Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1896)
- Date
- 1896-07-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1009 Leben der Welten, das ohne den Sabbatgeist eine Kette von Sorgen und Kämpfen bildet. Die sechstägige Arbeit ist dem Juven ebenso gottgebotene Pflicht, wie die Feier des siebenten Tages. Erzittert nicht beim Eintritt des Sabbat vor dem Gedanken, daß er nun einen vollen Tag in seinem Erwerbsleben innehalten muß. Den Becher erhebt er und preist Gott, der den Sabbat mit der Heiligkeit und dein Segen ausgestattet hat, daß eine ganze Woche davon zehrt. Er lebt am Sabbat nicht von der Arbeit der Woche, sondern die Arbeit der Woche erhält ihre Weihe von dem Segen des Sabbat. Deßhalb zittert er ebensowenig beim Ausgang des Sabbat vor der seiner wartenden Werktagszeit. Er erhebt denselben Becher, aus dem er seinen Sabbatanfaug, die Sabbatseele in sich ausgenommen und preist Gottes liebende Fürsorge auch in der Scheidung zwischen Sabbat und Wochentag. Er berauscht sich nicht an seinem Sabbat, um sich für einige Stunden über die prosaische Wirklichkeit hinwegzutäuschen. Er hat keinen roth angestrichenen Ruhetag und deßhalb auch keinen blauen Montag! Dasselbe gilt von den Feiertagen. Wohl sind sie von Gott aus der Flucht der Zeiten herausgegriffen, in eigenem Glanz gekleidete Momente, aber sie werfen, wie der Sabbat ihren verklärenden Schimmer auf die sie einfriedigenden Zeitgestade, 28 re: ■vcn nnitts „Ein gutes Herz hat immer Feiertag! lehrt die Weisheit des Weisesten (Mischte Cap. 15, V. 15.) Nicht nur an Peßach, täglich ziehen wir im Geiste mit den Vätern aus der Sclaverei durch das gespaltene Meer. Neu wiederholt sich an jedem täglich die Offenbarung der Thora, welcher Schowuoth gilt, sobald er sich in ihren Inhalt vertieft, um ihre Lehren entgegen zu nehmen, 822 p-; c-x e:’ Jeden Tag hat jeder, der ein neues Leben beginnen und von Gott Sühne für frühere Jcrthümer erlangen möchte retrn tt*xn und iier nr:, aus deren Lebensernst immer und überall ^rirmst* p:: die reine Freude vor Gott und mit Gott quillt. Unser „Lebens-Pfad" rn rrrx beginnt mit den Worten: --En 'i:;b „Ich stelle mir Gott beständig gegenüber." (Ps. 16, 8.); und schließt mit den Worten: -ran nntre 28 r,e\ „Ein gutes Herz hat immer Feiertag," unb will uns damit vielleicht durch diese bloße äußerliche Gruppirung die Wahrheit in die Seele reden, daß die gewissenhafte'Beobachtung der uns hier vorgeschriebenen Pflichten, nicht zur Engherzigkeit, Förmlichkeit und griesgrämiger Askese führen, sondern eine beglückende heitere Herzens- und Seelenstimmung zur Folge hat, welche jede Spanne unseres gewöhnlichen Werktagslebens mit festtägigem Glanze verklärt. Das sind die BMrön die zwei feststehende Pole, die zwei „beständigen" Punkte, zwischen welchen der „Lebenspfad" des Schulchan Aruch sich bewegt! Deshalb tragen alle Tage unseres Kalenders ein und dasselbe Colorit, deshalb stehen alle in gleicher Würdigkeit und Bedeutsamkeit rc. Unser Kalender ist nichts als eine bloße leere Tafel — — die wir mit der That unseres Lebens selber ausfüllen. wm c-x 82 1':. Ihre langen, leeren Columnen sind offene Furchen in dem Acker unserer nächsten Zukunft, welche der Saatkeime harren, die unsere Hand in sie streut. Dem flüchtig darüber gleitenden Blick erscheinen Sie bloße aneinander gefügte Zahlen. Gott allein weiß die einzelnen Tage seiner Vollendeten zu schätzen, die ihr Gepräge jeder Zeitspanne aufdrücken. Das ist ihr geistiger Nachlaß, der die von ihnen gelebten Tage nicht spurlos hinschwinden, sondern sie unverlierbar an die Ewigkeit reihen läßt, .rrrui cbyb c-8n:: c-ror. *r n v~" Mit diesen ergreifenden, tief einschneidenden Wahrheiten, die ein flüchtiger Blick aus dem kaum geöffneten Luach liest, contrastireu grell die Anecdoten, Bilder und Feuilletons, mit welchen unsere Zeit auch unserem n:8 als Beilage giebt, um ihm ein dem bürgerlichen Kalender entsprechendes Aussehen zu geben. Welcher Reichthum liegt in der schlichten Anmuth unseres Luach, und welche geistige Armuth bekundet die noch so vielseitige Reichhaltigkeit dieser modernen Zuthaten! Es ist, als ob die jüdische öffentliche Meinung dieser Personifizirung des n:8 heraussühlte und sie durch ihre Nichtbeachtung verurtheilte, während das alte, unscheinbar schlichte alljährlich in immer größeren Auflagen erscheint. Nach diesen Vorbemerkungen wollen wir nun unser Luach öffnen, und unseren Relionsunterricht beginnen. Ein systematischer wird es nicht werden und das ist ein neuer Vorzug dieses Religionsbuches. Die Panegyriker der Systemsucht, die dem Schüler ein religiöses, theologisches, dogmatisches System überliefern, überliefern den Schüler dem System. Was man nach didaktischen Grundsätzen überall im Elementarunterricht verwirft, das findet man noch im Religionsunterricht, weshalb es gewiß wahr ist, daß kein Unterricht weniger von den Fortschritten der Didaktik profitirt hat, als gerade der Religionsunterricht. Wenn heut zu Tage ein Lehrer mit einem System, sei esmit einem grammatischen, oder historischen, oder naturkundlichen feine Schüler belasten wollte, so wiesen wir ihm die Thür. Denn in die Schule gehört kein System, am allerwenigsten darf man damit ansangen. Es paßt nur für den, der es selbstständig aus den Thatsachen entwickeln kann, gehört nur an das Ende wissenschaftlicher Untersuchung und ergiebt sich dann von selbst, und wenn es das nicht thut, to taugt es nichts, weil es nicht in den Sachen