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Der Israelit · 1896-06-08 · Heft 46 (8.6.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 46 (8.6.1896)
Date
1896-06-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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v**'Tr' ■' ** •' ~-*9 866 langen, denn ans dem Namen desselben könne man gar keinen Schluß ziehen. Sehr fein ausgeklügelt, diese Judenblindheit für's Jnseratengeschäft! Wenn irgendwo Jemand, der einen „verdächtigen" Namen trägt, sich irgend etwas hat zu Schulden kommen lassen, da wird sofort über den „Juden" hergefallen und auf alle Juden ohne Ausnahme geschimpft! Da wartet man nicht erst ab, ob der Mann wirklich Jude ist; da wird er luftig verbrannt. Wenn es sich aber um bezahlte Inserate handelt, so wird die zarteste Rücksicht auf einen möglicherweise vorhandenen Taufschein genommen! Das ist die antisemitische Moral in ihrer duftigsten Blüthe! Hamburg. In dem Leitartikel der jüngsten Doppelnummer des „Israelit", las ich von der günstigen Begutachtung der Westfälisch-Vogelstein'schen sogenannten „Tefftloh" abfeiten des hiesigen Tempelpredigers Dr. C. Seligmann. Wie Herr Dr. Seligmann über solche und ähnliche „Teffiloh" denkt und urtheilt, darüber konnte schon deßhalb im Voraus kein Zweifel existiren, wenn man weiß, daß dieser sich selbst einer „Teffiloh" bedient, gegen welche schon vor ca. 80 Jahren auf Veranlassung des Hiegen p*isn Ta von den hervorragendsten Rabbonim mj/Bi miD ’D?n der Din ausgesprochen worden ist (siehe mm r6w). Der Hamburger Tempel selbst, an welchem Dr. S. in Gemeinschaft mit seinem College» Herrn Dr. Leimdörfer als Prediger u. s. w. fungirt, ist ja leider das berüchtigte Muster aller erst nach ihm entstandenen modernen Orgel- und Gesangstempel, die sich vn^x vn vny ibddd fast jeder eine eigene den lokalen Anschauungen anpassende „Tefiloh" zugelegt haben, welche nicht minder wie die betreffenden Institute OM'inx O'nn von obigem Din betroffen werden. Der Hamburger Tempel wäre längst den Weg seiner Begründer gegangen, weil, für deren Nachkommen, die fast alle getauft, derselbe vollends überflüssig geworden; nur der Zuzug von außen aus religiös verseuchten Gegenden und der Abfall der Synagogen-Gemeinde — zumeist auch Leute, denen der Din und seine Bedeutung unbekannt — haben ihm wieder neue Mannschaft zugeführt. Um nun diesen Zuzug sich dauernd zu sichern und in Bewegung zu halten, fand es die Tempelverwaltung s. Zt. zweckentsprechend, sogenannte „Gemäßigte" als Prediger zu berufen, die kaum besser als ihre Vorgänger, für den Dp pvn aber viel gefährlicher wurden. Während man früher in den frommen Kreisen Hamburgs jede Berührung mit den Tempelpredigern aufs Strengste vermied, lud man sie neuerdings zur Abhaltung „wissenschaftlicher Vorträge" ein, verkehrte mit ihnen in Literatur- und Logenvereinen, titulirte sie auch gelegentlich „tiid", wenn sie auch vom „Paskenen" etwas inehr wie Nichts verstehen. In diesem Sinne genoß Herr Dr. S. bislang das „unbestrittenen Ansehen" eines pow uw ppv, welchen Nimbus er jetzt auch verloren hat. Solche böse Beispiele sind am allermeisten geeignet dem Tempel zu nützen und seine Geschäfte zu besorgen. Ganz anders würde es mit ihm aussehen, wenn man im Sinne der 'Dm 'im ni>x" „mm weiter und wenn auch nur passiv kämpfen möchte. Unlängst hat sogar der Gemeindevorstand, was sonst nie geschehen, gleichzeitig mit dem Gutachten Sr. Ehrwürden des Oberrabbiners, ein solches von den Tempelpredigern eingeholt. Um nun auf Herrn Dr. Seligmann nochmals zurückzukommen, scheint derselbe ganz besonders tolerant und liberal veranlagt zu sein; so celebrirte er unlängst bei der Leiche eines hier verstorbenen Israeliten, die auf letziwillige Verfügung verbrannt worden ist. Daß Leute dieses Schlags das neue Westphälische Gebetbuch heilig sprechen, wird nach alledem Niemand wundern. Rußland. Petersburg, 30. Mai. Um die Regierung Nikolaus II. in ihrer judenfeindlichen Politik zu bestärken, gaben die Führer der antisemitischen Bewegung in Rußland vor geraumer Zeit eine Flugschrift heraus, in welcher behauptet wurde, die Regierung Alexanders II. Hütte den ursprünglich bestandenen Plan der Emancipation der russischen Juden deshalb aufgegeben, weil die damals eingeholten Gutachten der Gouverneure über die Stellung der Juden im ökonomischen und finanziellen Leben des Reiches ein belastendes Material gegen die russischen Unterthanen mosaischer Confession eliefert hätten. Die Flugschrift, deren Verfasser ein ekannter judenfeindlicher Publicist ist, berief sich mit beispielloser Dreistigkeit auf Actenstücke, die in der sogenannten zweiten Abtheilung der Kanzlei des Selbstherrschers aufbewahrt seien und die Schädlichkeit der Juden deutlich bezeugen sollen. Daß diese Flugschrift auf die maßgebenden Regierungskreise in Petersburg einen den Juden ungünstigen Einfluß übte, erhellt aus der Thatsache, daß unmittelbar nach deren Veröffentlichung die Zuweisung von Grund und Boden an sogenannte ausgediente jüdische Soldaten zur Gründung von Ackerbaucolonien, welche Minister Jermolow stets befürwortet hatte, gänzlich eingestellt wurde. Nunmehr hat sich der bekannte russische Publicist Günzburg der mühseligen Aufgabe unterzogen, sämmtliche unter Alexander II über die Juden eingeholten Gutachten aus dem Dunkel der Archive hervorzuholen und sie der Oeffentlichkeit zu übergeben, und dieses interessante Werk liegt uns jetzt vor. Noch niemals waren officielle Actenstücke

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