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Der Israelit · 1896-06-29 · Heft 52 (29.6.1896) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 52 (29.6.1896)
Date
1896-06-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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992 Feuilleton. Auf des Leöens Köh'. Erzählung von S. B. R osne r. 12) ('Alle Rechte Vorbehalten.) „Ich bitte Euch," fragte der Bediente diesen, „könnt Ihr mir nicht sagen, wer dieser Herr ist, der eben mit mir gesprochen hat?" „Das ist Herr Gottfried, der Besitzer dieses Hauses," antwortete der Knecht. „Was sagt Ihr? — Nicht möglich!" „Es wäre denn, daß Ihr ihm eben das Hans abgetanst habt," „Das scheint hier eine saubere Gesellschaft zu sein," murmelte der Bediente und kehrte unverrichteter Sache zum Schlosse zurück. Helene bis; sich die Lippen, als ihr der Bediente das Borgesallene meldete mit) den Brief zurückgab. Ihre schöne Stirne legte sich in unwillige Falten. „Aber der Mann muß ja von Sinnen sein," rief Martha aus, die auch zugegen war. „Wenn er es wäre," entgegnete Helene mit unsicherer Stimme, „dann wüßte ich, daß ich von einem Menschen beleidigt wurde, der seine Handlungen nicht verantworten kann. Da dies aber nicht der Fall ist, werde ich mir eine nachdrückliche Genngthuung verschaffen." „Bah," sagte Martha einen forschenden Blick auf das Gesicht Helenens richtend, „wer wird sich mit solchen Patronen abgeben. Ich meinestheils würde es für das Klügste halten, die Sache für abgethan zu betrachten und keines Wortes mehr zu würdigen." „Und die schnöde Beleidigung," rief Helene mit eigenthümlicher Gereiztheit, „soll ich thatlos aus mir ruhen lassen? Nein, nein, ich will meinen Zorn an ihm kühlen — wie ein übersührter Schuljunge soll er vor mir stehen, erröthend vor der beschämenden Nnwürde seiner Handlungsweise." Ein schelmisches Blinzeln flog über die Angen Marthas. Sonderbar! — Es dünkte ihr, einen winzigen goldenen Pfeil durch die Luft schimmern 511 sehen. „Ich bin schon ganz begierig," ries sie aufgeräumt, „wie Du cs eigentlich anstellen wirst. Wohlan denn: ans zum Kamps und Sieg! Ich schreibe dann nachträglich eine Memoire über das Reeontre unter dem sensationellen Titel: „Kampf einer Amazone mit einem Eisbären." Auf mich kannst Du unter allen Umständen zählen." In dem großen, freundlich erhellten Gemache, in welchem Hermann Gottfried schreibend an seinem Arbeitstische saß, war wenig von der unheimlichen Winternacht zu merken, die draußen fütster und neblig die Welt erfüllte. Lautlose Stille herrschte in dem Zimmer, man konnte deutlich das Rascheln der über das Papier flüchtig dahineilenden Feder hören. Nur für kurze Zwischenräume verstummte dieses Geräusch. Dann ließ Gottfried selbstvergessen die Feder ruhen uub starrte unbeweglich auf die strahlende Lampenglocke von milchweißem Glas .... Benützen wir den Zustand des in sich vertieften Schreibenden, um über seine Schulter hinweg einen Blick aus die weißen Blätter des Tagebuchs zu werfen, die er unermüdlich mit kleinen, doch deutlich geschriebenen Buchstaben bedeckt. .„Der Zweifel, der mich in mancher Stunde tloch beunruhigte, der Ztveifel ttäntlich, ob ich auch die Kraft besitzen werde, dem Entschlüsse, der mich in diesen vereinsamten Winkel der Erde geführt hat, immerdar treu zu bleiben, schwindet mehr uub mehr; mit jedem Tag fühle ich es bestimmter, daß jene verhängnißvolle Brücke mit schönen aber Gift aushauchenden Blumen, die mich zurückftthren könnte zu jenem tollen Markt, dem ich entflohen, hinter mir eingesunken ist. Immer sieghafter durchdringt mich die Ueberzeugung, daß hier mein Platz ist, wo ich in den heiligen Flutheu göttlicher Forschung meine Seele von den ihr anhaftenden Schlacken reinwasche, wo ich meine sittlichen Ideale nicht herabgewürdigt sehe und von dem widerlichen Anblick einer Menge verschont bin, die gottlästerisch in ihrem Glauben, heuchlerisch in ihrer Wahrheit und blöde in ihrer dünkelhaften Weisheit ist! — — Heil dir, ewiger Geist, schauerersüllt spüre ich das Wehen deines Odems, in welchem die flammenden Planeten kreisen, welcher hinabdrängt bis zum Grunde des Weltmeeres, wo der Leviatan haust. Heil dir — über die Wolken empor erhebst du meine Seele, daß ich mit Adlerblick erspähe die düstern Wunder des eisigen Nordens, wie die herrlichen Zauber des blühenden, gluthvollen Südens! — Abgestreift sind die Fesseln der Urnatilr, welche den Menschen an den Bannkreis der Scholle schmieden, und begeistert fliegt der Blick von Welt zu Welt, vom Orion zum Siebengestirn, überall den hehren Abglanz des großen, einzigen Gottes begrüßend! Mit tiefer Beschämung blicke ich aus jene Zeit zurück, da au cf) ich ein Geschöpf war wie die andern alle, umsponnen von irdischer Thorheit und einzig unb allein den Einflüsterungen des Thieres im Menschen gehorchend. Beweise verlangen sie für alles, was auch nur im mindesten über die gemeine irdische Atmosphäre hinausragt, plumpe, greifbare Beweise, die sie befühlen und betasten können, und wenn sie diese nicht finden, so halten sie es für bequemer sich aus den Standpunkt der Negation 511 stellen. Und das heißen sie dann stolz: Philosophie, Erforschung der Wahr-

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