Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-06-11 · Heft 47 (11.6.1896) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 47 (11.6.1896)
Date
1896-06-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448651--41932-2490912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

890 schaute gleich wieder gleichgültig weg und klatschte liebkosend seinem Pferd auf den schonen Hals. „Fahre zu!" befahl Helene leise dem Kutscher. Wieder schaute sie sinnend zu den eilenden Pferde- Hufen nieder; unbewußt kräuselte sie die Stirn in ernste Falten. Da wurde sie von der Stimme des Fräuleins geweckt. „Älais c'est en effet impertinent!" rief das Fräulein im Tone edler Entrüstung, „das heißt die Unverschämtheit auf die Spitze treiben! Befehlen Sie doch den Forstleuten, daß sie strenge Maßregeln zum Schutze der herrschaftlichen Forsten ergreifen." „Was wollen Sie denn?" fragte Helene aufblickend. „Sehen Sie denn nicht jene alte Here, die uns entgegenkommt? Das Holz, unter welchem sie sich krümmt, ist gewiß aus den Wäldern gestohlen, die ein Ahn des seligen Grafen Elemer gepflanzt." „Und mit dem Schweiß, oder gar Blut eines Ahns jenes Mütterchens begossen hat," schaltete Helene herb ein. „Sie haben Recht, es ist eine Pietätlosigkeit von dem Weibe, das Holz zu stehlen, welches aus dem Blute ihrer Altvordern herauswuchs." Hortense v. Mühlwald rümpfte statt jeder Antwort geringschätzig die Nase; Romeo aber, der keine Gelegenheit unbenutzt lassen wollte, sich in Gegensatz zur Bürgercanaille zu stellen, bellte, gleichsam in Vertretung seiner Gönnerin aus seinem tiefen Sitze heraus. Helene ließ den Kutscher halten und winkte das greise Mütterchen, welches unter einem schweren Reisigbündel keuchend des Weges einherkam, an den Schlitten heran. „Guten Tag, Mutter," sprach sie die Alte an, „habt Ihr denn keinen Sohn oder Enkel, der für Euch das Reis heimschaffen könnte? Euer Platz, denke ich, sollt' schon neben dem warmem Kachelofen sein." „Wär' schon gut," antwortete die alte Frau, während sie den Schweiß von der faltigen Stirne wischte, „aber haben muß man's, haben, Fräulein Gnaden, der Sohn der für einem arbeitet und den Kachelofen, der einem Wärme giebt." „Wie, habt Ihr denn gar keine Familie?" „Nichts, ich bitte unterthänigst, nichts habe ich im Dorfe. Habe drei Söhne gehabt und zwei Töchter, ich bitte unterthänigst, einer war Soldat, der andere-doch das ist schon lange her. Alle sind's gestorben, der liebe Gott hat sie zu sich genommen; na, der liebe Gott weiß was er thnt — ist ihnen besser dort, als ihrer Mutter hier. Na, ich bitt' unterthänigst, jetzt bin ich Einwohnerin bei dem Holzhacker Janosch — nicht umsonst, Gott bewahre! Wie könnt' ich das über's Gewissen bringen, von so armen Leuten etwas umsonst §u nehmen! Die Gemeinde zahlt 3 Gulden monatlich für mich — mein Seliger nämlich, der Herr habe ihn selig, ist zwanzig Jahre und 13 Wochen Nachtwächter gewesen. 3 Gulden den Monat, ich bitt' unterthänigst, macht' auf ein Jahr 36 Gulden — 0, die alte Panna kann noch rechnen, Gottlob und Dank! — Na, viel ist es nicht, aber, mein Gott, wo soll die Gemeinde, die au» lauter armen Leuten besteht —" „Hör' Sie doch endlich auf mit Ihrem Geschwätz," schrie das Fräulein die alte Frau an, „meint Sie, ich werde mir Ihretwegen die Lungenentzündung an den Hals frieren? Mon Dieu — sehen Sie, wie sich mein Aermchen hier vor Kälte schüttelt! Im Namen der Humanität des neunzehnten Jahrhunderts, Madame — bringen Sie nicht dieser alten Schwätzerin wegen zwei kostbare Leben in die Gefahr, sich zu verschnupfen." (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich rweimal, Montag- und Donnerstag-, jedesmal in mindestens »wei Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, sür's Ausland 16 Reichs-Mark. Man adounirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen a». — Durch Sen Bnchtzanöet pt beptljen bei <. f. Dietuacker, Leipzig, Dohplatz Iß. — Inserate SS Pfennig die viergespaltene Petttzeile oder deren Raum. — Orsterreichtsche Banknote« laut Tours. — Direkte Kraneozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Dentschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. öftere., sür's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einz»senden. Aino RSaserrprrng »0» an die «edaetton eingesandte« Manuskripten stndet nicht statt, «an ditttt de-tzald sich von a«en Einsendungen ein« Topie rurückzudetzatten. Inhalt (Hauptblatt) r Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Hamburg. Zabern i. E. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. Rußland: Wilna. — Vermischtes. Aus Lehrerkreisen: Allenstein. — Feuilleton: Auf des Lebens Höh'. Erzählung von S. B. Rosner. (Fortsetzung.) Inhalt der ersten Beilager Leitender Artikel: Eine Unterredung mit dem Vertreter des Baron Hirsch. — — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Aus Oberschlesien. Hamburg. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Budapest. Krakau. Rußland: Petersburg England: London. Türkei: Konstantinopel. Amerika: New-Aork. Philadelphia. — Personalien. Jnhalt der zweiten Beilage: Literarische Umschau. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Berlin. Wuschen. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Brünn. Frankreich: Paris. — Vermischtes. Extra-Beilage: Sprüche der Väter. Verantwortliche Nedaction: Oscar Lehmann in Mainz—Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Eesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.