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Der Israelit · 1896-06-29 · Heft 52 (29.6.1896) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 52 (29.6.1896)
Date
1896-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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989 Größe der Thora im Vergleich zur Königs- und Priesterwürde darin, daß letztere Vorzüge, rtbim, haben inüssen, wenn sich Bewerber um sie drängen sollen, während die Thora auf diese Drapirung und Verhüllung durch äußeren Glanz nicht nur verzichtet, sondern von ihren Verehrern noch 48 Dinge als Einsatz fordert, die sämmtlich der angeborenen, menschlichen Neigung widersprechen. Diese achtundvierzig Momente werden nun der Reihe nach aufgezühlt. Als erstes ist hier n-rH „Lernen" genannt. Ob es wohl ans der weiten Erde noch ein zweites Volk, ja selbst ein bloßer Stand von Gelehrten lind Gebildeten giebt, dem der Begriff „Lernen" so gang und gäbe, so in Fleisch und Blut übergegangen ist, als uns, als dem jüdischen Volke? Da lernt alles, wer nur jüdisch denkt rmd empfindet. Es giebt da keine Gelehrte, sondern nur Lernende, selbst der vollendete Meister begreift sich als lernender Schüler, als Esn -rotoi und wird nur unter diesem Namen gefeiert. Wenn sich die Genossen zilm gemeinsamen Studiiim niedersetzen, setzen sie sich zum „Lernen" nieder, der Meister lehrt nicht die Schüler, er lernt mit ihnen, sie gehen nie um einen Vortrag anzuhören, sondern sie gehen zum „Lernen", das Zimmer, in welchem sie ihren Studien obliegen, ist die „Lernstube" und der ganze Talmud-Jude ist in wörtlicher Uebersetzung nichts anders, als der lernende Jude. Nirgends sonst ist das lateinische Sprichwort: Docendo discimus, daß wir lehrend lernen, wörtlicher genommen worden, als im jüdischen Kreis. Dieses Versenken in den anzueignenden Lernstoff, wie es dieses „Lernen" versteht, das kein Entbieten und Erwiedern eines Grußes kennt, das von seiner ganzen Umgebung keine Notiz nimmt, das seine Jünger der Wirklichkeit entrückt, sie in die Tiefen seines Gedankenschachtes führt, den die Altmeister der 'Wissenschaft angelegt, und zu der idealen Höhe des Charakters und der Gesinnung erhebt, welche diese Altmeister im Leben bewährten, zu dieser rückhaltlosen Hingebung, die dieses „Lernen" bedeutet, muß sich derjenige als zum ersten Schritt entschließen, der zur Aneignung der Thora führt. Es ist aber mit diesem Punkt, wie mit allen achtundvierzig. Der Vorsatz zu solchem Einsatz ist unerläßlich, so schwer, so unmöglich auch die Verwirklichung scheint. Mit diesem Entschluß, und nur mit ihm, wird der erste Schritt zur Erlangung der Thora gethan. Das was auf diese Weise von der Thora erreicht wird, steigert aber die freie Energie unb die sittliche Kraft derart, daß diese Hingebung immer leichter und endlich gar zur zweiten Natur wird. Der erste Schritt zu dieser sich selbst beherrschenden Hingebung muß von uns ausgeben, mit ihm wird die Thora erworben. Aber diese Eigenschaften der Unterordnung und Hingebung an das Hochziel alles menschlichen Strebens werden andererseits wieder durch die Thora erhoben. „Wer rein werden möchte," lautet in diesem Sinne ein Spruch her Weisen, „dem hilft man dazu vom Himmel." „Ein Mensch strebt mit geringer Kraft die Heiligkeit an und erhält dazu eine reiche Fülle göttlichen Beistands von oben." Wie dieses intensive, alle andere Rücksichten hintansetzende Lernen zu erlangen, zu betreiben und dauernd anzueignen ist, das besagen die nun folgennen Punkte. pxn durch das Hin hören des Ohres. Wer „lernen" will, muß für das zu Erlernende ganz Ohr sein. Die fünf Sinne sind fünf Pforten, durch welche die uns umgebende Welt unserm Seelenleben zugänglich wird. Man kann nicht die Thora z. B. mit bloßen Augen lesen, wie man etwa die Zeitung oder eine Erzählung liest. Die Ueberlieferung, um deren Aneignung es sich vorzugweise handelt, heißt geradezu nms> d. h. etwas, was durch das Gehör aufzunehmen ist. Nicht einmal das gesprochene Wort thut es, sobald es nur leise flüsternd über die Lippen geht, ohne voll und ganz das Ohr zu treffen. Die Verwandtschaft des Wortes pH mit d\jtxö Wage, vindizirt dem Ohr schon durch diese Bezeichnung eine ab wägen de Fähigkeit, die das Gehörte nach allen Seiten erwägt,' bevor die dauernde Aneignung erfolgt. Vielleicht hat die Bedeutsamkeit, die gesprochenen Laute möglichst lang und eingehend dem Ohre zu vermitteln dazu geführt, das Lernende mit einer Melodie zu begleiten, die ihrem ganzen Wesen nach diesem Zweck vorzüglich entspricht, auf welche unsere großen Lehrer deßhalb so hohes Gewicht legten und die sich auch bei uns noch erhalten hat und sich bei einsichtigen Lehrern der ganzen Berücksichtigung erfreut, auf die eine solche Eigenart jedenfalls hohen Anspruch hat. Es dürfte auch in der ganzen Gehörthätigkeit liegen, daß diese sich naturgemäß viel leichter zur Aneignung der Thora eignet, als etwa das Auge durch Ablesen des Lernstoffes. Die Thätigkeit des Auges ist subjektiv, d. h. sie geht von dem Sehenden aus und der Blick sucht und findet das mit dem Auge aufznnehmende. Das Ohr ist objektiv und passiv. Die Schallwellen dringen von außen auf dasselbe und setzen die Gehörorgane in Bewegung wodurch die Wahrnehmung vermittelt wird. Als Gott die Thora lehrte, war das Auge vollkommen passiv, bz cn\n uh wir hörten nur Gottesstimme. Der Inhalt derselben ist etwas gegebenes, an uns von außen herantretendes, dessen Gegenstand mit unserer Persönlichkeit und Subjektivität nichts gemein hat. Unsere Thora repräsentirt den vielgestaltigen, unermeßlichen Inhalt dieser Gottesstimme, die daher wie zur Zeit ihrer ersten Offenbarung mit offenem, auf- ’r f -,I i ’ r

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