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Der Israelit · 1896-06-25 · Heft 51 (25.6.1896) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 51 (25.6.1896)
Date
1896-06-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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?' i ,-^M^ .;»Z 964 Ein solches Buch scheint für unsere Zeit wie geschaffen, obwohl es für keine oder vielmehr für jede geschaffen ist. Es genießt ein Ansehen, von dem man ohne Uebertreibung sagen kann, daß es in gewisser Hinsicht noch dasjenige der heiligen Schrift übertrifft. Denn während die Anerkennung oder Nicht-Anerkennung der letzteren das eigentliche Kriterium der Parteien innerhalb der zeitgenössischen Judenheit bildet, hat man noch von keiner Partei gehört, daß sie die Richtigkeit des eigentlichen, wesentlichen Inhaltes dieses Buches in Abrede gestellt und sich dagegen gesträubt hätte, ihr Leben danach einzurichten. Das Buch befindet sich daher in aller Händen, es ist das unentbehrliche Vademacum der Frommen und der Nichtfrommen und braucht deshalb für die Schulen nicht einmal besonders eingeführl zu werden. Und wenn Jemand mit dem Judenthum und seinen Satzungen so vollständig gebrochen hätte, daß ihm nichts mehr heilig ist als das Gedächtniß seiner Heimgegangenen Ellern, deren Jahrzeitstag er noch durch Anzünden eines Lichtes feiert, wenn er jeden idealen Aufschwungs bar, aus seinem Besitz das letzte renn, die letzte Tefilla fortgeräuml hätte, wenn er ohne Scheu diese Anfangsstadien, jener sinnlichen, thierischen Gesinnung bekundete, die in diesem Fortschaffen alles Heiligen aus dem Hause zu Tage tritt (anpn Tnjn nona n""i rrn p), — diesem Buche wird er nicht untreu, auf es fühlt er sich angewiesen, je geringschätziger er allen anderen heiligen Schriften den Rücken kehrt. Der aufmerksame Leser hat es bereits errathen, daß das Buch unser nH, unser Kalender ist und wenn er es nicht errathen hat, so kommt dies nur daher, weil es ihm fragwürdig oder geradezu undenkbar scheint, wie dieses große Labyrinth von Zahlen, Zeichen und Abreviaturen sich als Religionsbuch verwerthen laffe. Es wäre mir selbst wohl nicht anders gegangen, wenn mir nicht der Satz: „Des Juden Katechismus ist sein Kalender", wie ein zündender Blitz in die Seele gefallen wäre, mit welchem vor nun mehr als 40 Jahren, Samson Raphael Hirsch t>"XT, dieser Altmeister jüdischer Lebens- und Erziehungsweisheit, seinen „Jeschurun" eröffnet hat. Dieses Depot voll gediegener, goldener Gedankenbarren, welches jenes sechzehnbündige Werk repräsentirt, harrt noch der schlichten Handwerkerhand, die dieses reine Gold in Scheidemünze umsetzt und es so unter die Massen bringt. Die folgenden Zeilen sind nichts als ein Versuch nach dieser Seite hin, als eine Bestätigung der alten Wahrheit, daß, wenn Könige bauen, die Kärrner zu thun haben. Es ist nun möglich, daß der Autor dieses Satzes, denselben nur in dem allgemeinen Sinne verstanden hat, mit dem er ihn selber an Ort und Stelle commentirt, daß es ihm z. B. fern lag, den Kalender als Religions- und Schulbuch zum Unterricht zu em> pfehlen, wie es in diesen Zeilen geschieht. Wer jedoch mit mo», mit jenem rückhaltlosen Vertrauen zu unseren großen Weisen emporblickt, das sie von uns für ihre Aussprüche fordern dürfen, der findet, wie sehr sich dasselbe bewährt, je hingebender und weitgehender es ist. Es ist dies besonders der Fall, wenn sie zur Darstellung einer Wahrheit sich eines Bildes, Gleichnisses oder welker Parallele auch immer bedienen. Es zeigt sich dann, wie die Wahrheit des vermittelten Gedankens sich nicht nur auf diesen beschränkt, sondern auch die Form seine Einkleidung umfaßt. Wenn z. B. wegen einer einzigen Talmud Sabbat fol. 88 a betonten Eigenthümlichkeit Israel mit dem Apfelbaum verglichen wird, so dürfen wir sicher sein, daß diese Uebereinstimmung sich nicht auf diesen einen Punkt beschränkt, sondern daß sämmtliche Eigenthümlichkeiten des Apfelbaumes einer¬ und Israels andererseits ebenso viele Parallelen zulassen, wenn es sich zunächst bei Anlaß ihres vorliegenden Ausspruchs auch Inur um Betonung eines einzigen, gleichartigen Momentes handelt. Unsere nöNn '»rn würden selbst, wenn sie bildlich sprechen, nicht sagen: noS .Marum gleicht Israel dem Apselbaum?" wenn dieser Vergleich nicht ein in allen Punkten zutreffender wäre.l) Diese Erwägungen ließen auch den Satz: „Des Juden Katechismus ist sein Kalender" außer seiner allgemeinen Bedeutung ganz wörtlich fassen und bestimmten mich seit vielen Jahren das ni^> den Kindern meiner Religionsschule in die Hand zu geben, nicht um den jüdischen Kalender, sondern um das Judenthum in seiner ganzen Totalität daraus zu lernen. Ueber das Verfehlte, Widernatürliche, Unjüdische und gerade Demoralisirende des schablonenmäßigen, landläufigen israelitischen Religionsunterrichts habe ich mich in diesem Blatte und in anderen Zeitschriften wiederholt ausgesprochen. Die Redlichen und Einsichtigen unter den Panegyrikern dieser himmelschreienden pädagogischen Versündigung, die unser systematischer Religionsunterricht bedeutet, räumen zwar diese Schäden theilweise ein und geben zu, daß die Thora und etwa noch das Gebetbuch die bewährtesten Mittel sind, um jüdische Kinder zu Juden und Jüdinnen zu erziehen, daß alle Religionsbücher im günstigsten Falle nur ein Surrogat der Thora sind oder sich doch dafür ausgeben, und gestehen, was ja kein Unbefangener in Abrede stellen kann, daß ein Trunk aus der Quelle, dem aus einer abgestandenen Lache 1) Eine lichtvolle Behandlung dieses Gegenstandes findet sich in dem rvjun nmn 'D (I. Th. Eap. VII) von Oberrabbiner I. I. Reines in Lida (Rußland), dessen neuestes Werk D’D’D nj/as? “>in 'D vor einigen Wochen in diesem Blatte rühmlichst besprochen wurde.

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