Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 48 (15.6.1896)
- Date
- 1896-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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909 noch ein Leben voll Kammer und Sorge jeder Art, daß da die emsige Beschäftigung mit der Thora, das wahre Gute für das jenseitige Leben wenigstens sichert, das wird man begreiflich finden. Aber *pa« ntn o^iya in dieser Zeitlichkeit bei all diesen Entbehrungen glücklich zu sein, wer wird das glauben wollen? Glauben, wird es gewiß Niemand, aber es lohnte sich doch es praktisch zu erproben. Diese Probe einmal zu machen, dazu fordern die Worte: nn« o«i p mtny auf. Wenn du so thust, dann bist du glücklich in diesem Leben und hast das Gute des künftigen Lebens. Jede geistige Beschäftigung, besonders die redliche Hingebung zur Wissenschaft und Kunst hat die Kraft, ihre Jünger über die Niederungen des Lebens hinweg zu heben imb sie eine geraume Zeit darüber zu erhalten. Aber das Wunder, das die redliche, selbstlose Hingebung an das Studium der Thora nach dieser Seite thut, wird nirgends sonst erreicht. Wie höchst selten finden auch Wissenschaft und Kunst die selbstlose Pflege und Hingebung, welche erste Voraussetzung einer Beschäftigung mit mm ist. Es sind doch fast ausnahmslos Brodftudien, Bestrebungen, die mehr oder weniger im Dienste materieller Interessen stehen, welchen daher der geistige Flügelschlag von vornhinein gelähmt ist, der zu jener Höhe erheben und die Erhobenen dort erhalten könnte. Gewiß vermag die Beschäftigung mit Wissenschaften aller Art, Geist und Gemüth der sich ihnen hingebenden mit Befriedigung und selbst mit hoher Freude zu erfüllen, ganz so, wie das Studium der Thora die Thorabeflissenen auszeichnet. Aber wenn die Noth des Lebens an die Jünger der 'Wissenschaft herantritt, - erweist sich jene stärker als diese. Mangel am Nöthigsten, Gehässigkeiten und Widerwärtigkeiten, wie sie kein Leben ganz verschonen, ziehen die Alumnen der Wissenschaft von ihrem Studium fort, um diesem Mangel zu steuern und die Unannehmlichkeiten zu beseitigen oder doch zu bekämpfen. Ist ihnen dies gelungen, so kehren sie wohl wieder zu ihren Studien zurück, aber so lange Armnth und Noth die Geister umnachten, sind sie nicht des Aufschwungs fähig, den auch die Wissenschaft bis zu einer gewissen Höhe 311 gewähren vermag. Die Tbora hat dagegen den Vorzug, das; diejenigen, welche sie rietet betreiben, ihr auch in den trübsten Geschickeslagen nicht tlntreu werden, so lange noch das Leben in ihnen pulst. So sagt David von sich, und Israel in seiner Gesammtheit spricht es ihm nach: „Mein Leben trage ich beständig auf der Hand, aber die Thora habe ich nicht vergessen. Lieder sind mir deine Gesetze geworden in der Stätte meiner flüchtenden Wanderungen." (Ps. 119, V. 109, 55.) Die Noth des Lebens ist, weit entfernt ein Grund zum Aufgeben der Thora zu sein, die mächtigste Anregung ihr mit gesteigerter Anhänglichkeit treu zu bleiben, wie es in demselben Psalm ausgesprochen ist: „Wäre deine Thora nicht mein Ergötzen, ich wäre in meinem Elend untergegangen." Das Geheimniß dieser Wunderkraft der Thora beruht darin, daß die Thora der Born ist, aus dem das Leben der Seele quillt, daß der Mensch nicht vom Brode allein, sondern von allem lebt, was dem Ausspruche Gottes entstammt. Das fühlt Jeder, dem es gelungen ist mit der Thora so vertraut zu werden, daß sie die Freude seines Herzens ausmacht. Wenn sie das geworden ist, dünkt ihm alles, was die Welt zu bieten und versagen mag, gering, gegen die Wonne, die der Trunk aus diesem Lebensborne bedeutet. Eine solche vermag keine Freude und kein Schmerz, keine Furcht und keine Hoffnung dem Lichte abwendig zu machen, das die Thora ausstrahlt. Dieses Arkanum geht allen anderen Wissenschafteil ab, das wir ausführlich in einem der nächsten Sprüche 31t behandeln haben werden, der die Größe der Thora darin erblickt, daß sie Leben giebt, denen, welche sie lernen. .rvnttftb oMn nanu »vw rmn rbra Dieses höhere, seelische Leben wird nicht beeinträchtigt, wenn auch das körperliche Leben durch Brod, Salz und knappes Wasser sein Dasein fristen muß. Die Bitternisse eines sorgenvollen Daseins, vermögen dieses Leben, das aus der Thora quillt, nicht zu trüben. Dieses Leben überdauert das irdische Dasein, es bildet den Uebergang zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit. Es liegen uns zahlreiche, über allen Zweifel erhabenen Zeugnisse von Märtyrern vor, die mm gelernt, für die sie gelebt und für sie in beu Tod gegangen sind, und dieses höhere Leben, das die Thora ihren treuen Jüngern spendet, hat sie unempfänglich für die Todesmartern gemacht, mit welchen man sie zum Abfall zwingen wollte. Sie hatten das Gefühl der wonnigen Beseeligung unter den raffinirtesten Grausamkeiten, die menschlicher Wahnwitz erfolglos ersonnen hatte, um seinen Opfern die letzten Lebensaugenblicke zu verbittern. Die Edlen, Heiligen, die ihr Leben Hingaben für die Heiligung des Gottesnamens, die ihr nav1? geübtes Thorastudium durch den Einsatz ihres Lebens ßesiegetten, die bp und singend den Scheiterhaufen bestiegen und verklärten Antlitzes von Flammen umloht Gott die reine Seele Zurückgaben, sie alle sind so laute, unabweisbare Zeugen für die Lebenskraft der Thora, daß Angesichts eines solchen Todes, ein glückliches Leben bei Brod und Wasser und Salz und Kümmernissen aller Art aufhört, als ein Wunder zu erscheinen. Und tritt nicht Israel in seiner Gesammtheit für die Wahrhaftigkeit dieses Väterspruches ein?