Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 48 (15.6.1896)
- Date
- 1896-06-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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MXTII. Jahrgang. SrUagr;u M 48 des „Israelit“. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deut s ch l a n d. Berlin, I". Juni, lieber den lvohlthätigen Einfluß der Juden in Deutschland während der ersten fünfzig Jahre dieses Jahrhunderts spricht sich der ehemalige Reichsregcnt Earl Vogt, eines der geistvollsten Mitglieder des Parlaments der PanlSkirche, in den Erinnerungen und Rückblicken „Ans meinem Leben" in ungemein überzeugender Weise ans. Nachdem er in seiner bekannten drastischen Manier einzelne Dopen der Bürgerschaft, der Gelehrtenwelt seiner Vaterstadt Gießen geschildert, fahrt er fort: „Bürgerschaft und Judenschaft hatten gesellschaftlich wohl nur sehr wenige Beziehungen zu einander, waren aber nichtsdestoweniger durch (bewerbe und Handel eng mit einander verbunden. Die Inden waren ohne Zweifel rühriger und strebsamer als die behäbige Bürgerschaft, die sich in dem altgewohnten, scholl von den Vätern ausgefahrenen Geleise langsam weiter bewegte. Wenn aus Gießen eine betriebsame industrielle Stadt geworden ist, von schöllen Land Häusern, Villeit mtb Gärten umgeben, so ist dies größentheils den Leuten zu danken, welche ans dem verachteten lind mißhandelten Stande der niedrigen Handelsjuden sich emporarbeiteten durch Fleiß, Intelligenz, Nüchternheit und einträchtiges Familienleben. Der Bürger war zufrieden, lvenn er seinen Sohn durch Gvmnasinm und Universität in die Laufbahn des Beamten, Richters oder Arztes leiten konnte, wo er immer in derselben Umgebung, in dem engen Rahmeil des hessischen Vaterländchens sich herumtrieb, der Jude schickte seine Söhne, die zu Hause gehänselt und geplagt wurden und sich keine Hoffnung auf eine Anstellung machen konnten, nach Frankfurt oder weiter in das Allsland, sparte sich den Bisseil vom Munde ab, um ihnen eine gediegene und praktische Ausbildung zu Dheil werden zu lassen. Der Bürger^ sohn, wenn er nicht in dem väterlichen Gewerbe blieb, hoffte auf eine Versorgung vom Staate; der Judensohn wußte, daß er zll weiterem Fortkommen auf sich selbst lind seine Familie angewiesen war. So zogen denn die Juden die Christen nach zu lveiterem Fortschritt, und indem sie sich emporarbeiteten zu geachteten Lebensstellungen, zu werkthätigen Gliedern der Stadtgemeinde, zogen sie die andern nach auf dem Wege des Fortschritts." — Was Vogt hier über die Verhältnisse des damaligen Gießen sagt, dürfte int Allgemeinen für alle Städte Süddeutschlands in jener Epoche Giltigkeit haben. Dessau, im. Juni. Den israelitischen Bewohnern Anhalts schlossen sich dem Offenbarungsfeste noch eine Reihe anderer Feiertage an, die dem 25jährigen Negierungsjubiläum ihres geliebten Lcmdesherrn, des Herzogs Friedrich, gewidmet waren. Das Wirken des Herzogs ist für sein Land ein überaus segensreiches gewesen, und es wurde von höchster Stelle durch Wort und Dhat oft gezeigt, daß es hier keinen Unterschied zwischen den Konfessionen giebt, wie sich ja die Israeliten Anhalts stets einer wohlwollenden Behandlung erfreuten in Zeiten, als man noch nicht in Deutschland von gleichen Menschenrechten überzeugt mtb durchdrungen war. Diese Thatsachen fanden auch in der Sr. Hoheit überreichten Adresse der Gemeinden Dessau, Eöthen und Bernburg — ein Meisterwerk Allsgar Schoppmevers, Berlin — beredten Ausdruck. Im Ramen der Gemeinden des Landesrabbinats überbrachte Herr Dr. Freudenthal die Glückwünsche am Jubiläumstage, und es verdient die Thatsache weiteren Kreisen bekannt zu werden, daß der Vertreter des Landesrabbinats unmittelbar dem Darbringer der Huldigung der anhaltischen Landeskirche, dem Generalsuperintendenten Dr. Teichmüller folgte, während die Abordnungen der Regimenter, Städte u. s. w. später folgten. — Wie nicht anders vorausznsehen war, gestaltete sich der Festgottesdienst an diesem Tage (22 Mai) besonders erhebend. Die Festpredigt über Habakuk G 13 „Dil ziehst zur Hilfe deinem Volke aus, zur Hilfe deinem Gesalbten", wird größeren Kreiselt zugänglich, da der Vorstand der hiesigelt Gemeinde dieselbe drucken läßt. — Durch Gnadenbezeugungen wurden ausgezeichnet: das Vorstandsmitglied Herr Julius Elkan durch den Titel Geheimer Kommissionsrath, und Herr Paul Märker durch die Ritterinsignien 2. Klasse; außerdem erhielten die Jubiläumsmedaille: Herr Kommerzienrath Sonnenthal, Herr Hoflieferant Probst und Herr Landesrabbiner Dr. Freudenthal. — Mitte Mai starb hier Herr Rentier Adolf Ries, dessen Ahnen Begründer der jüdischen Gemeinde Berlin waren, nachdem sie ans 'Wien vertrieben und vom großen Kurfürsten das Riederlassttngsrecht für 50 Familie erworben hatten. Der Verstorbene hinterließ, wie die „A. Z. d. I." erfährt, der Gemeinde, der Stadt und dem Kreise größere Kapitalien zu gemeinnützigen Zwecken und bewährte sich auch dadurch als Enkel großer Ahnen. Frerburg, 8. Juni. In der Vorstandssitzung des israelitischen Landesasyls für Sieche und arme Greise vom 14. Mai d. I. wurde eine Deputation, bestehend aus den Herren Oberralh Bens he im, Rechtsanwalt Dr. Friedberg und dem Stadtuud Bezirksrabbiner Dr. Lewin zu dem Zwecke gewählt, um S. K. H. dem Groß Herzog die Bitte