Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 50 (22.6.1896)
- Date
- 1896-06-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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iPfPPPPiP!!P&g^|il!iSglij!iB^^ 1 r*f-‘fynv 949 wieder an dem Ausgangspunkt seiner Laufbahn zurückkehren, soll die Jahrtausende hindurch Alles umsonst gelernt haben, die angeborenen und ererbten Fähigkeiten und Tugenden nicht mehr anwenden dürfen? Mit Nichten. Immer höher wollen wir . steigen, Berufsarten, die noch höheren Geist, noch größere Intelligenz erfordern, wollen wir ergreifen, womöglich uns neu schaffen, aber nicht wieder zurück zum Ackerer oder Schmied, der seine Kraft in den Muskeln, aber nicht im Gehirn hat.*) Im alten Egypten, als damals der allererste Antisemitismus begann, mögen die Juden ähnlich gedacht haben, sie haben sich vielleicht, um ihren Feinden keine Ursache zur Klage zu bieten, absichtlich den niedrigsten Arbeiten gewidmet. Und was war der Schluß dieser Bewegung? Die Egypter machten aus ihnen ein Sklavenvolk, das sie zum Bau ihrer Pyramiden preßten. Auch die angebliche, körperliche Verkümmerung kann uns nicht veranlassen, zur Handarbeit zurückzukehren. Wohl mag es in den Ghetto's Familien gegeben haben, die Generationen hindurch in den dumpfen Comptoiren geseffen und auf diese Weise körperlich verwelkten. Da war aber nicht die Berufsart daran schuld. Man hat ihnen Licht und Luft gewaltsam entzogen und gestattete ihnen nicht den Ausgleich zwischen Geistes- und Körperkräften. Heutzutage, wo wir nach längerer geistiger Thätigkeit, turnen, schwimmen, radfahren und bergsteigen können, sind wir nicht genöthigt, Ackersknechte zu werden, um unser körperliches Befinden auf Kosten unseres geistigen auf der entsprechenden Höhe zu hallen. Selbst die Gefahr, ein geistiges Proletariat großzuziehen, soll uns von der Ausbildung unserer Geisteskräfte nicht abhalten. Ein geistiger Proletarier kann im schlimmsten Fall immer noch ein Handarbeiter werden, der Letztere aber, wenn er vorher nie etwas Anderes gewesen, kann niemals einen Beruf ergreifen, zu welchem Kenntnisse und geistige Fähigkeiten erforderlich sind. Möge der Jude werden, wozu er Lust und Fähigkeit in sich verspürt, das ist der einzige Rath, den man ihm ertheilen kann, aber deshalb „Bauern" werden zu wollen, damit die Antisemiten uns unsere geistige Überlegenheit nicht neiden, das kann nicht der Rath eines aufrichtigen Judenfreundes sein. Vielleicht ist es noch zu früh, um eine derartige Gegenbewegung in's Leben zu rufen, vielleicht sind in Deutschland die Bestrebungen auf dem berührten Gebiete noch zu unbedeutend, immerhin gilt der Grundsatz : Principiis obsta. *) Der Herr Verfasser scheint keine Ahnung davon zu haben, welch' hohes Maß von Intelligenz zum intensiven Betrieb der Landwirthschaft und der einer modern eingerichteten Werkstätte erforderlich ist und auch davon nicht, wie hoch Bibel und Talmud Ackerbau und Handwerk schätzen. Red. Zeitungsnachrichten und Correspondenzeri. Deutschland. A. B. Berlin, 18. Juni. Gestern, Mittwoch gegen die Abendstunde, wurde einer unserer Glaubensgenoffen, der 87jährige Kantor Wittkower, der gerade in der Ausübung seiner Pflicht in die Synagoge gehen wollte, von einem entsetzlichen Unglück betroffen. In einer sehr belebten Gegend wollte er eben den Straßendamm überschreiten, als ein großer Weißbierwagen dahergejagt kam, ihn niederriß und ihn derart überfuhr, daß dem Bedauernswerthen Vorder- und Hinterrad über den Kopf ging, so daß der Tod in wenigen Augenblicken eintrat. Der alte Mann war erst vor kurzer Zeit aus dem Krankenhause entlassen worden, und es war dies sein erster Ausgang nach seiner Genesung, leider auch sein letzter. Ein Schutzmann stellte die Persönlichkeit des Kutschers fest, der durch vorschriftswidriges schnelles Fahren das Unglück herbeigeführt hatte. Die erregte Menge hätte denselben fast gelyncht, wenn die Polizei ihn nicht davor geschützt hätte. Köln. „Der Verein israelitischer Elementarlehrer Westfalens und der Rheinprovinz" hat in der Lehrerfrage nunmehr einen entscheidenden Schritt gcthan. Er hat durch eine ad hoc gewählte Kommission (Laubheim-Bochum, Baum-Rheine, Kaufmann-Ahlen) ein Rundschreiben an alle Gemeinden der beiden Provinzen gerichtet, in dein er die Lage des jüdischen Lehrerstandes schildert und folgende Vorschläge macht: 1. Die vorhandenen Privatschulen in öffentliche jüdische Elementarschulen umzuwandeln. Eine össent liche Schule entlastet die Schulgemeinde ganz bedeutend, sowohl in Bezug auf Aufbringung des Gehaltes, wie Bestreitung der Pension und der Fürsorge für die Hinterbliebenen. — Für jede öff-ntliche Lehrstelle fließen aus Staatsmitteln jährlich 500 M. Die Pension wird vollständig aus Staatsmitteln und Zuschüssen der bestehenden Bezirkskassen gedeckt; ebenso gewähren die Bezirks-Wittwen- und Waisenkassen den Hinterbliebenen angemessene Versorgung. Zudem wird zur Ausbringung der Gehälter für Lehrer an öffentlichen Schulen seitens des Staates den weniger leistungsfähigen Gemeinden eine nicht unbeträchtliche Beihilfe gewährt. So ergeben sich durch die Umwandlung der Privatschulen in öffentliche für die Gemeinden ganz bedeutende Vortheile. 2. Wo aber diese Umwandlung nicht angängig, halten wir es für geboten, die bestehenden Privat- Elementarschulen zu erhalten und den Lehrern an denselben, sowie an Gemeinde-Religionsschulen wenigstens annähernd dieselben Rechte zu gewähren wie