Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 46 (8.6.1896)
- Date
- 1896-06-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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WWWMWWWWWWWWVYWPWW gilLfL'J'i 1H.UII! 867 mehr geeignet, die Grundlosigkeit der gegen die russischen Juden erhobenen Anschuldigungen darzulegen, als die von Günzburg publicirten. Was aber den Werth der neuesten Publication besonders erhöht, ist die Thatsache, daß sämmtliche Gutachten die Gleichberechtigung der Juden mit der einheimischen Bevölkerung fordern, um „den Staat mächtig, reich und civilisirt" zu machen. Die uns vorliegenden Actenstücke sind auch für jene westlichen Staaten lehrreich, in welchen berufsmäßige Hetzer die Emancipation der Juden als Quelle aller Nebel erklären. In erster Reihe ist das Gutachten zu verzeichnen, welches Fürst N. Orlow, der Chef der Staatspolizei unter Alexander II. und später russischer Botschafter in Berlin unb in Paris, abgegeben hat. Dasselbe lautet: „Es wird gefragt, ob man die gefammten russischen Juden unter den gegen sie geschaffenen Ausnahmsgesetzen belaßen oder ihnen alle Rechte einräumen soll. Uns scheint es, daß diese Frage nur eine Lösung haben kann: Man muß den Juden gleiche Rechte mit der orthodoxen Bevölkerung einräumen. Man muß ausländischen Juden gestatten, ungehindert nach Rußland reisen und überall wohnen zu können. Man muß allen Juden das Recht einräumen, im ganzen Reiche ungehindert Handelshäuser und Bankinstitute zu errichten. Dadurch wird die Industrie einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Die fruchtbringende Thätigkeit der Juden wird in Rußland ein weites Feld finden, und das Reich wird daraus nur Nutzen ziehen." Es wäre ein Jrrthum, wenn man annehmen wollte, daß die vom Fürsten Orlow vorgeschlagene Lösung der Judenfrage nur die persönliche Ansicht dieses russischen Staatsmannes war. In einer diesem Gutachten beigcgebenen Denkschrift befinden sich viele Urtheile von Behörden und officiellen Körperschaften, welche einstimmig dahin lauten, daß die Juden durch erprobten Patriotismus und ehrlichen Gewerbesteiß dem Staate großen Nutzen bringen und daher der Gleichstellung vor dem Gesetze vollkommen würdig sind. Während aber das Gutachten des Füsten Orlow die Eniancipation der Juden bloß in allgemeinen Worten fordert, bietet das Gutachten des damaligen Chefs im Südweftgebiete, Grafen Kosakowskij, erhöhtes Interesse durch die Details, mit welchen er die Rothwendigkeit dieser Emancipation begründet. Kofakowskj schreibt: „Wenn man das Leben unserer Juden genau betrachtet, so findet man, daß die gegen dieselben erlassenen Ausnahmsgesetze ihnen alle ehrlichen Erwerbswege abschneiden. Die Beschränkung des Wohnrechtes der Juden ist eines der größten Nebel. Wenn man jedoch den Juden gleiche Rechte mit der'orthodoxen Bevölkerung verleihen wird, so werden daraus dem Staate, den orthodoxen Einwohnern in den Centralgouvernements und dem Südwestgebiete sehr große Vortheile erwachsen. Der Staat wird in den Juden ehrliche Unternehmer finden, die alle Lieferungen und Bestellungen gut, billig und vortheilhaft ausführen können, während jetzt durch die Ausnahmsstellung der Juden die orthodoxen Unternehmer ihre begünstigte Lage dazu benützen, um den Staatsschatz auszubeuten; nur durch die ehrliche Concurrenz der Juden könnte dieser Ausbeutung ein Ende bereitet werden. Die orthodoxe Bevölkerung in den Centralgouvernements wird durch die Emancipation der Juden gewinnen, denn sie wird ihre Producte theuerer absetzen unb ihren Bedarf an Lebensmitteln und anderen Sachen billiger erwerben können; ferner werden gute Arbeiten ehrlicher, billiger und prompter jüdischer Handwerker der orthodoxen Bevölkerung große Vortheile sichern. Die christliche Bevölkerung des Südwestgebietes endlich wird aus der Emancipation der Juden deshalb Vortheile ziehen, weil sie in ihren Wohnorten nicht durch arme Juden beengt werden wird, welche die Regierung der redlichen Mittel zum Lebensunterhalt beraubt. In unserer Forderung nach Emancipation der Juden bestärken uns die Wissenschaft und die Erfahrung der europäischen Staaten. Die Geschichte Spaniens, Portugals, Frankreichs, Englands, Deutschlands und Hollands beweist zur Genüge, welchen Schaden die Beschränkung der Rechte der Juden anrichtcte und welcher Nutzen das Ergebniß der Emancipation der Juden war. Holland hat zuerst die Gleichberechtigung der Juden proclamirt und die Judenbedrückung, diese Schmach des Mittelalters beseitigt, die Juden haben sich dort durch Vervollkommnung der Wissenschaften und der Künste, durch Hebung von Handel und Industrie und durch Vermehrung des Volkswohlstandes dankbar erwiesen. Und so sehen wir denn, daß Wissenschaft und Erfahrung, Interessen der Regierung, des Reiches und der orthodoxen Bevölkerung laut die Emancipation der Juden fordern." In gleicher Weise trat Graf Stroganow, der damalige Generalgouverneur des Roworossijsk-Gebietes, in seinem Gutachten für die Emancipation der Juden ein. So beschaffen sind also die Actenstücke, welche die Judenfeinde in Rußland als Kundgebungen gegen die russischen Unterthanen mosaischer Confession bezeichneten. Eine größere Entstellung der Wahrheit, eine gemeinere Urkundenfälschung kann man sich kaum vorftellen. Die aus halbvergangener Zeit herrührenden Actenstücke enthalten durchgehends beredte russische Stimmen für die Rechtsgleichheit. (Fr. Bl.) Petersburg. Am 12. Januar 1895 nahm der Municipalrath von Kowno die Bezeichnung der Mitglieder vor, welche die Commission bilden sollte, um die Mietssteuer zu bestimmen. Unter den 12 ernannten Mitgliedern befanden sich 3 Juden: Ratanson, Wolf und Manaffewitsch. Der Gouverneur,