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Der Israelit · 1896-06-11 · Heft 47 (11.6.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 47 (11.6.1896)
Date
1896-06-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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889 als das Fräulein mit ihrem sorgsam verpackten Schatz im Arme nachkam und ebenfalls seinen Platz in: Gefährte einnahm. Der Kutscher sauste mit seiner Peitsche durch die Luft und wild aufschreckend flogen die feurigen Thiere unter munterem Schellenklang mit dem Schlitten zum Schloßhofe hinaus. Eine frische Winterbrise schnitt über die Ebene und hauchte ein blühendes Roth ans die Wangen Helenens. Das ganze Land bis zum Horizont glich einer Schneewüste, welche dem sernschweisettden Blick keillen Ruhepnnkt bot. Rur vereinzelt hob sich in weiter Ferne eine Gruppe niedriger Häuser oder ein Akazienwäldchen grau vom weißen Hintergrund ab. Eine durchsichtige blaue Crvstallglocke wölbte sich der fleckenlose Himmel über den unübersehbaren Schneegesilden, welche im Scheine der klaren Mittagssonne so hell schimmerten, daß ihr Licht dem Auge wehe that. Millionen prismatischer Funken blitzten und flirrten im Schnee, als ob er mit Diamantstaub besät gewesen wäre. Helenens Augen leuchteten in einen: hohen Ergötzen; sie ward nicht rnüde den märchenhaft glitzernden Mantel des Winters zu betrachten, in welchen er die Erde eingebüllt hatte. Fräulein Hortense, welche das zwecklose Angüssen des dummen Schnees für zn plebcisch hielt, amüsierte sich während dieser ganzen Zeit mit Romeo, der ans ihren: Schoße saß nnd dessen zwei blanke Augen aus einen: tiefen Pelzgrabe hervorlugten. Wie, wird mancher erstaunt fragen, das Fräulein wagt es, Roineo so lange ruhig auf seiner kostbaren Sannntrobe rnhen zu lassen, ohne zu befürchten, daß er den: Kleid eine arge Schlappe zusiigen werde? Fa, das machte das unbegrenzte Bert rauen, welches das Fräulein in den gesellschaftlichen Dakt Romeos setzte, den sie bekanntlich in allen Stücken für einen tadellosen Kavalier hielt. Die Sonne glänzte schon nahe dem Mittagspunkte, als Helene, innerlich wundersam erfrischt, den: Kutscher die Weisung gab, zun: Schlosse umzulenken. Sie hatte noch nie die Wirkung einer Spazierfahrt so erquickend en:pfunden. Die blinkende Klarbeit und Frische, welche die Welt umfloß, war ihr in die Seele gedrungen und hatte die Schatten besiegt, welche sie bisher uiudüsterten. Heiter und wärmend wie der Sonnenglanz, der auf den Schneegesilden ruhte, drang ein Gefühl der Aussöhnung mit dem Schicksale durch ihr frostkaltes Gemüth. Mit freundlicherem Blick schaute sie plötzlich ans Leben und Welt und das Herbe und Schroffe darin war, wie dnrch Zauberbaun, in nebelhafte Ferne zurückgetreten. „Die Fahrt scheint ja Romeo prächtig anzuschlagen," bemerkte Helene in einen: so freundlichen Tone, an welchen Hortense v. Mühlwald so wenig gewöhnt war, daß er ihr befremdend auffiel. Doch das Fräulein that wie verzogene Kinder, welche so lange ihnen ein strenges Gesicht gezeigt wurde, eingeschüchtert ihren Groll verschließen, aber beim ersten freundlichen Wort meinen, Oberwasser erhalten zu haben und ihre ganze Unliebenswürdigkeit hervorkehren. „Oh," sagte sie sich hochmüthig zur Seite legend. „Romeo erweist sich nur als echter Aristokrat. Stolze Ruhe und Kaltblütigkeit, den: plebeischen Zwang gegenüber — so haben wir es immer gehalten; non <*1ht ro('i:i‘V" Helene würdigte das Fräulein keiner Antwort. Gegen die Sammtpolster des Schlittens gelehnt, schaute sie sinnend dem raschen Spiel der Pferdehufe zn, unter welchen der Schnee in Flocken und Randstrahlen ausslog. Das Gefährte näherte sich jetzt dem Dorfe, welches einige hundert Schritte weit von dem Schlosse lag. Das nicht zn große Häuflein niedriger Bauernhäuser, mit den beschneiten Dächern, kleinen Thürmen nnd Fenstern in heiteren: Sonnenschein lächelnd, bot in: Gegensatz zu der Einöde von Schnee, welche sich rings um dasselbe ausdehnte, ein Bild stiller Anmuth dar. Die Häuschen sahen so reinlich aus und schienen von dem Geiste wünscheloser Genügsanckeit nnd Ruhe umschwebt, daß Helene sich magnetisch zu ihnen hingezogen fühlte. Sie gab also den: Kutscher die Weisung, den Weg d::rch die Dorfgasse zu nehinen. Bor den: Dorfe, das in einer seichten Thalmulde lag, tummelte sich lärmend ein großer Haufen Banerukiuder, dem beliebten Schlittensporte obliegend. Als sie die Schellen des herrschaftlichen Schlittens vernahmen, unterbrachen sie sich rasch im Spiel mib gafften mit ehrfürchtiger Bewunderung, die Hälse ausgestreckt, die rotheu Hände in den Hosentaschen verborgen, die herankommenden zwei Damen an. Helene nickte ihnen freundlich lächelnd zu, was den kleinen Lümmeln eine so hohe Ehre schien, daß sie sich einander freudig verdutzt anlachten. Auch in der breiten Dorfgasse erweckte die Durchfahrt der Herrschaft allgemeines Aufsehen. Der Pfarrer, der eben die Gasse herauskam, blieb stehen, nahm den Hut ab und verneigte sich tief vor den Damen; er dachte dabei an den Betstuhl mit seinen sechs Aposteln. Unweit von der Stelle, wo die Dorfgasse mit den letzten Häusern endete, kam dem Gefährte ein Reiter entgegen. Seiner einfachen Kleidung nach zu schließen, mochte er ein Wirthschaftsbeamter sein, jedoch seine vorziigliche Haltung zu Pferde, schien ihn einem höher:: Stande zuzuweisen. Helene schrack heftig zusammen, als das trotz seiner Jugend sehr ernste und von einem dunklen Bart u:nrahmte Gesicht des Reiters sich wie zufällig dem Schlitten zuwandte und sie dasselbe erkannte. Der Reiter

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