Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-06-08 · Heft 46 (8.6.1896) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 46 (8.6.1896)
Date
1896-06-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448650--41906-2490885
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

W XUTII. Jahrgang. Beilage ju M 46 des „Israelit". Leitender Artikel. Dir Gefahr der JJofentr Gemeliidk iw )al>kk16S6. Posen, im Juni. Die beiden Monate y*k und jvd, die in diesem Jahre mehr als je das Andenken an die finstere Zeit des ersten Kreuzzugs ins Gedächtniß rufen, da genau 8 Jahrhunderte dahingerauscht sind, daß die entmenschten Kreuzfahrer über die jüdischen Gemeinden des schönen Rheinlandes herfielen und sie vernichteteil, rufen auch in unserer Gemeinde die Erinnerung an eine schreckliche Gefahr zurück, in der diese Gemeinde und mit ihr weite Kreise Großpolens vor 2 Jahrhunderten schwebten. Die Geschichte dieser Gefahr wird in dem ontMip der hiesigen Gemeinde erzählt. Zu Anfang des Monats mn p'v (1696) wurde in einem ungefähr eine Meile von Posen entfernten Walde die Leiche eines Zöglings des hiesigen Jesuiten- Kollegiums gefunden, die auf's Gräßlichste verstümmelt war. Der unbekannte Mörder hatte seinem unglücklichen Opfer die Augen ausgestochen, die Hände abgehauen und das Herz aus dem Leibe gerissen. Der Verdacht dieses kannibalischen Mordes lenkte sich auf die Juden Posens, und da der ermordete junge Mann ein Sohn des Starosten von Obornik war und der adligen Familie v. Tominski (oder Tornanicki) angehörte, so bemächtigte sich nicht nur des niederen Volkes, sondern auch des sonst judenfreundlichen Adels eine gewaltige Aufregung. Die Untersuchung wurde eingeleitet, aber weniger auf den Erfolg derselben wartete mau in Posen und in der ganzen Umgegend, als auf die Losung, über die Juden herzufallen. Namentlich brannten die Zöglinge des hiesigen Jcsuiten-Kollegiums, das nach dem Ausdrucke Luhaszewicz' alle Uebrigen in Polen an Zügellosigkeit und Unordnung übertraf, von glühendem Eifer, ihr Müthchen an den Juden zu kühlen. Auch der hiesige Magistrat, der in steter Fehde mit der Judenschaft begriffen war, schürte das Feuer, und auch an anderen Orten erklärten die adligen Grundherren den unter ihrem Schutze lebenden Juden, daß, sobald in Posen gegen die Juden vorgegangen werde, auch in ihrem Gebiete dieselben auf keine Schonung zu rechnen hätten. Ueberall herrschte daher Angst und Schrecken; man fastete und betete, und besonders die hiesige Gemeinde, die zunächst bedroht war, machte sich unter Fasten und Beten auf den Märtyrertod gefaßt. *) Mehrere nuow wen un^npa v;p p fpi wy rrbnpn bai (l . 'n b& ’a lpysn utiqn Wochen waren so den in Todesfurcht schwebenden Juden vergangen; da nahte, im Augenblicke der höchsten Gefahr, die Rettung. Eines Tages — es war Sabbat, p'v und eben waren bewaffnete Volkshaufen unter Anführung von Edelleuien bereit, in's Judenviertel einzudringen, um darin zu morden und zu plündern — erschien eine Bäuerin auf dem Markte und bot Kleider zum Verkaufe aus, die man als die Kleider des Ermordeten erkannte. Sie wurde auf's Rathhaus gebracht und gestand nach kurzem Verhör, ihr Sohn, der in Rogasen wohne, habe den jungen Mann ermordet. Der Mörder wurde zur Stelle gebracht2) und somit der grausige Verdacht und die Gefahr des gewissen Untergangs von den Häuptern der Juden abgelenkt. Nicht ohne Berechtigung schließt der Bericht mit den Worten: . D’öyn bj bj vb iwyj Zeitungsnachrichten und Correfporrdenzen. Deutschland. Berlin, 3. Juni. (Vom Geschäftsantisemitismus.) Es ist eine bezeichnende Eigenart des Geschäftsantisemitismus, daß er zwar tapfer gegen die Juden hetzt, daß er unermüdlich schreit „kauft nicht bei Juden", daß er aber mit dieser Moral allemal Schiffbruch leidet, sobald des Geld im Kasten klingt. Inserate von „jüdischen" Geschäften gegen gute Bezahlung, ei, die lassen sich die antisemitischen Blätter gern gefallen; sie fordern sogar ihre Leser ausdrücklich auf, bei diesen „jüdischen" Geschäften zu kaufen. Zu den Blättern dieser Art gehört auch der fromme „Reichsbote". Ihm hat dieserhalb ein anderes frommes Blatt Folgendes vorgeworfen: „Wie kommt der „Reichsbote" nur zu all den sauberen Empfehlungen der Juden und Judengenossen, und das nicht etwa blos im Annoncentheil — während er doch das christlich deutsche Publikum schützen will? Und dabei bittet er immer, sich nur an die von ihm empfohlenen Geschäfte zu wenden." Die Manier, wie sich der fromme „Reichsbote" gegenüber dieser für ihn natürlich sehr fatalen Vermöbelung herauszureden sucht, ist unbezahlbar. Das Blut meint, es sei keiner Zeitungsexpedition möglich, vor Aufnahme der Inserate eine Prüfung über die Person des Inserenten und die angezeigte Waare vorzunehmen. Sie könne doch nicht bei jedem Inserat die Vorlegung des Taufscheines des Inserenten ver- 2) Bezeichnend genug heißt es in dem Berichte: “i’Di noai DnmcQ orro byi rann tw Dipcn lfco^> nsnn hn mpb onioy onns.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.