Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-06-25 · Heft 51 (25.6.1896) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 51 (25.6.1896)
Date
1896-06-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448655--42013-2490997
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

965 vorzuziehen sei. Aber sie behaupten, daß bei der allgemeinen Klage wegen Ueberbürdung der Schulkinder die nöthige Zeit fehle, welche erforderlich ist, zu dem Quellenstudium der Thora zurückzukehren. Man müßte sich gegen thatsächlich vorhandene Mißstände, unter welchen heute jede jüdische Schule mehr oder weniger leidet, verschließen, wenn man diesem Einwand jede Berechtigung absprechen wollte. Daß aber diese Kalamität durch den üblichen Religionsunterricht nicht gemildert, sondern gesteigert wird, das des Einzelnen nachzuweisen, war eben Gegenstand der erwähnten bisherigen Veröffentlichungen. Dieselben konnten ihrer ganzen Natur nach nur einen negativen Charakter haben. Sie zeigten das Ungenügende, Mangelhafte und Schädliche des sogenannten systematischen Religionsunterrichts. Es erübrigt nur noch die Erledigung der positiven Seite dieses Pensums, d. h. die Darstellung der Art uub Weise, wie der jüdische Unterricht in Wirklichkeit beschaffen sein müßte, wenn es ihm gelingen soll, seine Schüler in der That religiös zu machen. Gestattet die der jüdischen Schule überlassene knappe Zeit wirklich nicht die unerläßliche Vertiefung in den llrtert der Thora, ist man in der That genöthigt, zu einem Hilfsbuch seine Zuflucht zu nehmen, so dürfte sich in Wirklichkeit kaum ein zweites finden, das diesem Zweck so vollkommen entspricht, als eben unser mb. Eine eingehende Betrachtung dürfte sogar zu dem überraschenden Resultat führen, daß gerade die Momente, welche dieses trockene Zahlen- und Buchstaben-Chaos als ungeeignet erscheinen lassen, bildend und veredlend, anregend und fördernd auf Geist und Gemüth wirken, daß sie in ganz hervorragender Weise es sind, welche dieses Büchlein zu einer wahren Quelle religiöser Belehrung uud Begeisterung gestalten, sobald es sich nur inder Hand eines, von seinem B e r u f e durchdrungenen Lehrers befindet. Ein von seinem Beruf durchdrungener Lehrer! Das ist uub bleibt allerdings die erste und letzte Bedingung einer jeden religiösen Bildung und Erziehung. Die Persönlichkeit des Lehrers entscheidet. Die besten Bücher und pädagogischen Hilfsmittel sind so gut wie werthlos in der Hand eines geistlosen, ungenügenden Lehrers, uub die schlichtesten Behelfe verrichten Wunderdinge, wenn sie in der Hand eines für seine Aufgabe begeisterten Lehrers sich befinden. Und wenn keine Hindernisse einer thorafeindlichen Zeitftrömung unfern Kindern den Weg zur Thora verlegten, wenn unsere Kinder nach der Anleitung unserer großen Meister, im fünften Jahre die heilige Schrift, im zehnten die Mischna, im fünfzehnten die Gemora lernen würden, ihr Lehrer gliche aber nicht einem Engel des Gottes der Heerschaaren, dann, mahnen dieselben Weisen, lieber selbst auf den Unterricht der Thora zu verzichten, als ihn einem Lehrer anzuvertrauen, der sich nicht engelgleich auf seinem Posten im Dienste Gottes begreift. Nicht der Werth der guten, und der Unwerth der schlechten Bücher, sondern die guten oder schlechten Lehrer entscheiden über das Werk der religiösen Bildung und Erziehung. Der schlechte Lehrer vergiftet selbst den reinen Born der Thora, und dem guten gelingt's, auch dem giftigen Trunk seine tödtliche Wirkung zit nehmen. — Unser ganzes Schulwesen krankt an der Menge von Büchern, auf die unsere Kinder angewiesen sind. Wer die Bücherlast sieht, unter welcher unsere Schüler in die Schule keuchen, muß sich sagen: wenn diese Bücher von den Schülern beim Unterricht all' benutzt werden, dann bleibt für das warme, lebendige, aus der treuen Lehrerbrust in das Kindergemüth quillende Wort keine Zeit und keinen Raum. An wahren, selbstthätigen, in ihrem Lehrerberuf ganz aufgehenden Lehrer, war wohl zu jeder Zeit kein Ueberfluß. Aber heute hat nian diesent Mangel durch eine Menge von Büchern abzuhelfen gesucht. Diese machen es dem Lehrer beqncm, und so entsteht die mechanische, schablonenhafte Geist und Gemüth tödtende Art und Weise des Unterrichts, welcher mit seinem Ballast von Wissenschaft jede freie Regung des selbstthätigen Denkens und Fühlens zu unterdrücken droht. Wenn sich dieser Mißstand in allen Disciplinen mehr oder weniger fühlbar macht, in dem Religionsbei der Gewinnung unserer Kinder für Thora und Mizwah, ist er von geradezu verhängnißvoller Bedeutsamkeit. Wenn ein Lehrer seine Schüler ihr Religionsbuch auswendig lernen läßt, selbst wenn er sie anhält lrcin und nbsn zu übersetzen, er selbst aber bleibt kalt und theilnahmslos dabei wie ein indischer Oelgötze, er absolvirt sein Pensum, er unterrichtet seine HO Minuten, dann ruht ein Fluch auf diesem Unterricht, ob er aus einem Religionsbuch, oder ob er aus der Thora erfolgt. Wenn dagegen selbst ein schlechter, gleichgültiger Lehrer aus dem mb seine Kinder unterrichtet, so muß Geist und Gemüth, Verstand und Phantasie des Lehrers fortwährend auf dem Qui vive sein, wenn er mit diesen Zahlensäulen und Buchftabensphvnxen überhaupt etwas beginnen kann. Sie sind und bleiben todte Zeichen und Hiroglyphen, wenn es der Lehrer nicht versteht ihnen Leben einzuhauchen. Ein solches Buch nöthigt den Lehrer geradezu lebendig, erfinderisch und mittheilsam zu werden. Es liegt in seiner Macht, in diesem Zahtengerippe den schlummernden mächtigen Geist zu wecken, aus einem Kalender euren Katechismus, ein Religionsbuch zu machen, das an Vielfältigkeit des Inhalts und zugleich an präziser Kürze der Fassung und Gruppirung des ungeheueren Stoffes nicht seines Gleichen hat. Und wenn diese Umwandlung des Kalenders in ein Religionsbuch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.