Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 49 (18.6.1896)
- Date
- 1896-06-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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938 funöirt sind. So konnte z. B. aus der Dr. Ephraim- Stiftung ein Betrag von 164.ooo Mk. für Arme verwendet werden; die vorhandenen sieben Waisen- Jnstitutionen haben an drei Millionen Mark zur Verfügung; das Alters-Versorgungshaus beherbergt 191 Greife und Matronen; das Krankenhaus hat eben eine Schule für jüdische Pflegerinnen eingerichtet; neuestenshat der Fabrikant Mannheimer zur Vergrößerung des Siechenhauses 5o< i.ooo Mk. gespendet. Vergleicht man mit diesen Ziffern die bescheidenen Wiener Zahlen, so drängt sich die Frage auf: „Wo steckt denn das goldene Wiener Herz?" Leider erhellt aus dem angeführten, daß mail in Berlin mehr Pflichtgefühl und Gemeinsinn kennt, als dies in Wien der Fall ist; wie sehr dort die Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben vorwaltet, geht auch daraus hervor, daß die Austritte aus der jüdischen Gemeinde in Berlin per Jahr 80 betragen gegen 400 in Wien! — Zu hoffen bleibt es, daß die demnächstige Reueonstituirung der Wiener Cultusgemeinde bessere Verhältnisse anzllbahnen ermögliche. Mit diesem äußerst interessanten Berichte des Herrn Vorstandsmitgliedes Dr. Steiner über die Verhältnisse der Berliner jüdischen Gemeinde, gegenüber welchen die der Wiener Gemeinde leider bedeutend znrückstehen, schloß die öffentliche Sitzung. Lemberg, 10. Juni. Ein merkwürdiger Vorgang spielte sich hier vor einigen Tagen ab, ohne daß die erlisten Kreise der Gesellschaft ihm die gebührende Beachtung zugewendet hätten. Ich meine den Anschluß der jüdischen Tischler-, Tapezierer- und Anstreicher-Gehilfen an die allgemeine Arbeiter-Organisation. Bisher standen die jüdischen Arbeiter der Lohnbewegung fcru und hatten überhaupt feilten Antheil an der Arbeiter-Organisation, weil diese ihre Versammlungen am Sonntag abhielt, an welchem die Juden allesainml bei der Arbeit sind. Sozialdemokratische Agitatoren versuchten, am Samstag eigens für die Juden Versammlungen zu veranstalten, aber die jüdischen Arbeiter sahen in der Abhaltung einer profanen Zwecken gewidmeten Versammlung am Samstag eine Verletzung der Sabbatweihe und kamen nicht. Bei ihrer großen Anzahl in den erwähnten Fächern lag aber den christlichen Arbeitern unendlich viel daran, ihre jüdischen Eollegen zu gewinnen. Um sie auf einmal zusammen zu haben, mußte man sich dazu entschließen, am Sabbat Abend nach Ausgang des Ruhetages eine Versammlung abzuhalten. Es handelt sich um die Orgauisirung eines Streiks, der die Herabsetzung der Arbeitszeit und die Erhöhung des Lohnes durchsetzen sollte. Da die Inden wußten, daß in der Versammlung sozialdemokratische Redner sprechen werden, denen der Ruf vorangeht, daß sie gerne gegen die Religion losziehen, stellten sie die Bedingung, daß in den Reden keine Religion irgendwie angetastet werde. Das geschah denn auch. Ein christlicher Redner legte, wie die „Jüd. Pr." berichtet, die Wichtigkeit des Zusammengehens der.Arbeiter beider Confessionen dar, da sich nur auf diese Weise für beide bessere Daseinsbedingungen erringen laffen, und betonte, daß die christlichen Arbeiter sich nicht vom Antisemitismus werden bethören lassen, deffen Matadore nur Zwietracht säen wollen, um die arbeitenden Elasten desto ungehinderter ausbeuten zu können. Dann wies eine ganze Reihe von Rednern auf die Vortheile hin, welche den jüdischen Arbeitern aus dem Zusammengehen mit ihren christlichen Eollegen erwachsen würden. Alle betheuerten, daß ihnen nichts ferner liege, als etwa religiöse Empfindungen zu verletzen. Gleichzeitig fand in Krakau unter der Aegide einiger Geistlicher vom Jesuitenorden eine Arbeiterversammlung statt, an der ein Dutzend Arbeiter theilnahm, und worin das mit einigen sozialistischen Floskeln ausstaffierte Programm einer in's Leben zu rufenden „christlichen Arbeiterpartei" festgesetzt wurde. Dabei hielt ein Arbeiter eine offenbar „inspirirte" Rede, in welcher als das Hauptübel der Arbeiterschaft die — Juden hingeftellt wurden. Unter der Arbeiterklasse wurden diese Auslassungen auch mit der gebührenden Heiterkeit ausgenommen. Es ist noch erinnerlich, welche Hoffnungen man an den Regierungsantritt des Grafen Badeni mit der „eisernen Hand" geknüpft hatte. Rach kaum achtmonatlicher Regierung hat er es fertig gebracht, den Antisemitismus hoffähig zu machen, und nun verdanken wir ihm als Minister des Innern eine Verordnung, welche zahllose arme Juden härter treffen wird, als der schroffste Antisemitismus. Das neue Hausierergesetz, welches im Herbst im Parlament zur Berathung gelangen soll, ist darauf berechnet, den Hausierhandel gänzlich zu vernichten. 'Rur für Gegenden, wo derselbe der Verbreitung gewisser Hausindustrien dient, die ohne ihn nicht zur Geltung kämen, soll derselbe gestattet sein, sonst aber so eingeschränkt, so vielen Chikanen preisgegeben werden, daß er nothwendig ganz aushören muß. Diese Auffassung, daß die armen Hausierer nur insofern ein Recht zum Leben haben, als sie reichen Industriellen Nutzen schaffen, ist in unserer Zeit mit ihren Schlagworten von der Hilfe für den Hilfsbedürftigen doppelt beachtenswerth. In Oesterreich giebt es 22,000 Hausirer, davon sind etwa 1.8,ooo Juden, wäre das Verhaltniß ein umgekehrtes, so würde ohne Zweifel über den Hausierhandel eine andere Auffassung herrschen. 9hm erging unlängst ein Erlaß, welcher den Hausierhandel in Prag und llmgebung gänzlich verbietet. Urplötzlich sind unzählige Familien brodlos gemacht, und zwar diejenigen, deren Ernährer entweder zu unbemittelt sind, um sich ein Geführt zu halten, womit sie die Provinz bereisen könnten, oder zu alt und gebrechlich