Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 49 (18.6.1896)
- Date
- 1896-06-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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941 den hohen Cothurn übersieht, von dem herab es verkündet wird. Nach dieser Sanktion von solcher Seite, können wir des grausamen Spiels genug fein lassen. Schweiz. Basel, 15. Juni. In Ergänzung und zur Erklärung des Ihnen gesandten Telegramms über die Wiederwahl unseres verehrten Rabbiners, Herrn Dr. Cohn '"j, erlaube ich mir heute Ihnen einen ausführlichen Bericht zu senden, da die hiesigen Vorgänge gewiß weitere jüdische Kreise interessiren dürste. Die Statuten der hiesigen Gemeinde verlangen, wie diejenigen mehrerer anderer schweizerischen Gemeinden, das; der Rabbiner auch bei der Erneuerung des Vertrages in geheimer Abstimmung von der ganzen Gemeinde wiedergewählt werde. Schon seit Monaten stand die Wiederwahl unseres Rabbiners in; Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Gegen dieselbe hatten sich alle diejenigen zusammengethan, denen die orthodoxe Führung unserer Gemeinde schon lange ein Dorn im Auge war, und die gerne einen „freisinnigen", „toleranten" Rabbiner an der Spitze gehabt hätten, im: durch ihn „Reformen" einführen zu lassen, über deren Größe und Tragweite sich wohl die Meisten selber nicht klar waren. Zunächst wurde an unfern Herr Rabbiner die Anfrage gerichtet, ob und zu welchen Eoneessionen auf dem Gebiete des Gottesdienstes er sich bereit finden würde. Wie wir es von unserem Rabbiner, dessen Prinzipientreue auch seine heftigsten Widersacher anerkennen müssen, nicht anders erwarten konnten, antwortete derselbe auf die an ihn gestellten Zumnthnngen, daß er in religiöser Beziehung mit sich nicht handeln lasse. Er habe seine orthodorenGesinnnngen nie verleugnet, wie er sie auch nie verleugnen werde und er wolle auf seine Stellung verzichten, wenn die Gemeinde den abschüssigen Weg der Reform beschreiten wolle. Nun begann eine wüste Agitation gegen die Wiederwahl, die mit erlaubten und unerlaubten Mitteln im Geheimen und in öffentlichen Wirthshänsern in geradezu scandalöser Weise betrieben wurde. Wahrhaft wohlthuend wirkte in diesem Kampfe ein Circular, des der greise, seit mehr als 30 Jahren als Gemeindepräsident fungirende Herr S. Dreyfus- Neumann mit voller Namensunterschrist an die Mitglieder der Gemeinde versandte. Dieses interessante Schriftstück, das die hiesigen Verhältnisse am besten beleuchtet, lautet: Geehrte Glaubensgenossen! Unsere Gemeinde steht vor einer Krisis, welche ihren friedlichen und wohlthätigen Fortbestand in Franc stellt. Söerben wir durch die Wiederwahl unseres hochgeehrten Herrn Rabbiners, die bisher in unserer Gemeinde gewaltete friedliche, einträch ige religiöse Richtung beibehalten, oder werden wir durch die künstlich hervorgerufene Agitation in einen reformatorischen, zur Trennung treibenden Strudel, hingerissen, der alle unsere schönen humanitären und religiösen Institutionen zu zerstören droht? Es ist daher Pflicht eines jeden Gemeindemitgliedes für die gute Sache mit allen Kräften einzustehen. Der Unterzeichnete erlaubt sich, als eines der ältesten Mitglieder der israelitischen Gemeinde Pasels, deren Freud und Leid ihm sehr am Herzen liegt, alle stimmfähigen Glaubensgenossen zu bitten, für die Wiederwahl unseres hochverdienten Herrn Rabbiner, Dr. A r t h u r E o l, n, einzutreten. Ich bin mir wohl bcivußt, daß ein Theil unserer Gemeinde Leber einen reformfrcundlichen Rabbiner hätte; meine feste, auf wohlerwogenen Gründen beruhende Ueberzeugung geht aber dahin, daß wir durch eine solche ticfgeh-ndc Aenderung unsere Gemeinde ihrer Auflösung entgegen treiben würden. Nichts berechtigt uns, unfern religiösen Führer von seinem Amte abzuberusen. Herr Dr. Eohn hat in den l l Jahren seiner Amtsführung seine Pflichten getreu und ehrenhaft erfüllt. Als Prediger werden wir kaum wieder ein solches Talent finden. Als Religionslehrcr ist seine T Helligkeit und seine Liebe zu den Kindern, die dieselbe durch ihre Anhänglichkeit erwidern, unübertrefflich, und für die Armenpflege arbeitet er unverdrossen. Wenn wir alle diese Eigenschaften des Herrn Dr. Eohn in Erwägung ziehen, so würden wir uns einer unerhörten Pflichtvergessenheit schuldig machen, wenn wir diesen ehrenhaften, fleißigen, überzeugten Religionsvorstand und makellos dastehenden Familienvater, welcher uns seine Arbeitskräfte während einer langen Periode seiner Jugend widmete, von seiner Stelle entfernen würden. Daritm, geehrteste Glaubensgenossen, ersuche ich Sie dringend, nichts zu vernachlässigen, damit kein solches Unrecht in der jüdischen Gemeinde von Basel geschehe. - Illicht nur bei den Israeliten, sondern in den Augen aller unparteiischen Menschen, würden wir uns durch eine solche unwürdige Ihat aufs Aeußerste blamieren. Jeder Wähler besuche daher die hieraus bezügliche Abstimmung und stinnne bei der Wiederwahl für Herrn Dr. Eohn als unfern Rabbiner mit Hochachtungsvoll: S. Drenfus - 9t e u m a n n. Auf die Einzelnheit-'n des Wahlkampfes einzugehen, erlassen Sie nrir, sie sind für ein Mitglied der hiesigen Gemeinde zu beschämend. Die Hauptsache ist, daß die gerechte Sache trotz aller Anstrengungen der Gegner gesiegt. Am jüngsten Sonntag wurde unser Herr Rabbiner mit einer ansehnlichen Majorität bei einer noch nie dagewesenen Betheiligung wiedergewählt. Leider ist zu befürchten, daß Herr Rabbiner Dr. Cohn ’"j, den seine Fähigkeiten und Leistungen als Lamden und Redner zu ganz andern Stellen, als Basel sie bietet, berechtigen, es vorziehen wird seinen Wirkungskreis an einen Drt zu verlegen, wo er ähnlichen Kämpfen mit dem sogenannten Freisinn nicht ausgesetzt ist. B. ...— Rußland. Petersburg, 1<>. Juni. Bon der hiesigen jüdischen Bevölkerung wird dem russischen Kaiserpaare bei seiner Rückkehr nach Petersburg ein Kunstwerk überreicht werden, welcbes von dem bekannten russischen Bildhauer M. Antokolski hergestellt worden ist. Das Werk stellt einen Engel dar, der vom Himmel auf die Erde herabfteigt, in den Händen die