Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 50 (22.6.1896)
- Date
- 1896-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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•' *J*r.- W;\l?> HgH4[^? WWMMWMW^MMWMW 948 sende lange geistige Thätigkeit körperlich verkümmerte jüdisch-sentitische Rasse durch ein derartiges Vorgehen wieder reorganisircn und in körperlicher Beziehung auf die gleiche Stufe mit den übrigen europäischen Ranen bringen? Beide Gründe sind u. E. wenig stichhaltig. Vor allen Dingen sind die Antisemiten niemals zu belehren unb die Macht des Stärkeren fragt nicht nacb Gründen. Nehmen wir an, der größte Theil der deutschen Juden wären Agrarier und die Schichten der Bevölkerung, die heute mit dem Namen Agrarierthum bezeichnet werden, würden sich dem Handel, der Industrie, der Bankthätigkeit oder etwa dem Hausirhandel widmen. Wären in diesem Falle wohl auch die Gesetze der allerjüngsten Periode, als da sind: Börsengesetz, Depütgesctz, Verbot des Detailreisens, Abzahlungsgesetz :c. entstanden, oder wären nicht wohl gerade umgekehrt eine Reihe die Landwirthschast bedrückender Gesetze gemacht worden, während die Herren Agrarier ihre Börse unb ihren Handel hübsch ungeschoren gelassen hätten. Man sieht also, auf die Berufsart der Inden kommt es nicht an. Einem bösen Willen ist mit Beweisen nicht beizukommen. Nach der glänzenden Freisprechung Buschoff's sagten die Tantener, „er hat den Jungen doch geschächtet." Dagegen ist nicht anzukänlpsen. Man konnte nun einwenden, daß die Juden doch während der Uebergangsperiode vom Handel zum Ackerbail eine gewisse Zeit der Ruhe hätten. Denn während noch der größte Theil der Bauern Nichtjuden sind, könnten die Juden mit „dllrchschlupfen" und fange erst das Drangsatiren auch ans diesem Gebiete an, nun, dann wird sich für die Juden wieder was anderes finden. Auch in der ganzen ersten Hälfte des Mittelalters gingen die Inden so lange ungestört in den Städten ihrem Handwerkerberufe nach, bis die Christen allmählich das Handwerk erlernten und die mißliebige jüdische Eoneurrenz unter dem Vorwand der Brunnenvergisnmg todtgeschlagen wurde. Ein derartiger Einwand erscheint uns nicht am Platze. Als die Juden mit den Römern nach Deutschland kamen, da mar das Handwerk daselbst nicht nur ein goldener, sondern auch ein jungfräulicher Boden und die germanischen Jäger und Hirten waren froh, wenn man ihnen Hufe, Schuhe und Angeln verfertigte. Anders liegen die Verhältnisse heute. 'Wenn sich heute die Juden beut Ackerbau und Handwerk wieder zuwenden würden, so würden sie das ganze Gebiet von Andersgläubigen bereits besetzt finden und die Hetze könnte erst recht beginnen. Bereits zu Anfang des Jahrhunderts, als der Geist Hessings und Mendelssohns zu wirken begann, konnte man ähnliche Strömungen im deutschen Judenthume bemerken. Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Juden wurden in großer Menge in's Leben gerufen, und was war die Folge? Ein sehr großer Theil der darin erzogenen Handwerker kehrten nach vollendeter Ausbildung dem Handwerke den Rücken und widinete sich dem Handel. Die Antisemiten machen uns das heute noch und fast täglich zum Vorwurf. Aber sehr mit Unrecht. Abgesehen davon, daß der jüdische Handwerker genau so wie der christliche durch den wirthschaftlichen Umschwung nicht mehr produziren konnte, indem beispielsweise der Messerschmied seine Messer aus Solingen, der Hutmacher seine Hüte von Habig in Wien bezog, so daß Beide. Jude wie Christ, es sich leisten konnten, mit den Händen in den Taschen vor der Ladenthüre zu stehen und dabei doch noch mehr verdienten, als wenn sie selbst produzirten, war es bei dem Juden noch ein besonderer Umstand, der ihn aus den Reihen der Handwerker dem Handel zuführte. Hatte ein jüdischer Handwerkerlehrling ausgelernt, so war es ihm fast unmöglich in einer nichtjüdischen Werkstatt — jüdische gab cs nicht — eine Stelle zu finden, ich will nicht einmal von denen reden, die am Sonnabend und den jüdischen Feiertagen nicht arbeiteten, die man, froh mit der Ausrede, rundweg abwies, auch die, die sich über ihre Religionsgesetze hinwegsetzten, wurden, sobald man erfuhr, daß sie jüdischen Glaubens seien, aus der Werkstatt hinausgeekelt oder direkt hinauscxpedirt. Etablirte sich ein solcher Meister später, so fehlte es ihm an Kundschaft und der Schluß war der Uebergang zu irgend einem „Geschäft", in dem eine Existenz möglich war.*) Wir sehen also, wegen des Antisemitismus ist es nicht rathsam für die Israeliten, sich dem Handwerk und dem Ackerbau zuzumenden. Nun bleibt uns noch der zweite viel aktuellere Grund, sollen wir zur Erhaltung unserer Rasse zur Händearbeit zurückkehren? Auch dies müssen wir entschieden verneinen. Israel, das älteste Culturvolk der Erde, hat sich zuerst der Viehzucht und dann dem Ackerbau zugewendet. Zersprengt unter die Nationen duldeten diese nicht länger den Milbewerb der Zerstreuten auf diesem Gebiete. Sie machten es dann, wie die Verfolgten es stets gemacht haben, sie wendeten sich einem Berufe zu, der von der großen Menge noch nicht geschätzt wurde und zwar einem höheren Grade der Cultur, dem Handwerke; als auch hier kein Raum mehr für das gehetzte Volk war. mußte es sich einem noch höheren Grade der Kultur, einem Grade, auf dem schon eine hohe Intelligenz erforderlich ist, zuwenden. Von nun an widmete es sich dem Handel, dem Geldverkehr, zuletzt der kaufmännisch geleiteten Großindustrie, und nun, da man auch diese Thätigkeit achten gelernt hat und es auch hier vertreiben will, soll es *) Eine bestimmte Gattung jüdischer Handwerker, wie Bäcker. Metzger n., die stets und auch heute noch exifliren und deren Daseinsberechtigung in den Verhältnissen liegt, sind natürlich ausgenommen.