Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 52 (29.6.1896)
- Date
- 1896-06-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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die Wiener Bürgerschaft zu vergeben hat, an einen gewissen Wilhelm Pfister, einen Färber im Bezirke Margarethcn.nnd Hauptwahlagitator für Dr. Lueger. Dieser Mann ist dadurch bekannt geworden, daß er einen Friseur in seinem Bezirke, in dessen Laden er verkehrte, bei der Polizei wegen einer angeblichen Majestätsbeleidigung denunzirt und seine Denunziation als Zeuge vor Gericht aufrecht erhalten hatte. Voni Kassationsgerichte wurde das (liberale) Opfer der antisemitischen Beflissenheit freigesprochen und Pfister, der damals dem Gemeinderathe angehörte, wurde gezwungen, sein Mandat niederzulegen, da sofort bei seinem Erscheinen int Sitzungssaale wiederholt fast die ganze Versammlung den Saal verließ. Selbst Antisemiten wollten damals nichts mehr mit ihm zu thun haben, auch gestern haben mehrere deutschnationale Antisemiten vor der Abstimmung sich entfernt. Aber es sind jetzt andere Zeiten — der Held jener widerwärtigen und noch dazu verlogenen Denunziation wurde von der großen Mehrheit des Wiener Gemeinderathes durch Verleihung der goldenen Salvator-Medaille ausgezeichnet. Wien. (Eine antisemitische Demonstration.) Am Donnerstag nach der Frehnleichnamsfeier fand in Wien eine antisemitische Demonstration statt, welche in der ganzen Stadt ungeheures Aufsehen hervorruft. Die „N. Fr. Pr." berichtet hierüber wie folgt: Als der Kaiser und die Erzherzoge die Stephanskirche verlassen hatten und in ihren Wagen fortgesahren waren, folgten die städtischen Galaeg nipagen, in welchen der Bürgermeister Strobach und die beiden Vieebürgermeifter Dr. Lueger und Dr. Neumayer saßen. Das Publikum hatte den Kaiser und die Erzherzoge durch Abnehmen der Hüte gegrüßt. Als jedoch Strobach, Lueger und Neumayer sichtbar wurden, schrie ein Dheil der Zuschauer mit unverkennbarer demonstrativer Absicht: „Hoch Strobach!" und „Hoch Lueger!" Die auffallende Kundgebung, das Rufen und Lärmen, pflanzte sich vom Stephansplatz über den Graben und Kohlmarkt fort. Der Eindruck tvar so verletzend, daß Protestrufe im anwesenden Publikum laut wurden. Der verwegene Zweck dieser Demonstration ist klar genug, und es ist kaum nothwendig, ihn ausdrücklich und näher zu bezeichnen. Gerüchte über ähnliche Demonstrationen waren schon bei früheren Anlässen ins Publikum gedrungen; insbesondere wurde erzählt, daß Dr. Lueger bei der in Gegenwart des Kaisers veranstalteten Kirchenbaufeier in Breitensee ebenso tendenziös begrüßt worden sei wie heute. Ein gleicher Versuch soll auch bei der Enthüllung des Mozart-Monumentes unternommen worden sein. Der thatsächliche Untergrund dieser Gerüchte ließ sich bei den früheren Gelegenheiten nicht festftellen, da diese Demonstrationen nur einen sehr geringen Umfang gehabt zu habenischeinen und vielleicht aus diesem Grunde weniger bemerkt worden sind. Heute ist es jedoch zur offenen ungescheuten Demonstration gekommen. In Wien ist Niemand so naiv, an einen plötzlichen Ausbruch der Gefühle der Begeisterung für den Bürgermeister Strobach und seine Stellvertreter zu glauben. Zum Ueberfluffe waren schon gestern Gerüchte verbreitet, daß anläßlich der Frohnleichnamsfeier eine antisemitische Demonstration stattfinden werde. Aus dem Publikum sind uns heute Berichte zugekommen, welche konstatiren, daß sich unter den Zuschauern viele Elemente befanden, die sonst bei den Frohnleichnams-Prozessionen in der inneren Stadt nicht zu sehen waren und sich in auffälliger Weise bemerkbar machten. Die unbefangenen Zuschauer hatten auch den Eindruck, daß die Demonstration keineswegs den Charakter des Zufälligen und Plötzlichen an sich trug. Die Regierung hat geglaubt, daß sie dem bedeutsamen antisemitischen Problem durch eine verfehlte Nachgiebigkeit ausweichen könne. Der heutige Tag hat dagegen wieder gezeigt, daß diese Meinung ein schwerer Jrrthum sei. Durch maßlose Verwegenheit haben die Antisemiten ihre größten und jüngsten Erfolge errungen; wer kann sich darüber wundern, daß sie diese Methode fortsetzen, das System der eigenthümlicheu Straßendemonstrationen immer kühner anwenden? Wer kann darüber staunen, daß sie nach dem Wege, den sie bereits durchmefsen und nach den günstigen Erfahrungen, die sie gemacht haben, durch die stärksten Mittel die Meinung wecken wollen, die politische Ruhe in Wien könne nur durch ihre volle Befriedigung erreicht werden? Die antisemitische Frage wird immer ernster, und wir taffen uns keinen Ailgenblick in der Ueberzeugung erschüttern, daß die österreichische Regierung gezwungen sein wird, diese Straßenpolitik mit vollster Energie zu bekämpfen. Wir fürchten nur, daß die Einsicht viel zu spät konrmen wird. Italien. (-) Rom, 21. Juni. Ich habe Ihnen bekanntlich schon gemeldet, daß an Stelle unseres zurückgetretenen Öberrabbiners Moses Levi Ehrenreich mit der Leitung der Agenden des RabbinatS Rabbi Angelo Sornari, ein Mann von bedeutendem religiösen Wiffen und gemäßigten Ansichten, betraut wurde. Unsere Consulta (Gemeindevorstehung) hat nun dem neuen Oberhirten auch drei Beisitzer (Dajanim) an die Seite gegeben und zwar die Rabbiner Leone R a c a h . Professor am hiesigen Rabbiner - Seminar und ständiger Mitarbeiter des „Corriere Jsraelitico" in Triest, Jona, ehemaliger Oberrabbiner in Modena und Ala tri. Die Gelneinde Rom besitzt nun wieder, wie in len Tagen ihres Glanzes, ein gehörig organisirtes Beth-Din (Rabbiner-Collegium), welches auch das einzige ist,