Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 47 (11.6.1896)
- Date
- 1896-06-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXYII. Jahrgang. Erste Beilage zu M 47 des „Israelit". Leitender Artikel. Eixe il»trrre»u»g mit Dem seitherige» nrgentinislhe» Vertreiei des Sara» tzirfih. Wir entnehmen dem Berichte, den ein Herr Lu d v i p o l über seine Unterredung mit F e i n b er g, dem bekannten Vertreter des Baron Hirsch, in der letzten Mnliner der „Archives Jsraelites" veröffentlicht hat, die folgenden interessanten Punkte: Herr Feinberg ist bekanntlich ganz vor Kurzem aus Argentinien zurückgekommen, nachdem er 3 Monate lang das dortige Colonisationswerk eingehend studirt hatte. Er spricht mit außerordentlicher Anerkennung, ja fast mit Begeisterung von den jüdischen Kolonisten die jetzt dort arbeiten und ist stolz darauf, daß die von ihm ausgewählten Familien sich so gut bewähren. Dieselben waren früher kleine Kaufleute, Korumis, Schankwirthe, kurz Leute, die mit dem Ackerbau nie etwas zu thull hatten. Wenn das ein Fehler war, so war es wenigstens nicht ein Fehler dieser armen Leute, sondern der Regierung, welche sie in jenen Berns drängte. Bedürfte es hierfür eines Beweises, so wäre derselbe durch den Feuereifer gegeben, mit dem dieselben Leute, seit sie in Argentinierl sind, sich der Bodenbearbeitung gewidmet haben, und Dank dieses Feuereifers sind die meisten von ihtlen gute Bauern geworden. Herr Feinberg erzählt: „Ans meiner Reise durch die Koloniell begegnete ich häufig jüdischen Familien, die ich in Rußland gefcimtt hatte, und trotz der kurzen Zeit, die seitdenl verflossen ist, erkannte ich sie kaum noch wieder. Das war nicht mehr der magere, schwache Jude mit stets gekrünlmtent Rücken, mit einein Gesicht von unendlicher Traurigkeit und beständiger Sorge, das war ilicht mehr der arme Teufel, der mit alleil möglichen Mitteln fein Brod zu gewinnen sucht, ohne es doch je reichlich erwerben zu können! Das wareil vielmehr richtige Bauern, die auf ihrem Felde arbeiteten nnb auf ihren Pferden ritten, als seien sie geborene Landarbeiter. Die frische Luft und die Freiheit, die körperliche Arbeit und die bessere Nahrung haben sie auch körperlich vollständig umgewandelt. Erstaunlich aber ist es zu sehen, wie rasch sich die Veränderung vollzogen hat. Sicherlich ist die Legende von der Abneigung der Juden gegen körperliche Arbeiten im allgemeinen und gegen Landarbeit im besonderen schon sehr in's Schwanken gekommen, denn wir besitzen in Rußland nicht weniger als 50,000 jüdischer Bauern, die sich sehr gut bewährt haben, wobei ich noch nicht einmal von | den günstigen Resultaten in ^Palästina reden will, wie solche in der Spezialausstellung kderlj jüdischen Dörfer Palästinas in Berlin zu Tage "treten. Dennoch aber ist es gut, immer wieder darauf hinzuweisen, wie nur Böswillige uns Juden die Fähigkeit zmn Ackerbau absprechen können. Leider gibt es auch unter unseren Glaubensgenoffen immer noch Vorurtheilsvolle genug, welche sich durch antisemitische Hetze haben verblenden lassen. Ihnen sollte man rathen, sich auch die neuen Kolonien aazusehen, welche prächtige Bauern dieselben russischen Juden abgeben, die noch vor Kurzem in ihrem Geburtsland Hausirer waren. Es befinden sich jetzt in den Kolonien circa 1100 Familien von denen höchstens 10 bis 15 Prozent unseren hochgespannten Ansprüchen zur Zert nicht genügen. Ich muß aber hervorheben, daß dieselben Leute, die wir wegen ungenügender Leistung ausgesibloffen haben, in vielen Fällen auf den spanischen Gütern der Umgegenv Arbeit gefunden haben und ihre Brodberren mit ihren Leistungen zufrieden sind. Die Kolonisten zerfallen in 2 Kategorien, ungefähr 300 Familien leben in 2 großen Kolonien unter Leitung von 2 russischen Juden L a p i n e und H a h n, welche Beide in hoher Achtung bei ihren Untergebenen stehen. Außerdem sind circa 800 Familien, die in beit letzten zwei Jahren erst angesiedelt worden sind nnb deren Einrichtung noch nicht vollkommen beendigt ist, während bei der ersten Kategorie thatsächlich nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Auf eine Frage, ob Herr Feinberg bald wieder neue Kolonisten in Rußland zu sammeln und hinüber zu senden gedenke, antwortete dieser: „Keinesfalls in der nächsten Zeit, wir müffctl erst die tausend bis 1100 Familien, die wir dort haben, vollkommen installiren, bevor wir daran gehen können neue Rekruten, sozusagen, auszuheben. Erst muffen auch die Familien der zweiten Kategorien dieselbe Vollkommenheit in der landwirthschaftlichen Arbeit erreichen, wie sie heute die erste Kategorie bereits besitzt. Dies erfordert mindestens 2 Jahre und erst dann können wir an eine weitere Ansiedelung denken. Mit diesem tröstlichen Ausblick in die Zukunft schloß die interessante Unterredung mit Herrn Feinberg. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 9. Juni. Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: Die Aeußerungen des Justizministers über die Anstellung jüdischer Richter sind geeignet, berechtigtes Aufsehen zu erregen, da sie sowohl mit der preußischen Berfaffung als auch