Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 52 (29.6.1896)
- Date
- 1896-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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jvr: ^ÖCSÄJTrr.»* 996 Besonnenheit dieser beiden Führer einerseits, anderseits durch das Entgegenkommen des Gemeindevorstandes, waltet seit jener Zeit Eintracht in den verschiedenen Kreisen der Gemeinde. Das ist in kurzen Zügen das Erdenwallen eines Mannes, der im Dienste der Oeffentlichkeit ergraute, der Gründer der Wiener min -mbn-Schule und des Krankenoereines war, der durch seinen Biedersinn, sein schlichtes, tolerantes Wesen aller Welt Sympathieen sich erwarb. Sein Haus war offen jedem Fremden und Dürftigen, das Absteigequartier aller Rabbiner und Talmudgelehrten Oesterreich-Ungarns, wobei sich auch seine edle, fromme Gattin als seiner ebenbürtig und bis an seinen Tod treu erwies. Sein einziger Wunsch, die jüngste Tochter verheirathet zu sehen, wurde ihm noch am Todtenbette erfüllt. Zwei Tage nach der Hochzeit seines Kindes schloß er sein kampf- und thatenreiches Leben im 86. Lebensjahre. Kurz vor seinem Tode ging das Gebäude der Schiffschul, das seither nur der Gemeinde vermiethet war, in den B.sitz der Schiffschulgemeinde über. Dem mit der Schiffschul in engster Verbindung stehenden Beth - Hamidrasch wurde durch einen Neubau ein glänzendes Heim geschaffen. Das Werk der beiden großen Männer Spitzer und Freistadt wird neuer Blüthe entgegengehen, da in dem Frankfurter Rabbiner Dr. Breuer n ein Mann an die Spitze berufen ist, der Thatkraft, Wissen, Beredtsamkeit in ganz außerordentlichem Maße in sich vereinigt. Fünfundzwanzig Jahre sind nun dahingegangen, seit dem die Schiffschul und ihre Leiter gegen die Resormsuchl des damaligen Wiener Cultusvorstondes mannhaft aufgetreten sind, seitdem die Gemeinde als Hort des gesetzestreuen Judenthums in Wien allgemein bekannt geworden ist. Ein schöneres Jubiläum hätte die Gemeinde wohl kaum feiern können, als dadurch, daß sie durch Berufung des würdigsten Mannes der alten Krone neuen Glanz zu verleihen sucht. Und damit wird auch das Andenken an Rabbi Freistadt auf das Höchste geehrt. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus dem Pegnitzgrnnde. Die in Nürnberg erscheinende „Tagespost" Nr. 140 vom 13. Juni bringt nachstehenden Artikel: (Jüdischer Antisemitismus.) lieber den Magistratsrath Tuchmann wird uns eine ganz merkwürdige Geschichte mitgetheilt. Dieser selbst Jude und Mitglied der jüdischen Gemeindeverwaltung soll in einem Schreiben an das Rektorat der hiesigen Handelsschule dasselbe ersncht haben, ihm für eine Vakanz in seinem Geschäfte einige Candidaten zu empfehlen jedoch mit Ausschluß von — jüdischen Bewerbern. Mit welchen Gefühlen Herr Rektor Volk das Zuschreiben des wackeren Herrn gelesen haben mag! O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 26. Juni. (Die n eue Wiener Kom - munalära.) Man mag sich noch so sehr bemühen, die neue Wirthschaft in der Gemeinde Wien, seitdem die Antisemiten regieren, mit der größten Objektivität zu beobachten und zu beurtheilen, es muß doch gesagt werden, daß sie sich von sehr tadelnswerthen Gesichtspunkten leiten lassen. Daß sie durchaus keinen Juden im Stadtrath haben wollen, er mag noch so tüchtig, erfahren und anständig sein, daß sie die Anzahl der jüdischen Stenographen für die Sitzungsprotokolle auf das Prozentualverhältniß der liberalen Gemeinderathsmitglieder beschränken wollen, solche Wünsche mögen sich durch das antisemitische Glaubensbekenntniß hinreichend erklären. Daß einer der gebildetsten und geistreichsten neuen Gemeinderäthe den kiudisch-provinzialistischen Antrag einbrachte, es solle von nun an alle Tage Punkt zwölf Uhr ein Kanonenschuß abgefeuert werden, mag auf eine Popularitätshascherei zurückzuführen sein. Daß die Funktionsgehülter des Bürgermeisters, der beiden Vizebürgermeister und der 21 Stadträthe erheblich herabgesetzt wurden, gereicht den neuen Machthabern sogar zur Ehre. Aber die gestern gefaßten Beschliisse sind nicht schön. Dem Volksbildungsverein, einer ausgezeichneten, echt volkssreundlichen Gesellschaft, welche unter Führung des Geh. Rathes Alfred v. Arneth, des Direktors des Hof- und Staatsarchivs und berühmten Geschichtsschreibers der Zeit Maria Theresias, seit Jahren unentgeltliche Volksbibliotheken gründet und betreibt, und den ganzen Winter über in allen Bezirken Wiens durch die bestell Kräfte der Ulliversität, der Technik, der Kilnst und Wissenschaft allsonntäglich Vorträge halten läßt — und zwar mit wahrhaft großartigem Erfolge bei der unbemittelten Bevölkerung — dieser Gesellschaft wurde die bereits bewilligte Jahressub velltion von B2oo fl. entzogen und auf 500 sl. herabgesetzt. Dieser ausgezeichnete, auch vom Kaiser llnterstützte Verein ist eben schon früher von den Antisemiten stets bekämpft worden, ebenso wie die Freiwillige Rettungsgesellschaft. Der Grund wurde öffentlich genug eingestanden. Es ist eben kein Geheimnis;, daß ein nicht geringer Theil der Beiträge aus jüdischen und speziell auch aus freimaurerischen Kreisen stainmt. Aber wahrlich, wenn man den Juden daraus Vorwürfe machen will, daß sie die Volksbildung und das öffentliche Rettungswesen unterstützen, dann sollte sich Jeder schämen, der sich als Antisemit bekennt. Kamn war diese Strangulirung der Volksbildung vollzogen, so erfolgte die Zuerkennung der goldenen Salvator-Medaille, der höchsten Auszeichnung, welche