl nach den Lorbeeren der Gräfin und aus Neid wolle er ihr Verdienst herabsetzen. Dieser Gedanke brachte den Unwillen zum Ueberschäumen. Das war also die Frucht von seiner Beschäftigung mit jener Person: Der Vorwurf einer Charakterlosigkeit gegen sich selbst! Was ging sie ihn überhaupt an, daß er so viel an sie dachte, sich über die

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