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Der Israelit · 1896-06-15 · Heft 48 (15.6.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 48 (15.6.1896)
Date
1896-06-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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WWWWWWWWWWWMWM^M^ rMijuiw,i ■ ,.a, u. i w*.' -•- *,. - ,-.- 913 Feuilleton. Auf des Lebens Köh'. Erzählung von S. B. Rosner. 8) (Alle Rechte Vorbehalten.) Das Bauernmütterchen war erschrocken zusammengefahren und schlang die Finger in einander, als ob sie in ihren Aengsten schnell ein Paternoster hätte beten wollen. Helene stieg zur Erde, befahl dem Kutscher, das Fräulein mit ihrem Mops in's Schloß zu fahren und gleich wieder zu dieser Stelle zurückzukehren. Als die Bäuerin aus den Worten Helenens ersah, daß der Schlitten und seine Insassen zum Schloß gehörten, malte sich in ihren: runzelichen Gesichte eine tiefe Betroffenheit ab. Sic schaute trostlos zu Boden und jammerte leise: „Mein Gott, mein Gott, jetzt ist's um mich geschehen. O, o!" „Was habt Ihr denn mit einemmal," fragte Helene theilnehmend. „O, daß ich das erlebt habe!" klagte die Greisin händeringend, „die strenge Frau Gnaden, die dort fährt, ist die Frau Gräfin und ich habe gestohlenes Holz auf dem Rücken! Sie wird mich einsperren lassen — o, iä) bitt' Euch um des Himmels Willen", sic umklantmerte Helenens Hand — „verwendet Euch für mich bei der gnädigen Frau Gräfin! Ich bin eine arme, alte Einwohnerin, Hab' Niemanden aus der weiten Welt und die Stube ist so kalt und die Nächte so lang — und die Andern im Dorfe thun's alle auch — Weiter konnte sie nicht. Das mit Weinen untermischte Stanuneln erstarb ihr auf den versagenden Lippen. Helene war durch die weinende Greisin tief erschüttert. Sie sagte ihr zu ihrer Beruhigung, daß sie selbst die Herrin des Schlosses sei, und daß sie von Niemanden etwas zu fürchten habe. Nachdem es Helene gelungen war, die Bäuerin einigermaßen zu beschwichtigen, fragte sie dieselbe wieder: „Es sind wohl noch mehr solcher armen Leute im Dorfe, wie Ihr?" „Ach ja," sprach die Alte mit einen: erleichterten Seufzer, „und leider auch solche, die noch ärmer sind, als ich." „Noch ärmer als Ihr?!" „Ach, leider Gott, ja. Denn seht, gnädige Frau Gnaden, da ist gleich unsere Nachbarin Judit. Hat sechs Würmchen, eins kleiner als das andere, zwei sind krank und der Mann, der Jmre, ist ein fleißiger Mensch und hat sich immer etwas verdient, mit Holzfällen oder andern Arbeiten. Da trifft ihn vorige Woche das Unglück, er hackte sich in die Hand und kann keinen Kreuzer verdienen und die kranken und gesunden Kinder weinen um Brod. O weh, o weh, was ist das für ein Jammer! Nun, sind die Leute nicht ärmer als ich?" Die absichtslosen Worte der Bäuerin erschienen Helene wie eine schwere Anklage. Welch' eine Welt von Elend und Noth erschlossen ihr dieselben! Und da, wo es so viel zu helfen und zu lindern gab, hatte sie alle ihre Kräfte von einem Schmerz lähmen lassen, welcher ihr jetzt mehr hypochondrisch, als wirklich berechtigt erschien! Wie kläglich kam sie sich vor im Vergleiche mit diesen Naturmenschen, welche den Muth besitzen, den Kan:pf mit einem Leben aufzunehmen, dem sie im besten Falle ein Stück trockenen Brotes abringen können. Diese Sünde kann nur durch Thaten gesühnt werden! „Mutter," sprach sie zu der Alten, „Ihr werdet mir zeigen, wo jene armen Leute wohnen." „Wie — was?" rief die Alte in freudiger Verwirrung. „Frau Gnaden wollten — ich soll." „Zeigen sollt Ihr mir, gute Frau, wo die Armen Eures Dorfes wohnen, damit ich ihre Noth nach Kräften lindern kann." Die Alte erhob die inbrünstigen Blicke und die gefalteten Hände zum Himmel und sprach mit bebender Stimme: „Ich danke Dir, lieber Gott, daß Du meine 'Worte so bald erhört hast! — Gott segne Euch, gnädige Frau Gräfin, und zahle Euch im Jenseits, was Ihr an den Leuten Gutes thun werdet. Sie könnens gebrauchen, die armen Menschen!" Eben war der Schlitten wieder zur Stelle gekommen und Helene sprach: „Nun steigt ein, Mütterchen, wir wollen fahren." „I," lachte die Alte und blickte, den Kopf wiegend, abwechselnd von den blumigen Sammtpolftern des Schlittens auf ihre mehr als armselige Kleidung, „wo denken Ew. Gnaden hin? da soll die alte Panna sich hineinsetzen? Was würden die Leute im Dorfe dazu sagen?" Sie wandte sich ungläubig kichernd halb weg. „Was gehen uns die Leute im Dorfe an. Also nur flink — legt Euer Bündel in den Schlitten und steigt ein." „Aber so — in diesem Kittel —" wandte die Alte zaghaft ein. „Das hat nichts zu sagen." „Aber der theuere Sammt —" murmelte sie halblaut. Da ließ ihr Helene das Holzbündel durch den Kutscher vom Rücken nehmen und in den Schlitten legen und da die Alte nun sah, daß es keine Wahl giebt, schickte auch sie sich zum Einsteigen an. Vorerst aber rieb sie ihr Schuhwerk eine gute Weile an der Erde, um es nach Möglichkeit vom Schnee zu reinigen und es bedurfte einer abermaligen Auf-

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