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Der Israelit · 1896-06-29 · Heft 52 (29.6.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 52 (29.6.1896)
Date
1896-06-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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993 heit! Mit welchem Rechte? Weit Euch einiges gelungen, vermeint Ihr auch alles finden zu müssen? O, vcrhängnißvoller thörichter Wahnsinn! Und wißt Ihr denn nicht, daß alles was Ihr gefunden, all' Eure stolzesten Entdeckungen und Erfindungen eigentlich nichts bedeitten, in Bezug ans das ewig ungelöste Probten: des Seins; das; alles nur pure Aeitßerlichkeiten sind und Ihr um keinen Zoll Tiefe unter die Oberfläche der Erscheinungen vorgedrungen seid! O, sage inir doch, Dil stolzer Grübler, der Du ganze Bände voll geschrieben über Idealismus, Objektivismus, Pauteismus lind wie sie alle heißen die hundert künstlichen Schlagwörter, beantworte mir die kleine Frage: wo ist der Ursprung des Leben? Jener geheinttlißvolleu Kraft, die sich im niedrigen Wllrm regt, gewaltig im Löwen unb Leoparden offenbart und in Dir selbst sich zur Entfaltung eitler tausendfältigen, selbstbewußten Thätigkeit steigert? Du bleibst die Antwort schuldig; warunl fehlt Dir beim der Muth aus dieser Unwissenheit die Eonsegnenzen zu ziehen? Du ivitlft es fassen das höchste unaussprecb liche Weseil unb fassest Dich selber nicht, obwohl Dtl Dich jede Stirnde und Minute beobachteil kannst. Weißt Dil etwas über ben elektrischen Funken, dem Du so viele wunderbare Leistutlgeu 51t entlocken verstehest? Du bewunderst die kunstvolle Bltttne, den mächtig emporstrebenden Baum, tveißt Du etivas über das Wesen ihrer Entstehung und Entwickelung? Was habt Ihr der Welt als Ersatz gegeben für den Trost der Religion, welche Ihr derselben geraubt habt? Die Verzweiflung. Ihr möget noch so hochmüthig lächeln, ich beneide euch nicht, um diese Eure lieberlegenheit. — Mir ist die Religion eine sichere Veste in ben Stürmen des irdischen Daseins, eine Rothwendigkeit, ohne tvclcher das große All der Welten und Weseil ein Phantom, ein schemenhaftes Trugbild wäre ohne Zweck 1111b Ziel .... Und ist es uw hl denkbar, daß ein solches Werk zwecklos in's Leben gerufen sei? —-um nichts beneide ich sie; ich bin zufrieden unb das ist mehr, als sie je durch ihren Wahnsinn erlangen werden. Rur das Eine erfüllt mich mit Wehmuth, daß auch die Schönheit, diese himmlicbe Blume des Paradieses, ihren Kranz schmückt! Das mißgönne ich ihnen fast .... Welch' eine merkwürdige Fügung .... welch' ein sonderbares Wiedersehen! Wär hält' es ahnen solletl, daß sie hier in diesen: weltvergessenen Winkel lebt, wohin ich durch die mir zugesalleile Erbschaft versetzt wurde! Was ist Deine Absicht, 0 allweiser 'Wille, damit, daß Du mich uui: plötzlich jenes Wesen wiederfinden läßt, welches einst mit unfaßbarer Zaubermacht nleine Seele beherschte? Ahne ich sie recht, diese Absicht? Du wolltest die Festigkeit meiner Grundsätze aus eine große, entscheidende Probe stellen. Run denn, ich glaube mit erhobenem Haupte vor Deinen Richterthron hintreten zu dürfen. Es ist mir schwer geworden, der Sieg — aber ich siegte. Mein Gott, warum verklärst Du Wesen von solch' niedrigem, sittlichem Werth mit dem schönsten Abglanz Deiner Herrlichkeit, warum verleihest Du Geschöpfen von solcher moralischer Inferiorität die himmlischen Formen der Seraphim? — Eine jede Fiber meines Innern kam in Aufruhr bei ihrem Anblicke und ich fühlte nlich i:rplötzlich wieder von dem alten Sturm der Verzweiflung ersaßt, der mich bis an den Rand des Grabes fortgerissei: hatte. Es bedurfte des Aufgebotes meiner ganzer: tiefen Verachtung dieser Ereatilr, um mich von dem Zauberbanne zu befreien .Schmach über Euere Frivolität, ihr sogenannten humanen Neichen, die Ihr die große, flammende Sonne der Menschenliebe zu einem Theaterlämpchen verrvandelt, bestimmt, Euer winziges Persönchen in einer effeetvoller: Beleuchtung zu zeigen! Ich kenne sie zur Genüge jene Triebfedern, von denen sich Eure humanen Handlungen herleiten . . . Glaubt Ihr wirklich wahre Humanität zu üben, indem Ihr in: stolzen Bewußtseir: Eilerer Macht uub Reichthümer den Enterbten des Schicksals ein paar Brosameri von Euerer übersließertden Tafel zufallen lasset? Ach ja — die humane Geste sieht Euch gut zu Gesichte — das ist alles! Warrrm sollt Ihr Euch, denen sonst nichts fehlt, nicht auch des angenebmen Gefühls erfreuen, Eitere Behaglichkeit, Euer Glück auf der dunklen Folie des Eleilds Heller erstrahlei: zil sehen? Stolz und Hochmutb ist der Kern Eures Wesens und das nie mehr, als in dem Momente, da Ihr Herablassung und Egalität heuchelt. Egalität! Es wage es nur eitler jener armen Thoren, jener glutberzigen Schwärmer, die das Märchen glauben, nicht Gold und Macht, sonderil idealer Werth, bilde den Werthmesser des Menschen, es wage es nur einer von diesen durchblicken zi: lasten, daß er sich in seinem Bettlergewand als ein bem Emsigen gleiches Wesen betrachtet, er erdreisie sich nilr fein Geschick an das Eurige zu knüpfen. Sein an Den Kanten Eures schroff und kalt hervortreteildei: Egoismus zerrissenes Herz, sein kaltblütig vergossenes Herzblitt soll ihn bald eines Bessern belehren!" Gottfried zilckte sichtlich zusammen und die Feder entfiel seiner Hand. Erregt stand er von seinem Platze ans. Ungewohnt flammte es ans seinen Wangeil uub in seinen schönen, sonst ruhevollen Augen sprühte ein unstetes Feuer. Den Kopf zurückgeworfei: schritt er einigemale durch das Zimmer auf und ab. Rach einer Weile wurde sein Gang langsamer, und das Roth wich allrnälig von seinen Wangeil. Er iiahm ivieder seinen Platz am Tische ein und fuhr in seinen Ailfzeichnungen fort: „Der Reichthurn demoralisirt die Menschen und beraubt sie ihrer Vernunft, es sei dein:, daß iilar: durch die

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