Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1896)
- Date
- 1896-07-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1013 Motive ihrer Handlungen den Kopf zerbrach und ihr zwei Seiten in seinem Tagebuche widmete? Ja, das Tagebuch ... das trägt an Allem die Schuld! Mit einer zornigen Bewegung rieß er das von der Gräfin handelnde Blatt aus dem Tagebuch und schritt damit zum Kamin. Er zündete es an und schaute befriedigt zu, wie die blaue Feuerlinie sich immer weiter fraß und eine verkohlende, knisternd zusammenschrumpfende Fläche zurücklicß. Dann nickte er mit dem Kopfe und kehrte an den Schreibtisch zurück. Eben wollte er sich an demselben niederlassen, als von der Gasse her ein Schellengeläute, welches sich seinem Hause zu nähern schien, seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Ein zu nachtschlafender Zeit durch ein ganz kleines ungarisches Dorf fahrendes Gefährte ist ein Ereigniß, welches mit Recht die Aufmerksamkeit der Dorsleute wachrufen darf. Gottfried horchte also hinaus und war nicht wenig erstaunt, als die Schellen vor seinem Hause plötzlich verstummten. Der Schlitten war also hier stehengeblieben und es standen ihm Gäste bevor, obwohl er von nirgends solche erwartete. Er sollte sich nicht getäuscht haben, denn nach einer kurzen Weile hörte er Schritte im Flur. Man pochte an der Thüre, er rief „Herein" und — ist's möglich? Ist es Wirklichkeit, oder hat etwa ein tückischer Kobold seine letzten Gedanken belauscht und silcht ihn nun durch diese Vorspiegelung zu ärgern? Er sah jene Frau vor sich, über die er einige Minuten früher ein so hartes Urtheil gefällt und sich so heftig erregt hatte, an welcher er eben ein moralisches Autodafe vollzogen hatte und hinter ihr, scheu zurückbleibend, stand ein wunderhübsches Mädchen, ihn mit seinen großen, wunderschönen Augen neugierig anblickend. Die Gräfin und ihre Freundin! Was diese so spät bei ihm suchen mögen? Das Unvermuthete, ja fast Unglaubliche des Anblicks verfehlte nicht, selbst seinen stählernen Gleichmuth in's Wanken zu bringen. Als er aber sah, wie das Auge der Gräfin mit unverkennbarer Schadenfreude über seine Verwirrung auf ihnr ruhte, da fühlte er sich wie von einem elektrischen Strahl durchzuckt und ganz seiner überlegenen Kaltblütigkeit wiedergegeben. Oho — das Dämchen mag sehen, wie wenig Respekt ein einfacher Jude vor ihrer, mit ihrem Christenthum gleichalterigen Blaublütigkeit empfindet. Er verneigte sich frostig und fragte: „Womit kann ich Ihnen dienen, meine Damen?" „Es ist eine zu Besitchen wenig geeignete Zeit," versetzte Helene, „in welcher tutr Sie aufsuchen, und ich hätte mir auch nicht erlaubt, noch heute zu Ihnen zukommen, wenn Sie mir nicht heute Rachmittag den Beweis geliefert hätten, daß Sie über Etikette ebenso denken wie ich, nämlich mit der größten Geringschätzung." Eine leichte Röthe, welche Gottfried in's Angesicht stieg, bezeugte verätherisch, daß der ironische Pfeil in's Schwarze getroffen hatte. „Hier," fuhr Helene fort, „in wohlthuender Entfernung jener Stätten, wo die Menschen in gegenseitiger Rücksichtnahme auf einander sich gezwungen sehen, eine ganze Reihe von ebenso unnatürlichen, als geschmacklosen Dreffuren durchmachen, können lvir es uns gestatten, dieser conventionellen Philistereien zu entrathen und uns den edlen Grundzügen einer, ihrer Ertremitäten entkleideten Russeauischen Lebensanschauung zu nähern. Doch Pardon — zu den angedeuteten gesellschaftlichen Auswüchsen rechne ich es durchaus nicht, daß unbekannte Personen sich bei ihrer ersten Begegnung mit ihren Namen vorstellen, und entschuldigen Sie, daß dies meinerseits nicht schon früher geschehen. — Meine Freundin: Martha Nödekp — ich selbst Helene Fichtenthal." Helene Fichtenthal! — Gottfried war's, als ob diese zwei Worte zwei Pfeile wären, die zischend durch die Luft flogen, ihm mitten in's Herz hinein. Eine eigenartige Beklemmung preßte ihm die Brust zusammen, dunkel flirrte es ihm vor den Augen. Stumm stand er vor den Frauen da und antwortete auf die Worte Helenens nicht einmal mit der üblichen Höflichkeitsformel, einer Verbeugung Diese vermeintliche neuerliche Anstandsverletzung brachte Helenen noch mehr gegen Gottfried auf und in gereiztem Tone fuhr sie fort: ..Ich weiß nicht, wer jener Herr mit „dunklem Bart" war, der heute in Ihrem Hofe meinem Bedienten begegnete und ob derselbe Ihren Intentionen gemäß gehandelt hat, in dem er es verweigerte, dem Bedienten einen Brief abzunehmen und an Ihre Adresse zu befördern. Jedenfalls hat er Ihnen kaum einen willkommenen Dienst erwiesen, denn jener Brief enthielt nichts, als den verbindlichsten Dank jener zwei Frauen, welche Sie heute aus einer argen Verlegenheit befreiten, und welchen Grund möchten Sie wohl haben, einen solchen Ausfluß der einfachsten Dankbareit brüsk von sich zu weisen? Ich glaube gar keinen, und deßhalb hoffe ich, werden Sie mir nicht grollen, wenn ich nun hierhergekommen bin, um Ihnen dasjenige zu sagen, was ich Ihnen durch den Brief hatte mittheilen wollen. Das zweifelhafte Vergnügen, mich jetzt hier zu sehen, haben Sie nichts anderem, als der unberufenen Einmischung Ihres Freundes zu verdanken. Adieu, mein Herr'" Mit diesen Worten schob sie ihren Arm unter den ihrer Freundin und beide schritten der Thüre zu. Gottfried hatte immer noch keine Worte finden können. — Scham und Verwirrung hielten ihm die Zunge gefesselt. Erst als Helene die Thürschlinke in der Hand hielt, schoß ihm der Gedanke auf, daß