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Der Israelit · 1896-06-15 · Heft 48 (15.6.1896) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 48 (15.6.1896)
Date
1896-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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908 auf welche die Beschäftigung mit der Thora nvvv allein zu heben vermag. Tie große Masse hält dies für eine Hyperbel, deren Wirklichkeit sie fo wenig begreift, wie etwa der Blindgeborene eine Vorlesung über die Verschiedenheit der Farben. Das scheinen die an und für sich schwierigen und mindestens überflüssig scheinenden Worte andeuten zu wollen: cko p neny nr« „Wenn Du so thust." In seinem Werke 2pp' erklärt dieselben der berühmte Dubnoer Maggid durch folgendes Gleichniß. „Zwei Jünglinge besuchten die Jeschiba und theilten Jahre lang zusammen die Entbehrungen und Bitternisie des Lebens, die den Besuchern der talmudischen Hochschulen zum großen Theile beschieden sind. Eines Tages entschloß sich der eine zum Kaufmannsstande überzugehen, während der andere beim Thorastudium verblieb. Die beiden Freunde trennten sich und hörten viele Jahre nichts von einander. Nach Jahr und Tag vernahm der eine, der sich inzwischen verheirathet und eine bescheidene Stelle inne hatte, daß sein Freund eine glänzende Carriäre gemacht und Inhaber einer der ersten kaufinännischen Firmen der Hauptstadt fei. Er nahm sich vor, sich selbst zu überzeugen und den alten Freund aufzusuchen. Er reist in die Hauptstadt, hört dort seine Nachricht in jeder Hinsicht bestätigt und geht sofort in das Comptoir seines Freundes. Da faß er umgeben von einer großen Anzahl Angestellten, Reisenden, Kunden und Leuten jeglichen Schlags, die alle mit dem Chef persönlich verkehren wollten. Dieser gewahrt nach kurzer Zeit seinen Fremi), erkennt ihn sofort, zieht ihn in freudiger Erregung in sein Privatkabinet, und die Freunde geben sich wenige Minuten der Freude des Wiedersehens nach so langer Trennung hin. Du bist jedenfalls so lange Du hier bist mein Gast. Wir essen um ein Uhr, bis dahin mache ich mich frei, damit wir uns nach so langer Zeit wieder einmal gründlich aussprechen können. Im Augenblick siehst Du, wie man draußen auf mich wartet; also in drei Stunden. Zu der festgesetzten Stunde erschien der geladene Gast, aber das Comptoir war womöglich noch mehr von Besuchern angefüllt als am Morgen. Der Freund versicherte ihm, daß er sofort frei sei, er habe ihn schon bei der Familie avisirt, die sich glücklich schätze seinen Jugendfreund kennen zu lernen. Er begleitete ihn in die Wohnung, stellte ihn kurz den Hausleuten vor und versprach sofort wiederzukommen. Aber es verging eine Stunde und zwei Stunden und der Hausherr kam nicht. Die Hausfrau war in sichtlicher Verlegenheit und klagte dem Gaste, ihre Tischzeit sei so sehr unregelmäßig, weil ihr Mann mit Geschäften derart überhäuft sei, daß er sich nicht an eine bestimmte Stunde binden könne. — Endlich aber kam der sehnlich Erwartete ermüdet und abgespannt und mit der Bitte um Entschuldigung für sein langes Ausbleiben. Als sich die Freunde später zurückgezogen und ihre Erlebnisse gegenseitig erzählt hatten, meint der Gast: Du schilderst mir deine Unternehmungen und wie sie vom Himmel derartig gesegnet wurden, daß Du heute eine hervorragende Stellung einnimmst und über ein großes Vermögen verfügst. Aber ich kann mir nicht denken, daß Du glücklicher bist, als in unserer Jugend, wo mir eine Dachkammer bewohnten und wir glücklich waren, wenn wir Brod und Zwiebeln hatten, um unseren Hunger zu stillen! Du siehst mich groß an? Es ist wahr. Du lebst heute fürstlich im Vergleich mit unserem Leben in jener Zeit, aber wie theuer ist dieses Leben erkauft! Was helfen Dir Deine Hunderttausende, wenn Du nicht die Muße findest sie zn genießen, wenn Du nicht einmal Zeit hast zum Mittagessen! Das ist doch nicht heute allein so, das geht ja keinen Tag anders, wie mir Deine Frau erzählt. Als mir noch auf der Jeschiba zusammen waren, konnten wir doch wenigstens essen, wann wir wollten, sobald wir nur etwas halten und bei den geringen Ansprüchen, die wir ans Leben stellten, fanden wir auch das, was wir brauchten. Aber in Hülle und Fülle zu leben und keine Zeit zu haben, um sie zu genießen, das dünkt mir kein Glück, wie ich es mir vorstelle! Du bist im Jrrthum, erwiederte lächelnd der Freund. Was Du für ein llnglück ansiehft, das ist in Wirklichkeit das vollendete Gegentheil. Wenn ich alles zusammen nehme, was Dich an meinem Glücke stutzig macht, so ist es der Umstand, daß ich wegen zahlreicher Geschäfte nicht pünktlich meine Tischzeit einhalten kann. Aber für einen Kaufmann gibt es gar kein größeres Vergnügen, als wenn seine Geschäfte so zahlreich sind, daß er nicht einmal Zeit zum Essen hat. Wie kannst Du mich so etwas glauben machen wollen, entgegnete der Andere, so hast Du doch in den Jahren unseres früheren Zusammenseins selbst nicht gedacht; und heute sollte ich das von Dir wirklich so ohne weiteres annehmen? Ich begreife Dich und Deimn Standpunkt ganz wohl, entgegnete der Wirth seinem Gaste, und deßhalb bezweifle ich, ob ich Dich überzeugen kann. Aber das weiß ich, wenn Du selber Kaufmann wärest, so würdest du genau so wie ich denken und das ganz selbstverständlich thun, was Dir heute unbegreiflich scheint. Die That würde Dich sicher überzeugen, aber Worte werden es nicht vermögen. Das meint wohl auch unser Spruch. Wenn man Jemanden sagt, bei Salz und Brod und knappem Wasser selbst, ohne die Möglichkeit eine Ruhestätte für den müden Körper zu haben und dabei

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