Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 46 (8.6.1896)
- Date
- 1896-06-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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862 richt in der jüdischen Geschichte ein selbstständiger Unterrichtsgegenstand, oder ein Appendix zur allgemeinen Weltgeschichte sein soll. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die jüdische Geschichte ist im Anschluß an den biblischen Geschichtsunterricht bis zum Abschluß des babylonischen Talmuds systematisch zu behandeln; die spätere jüdische Geschichte soll in Verbindung mit dem Religionsunterricht, der allgemeinen Geschichte bezw. Geographie gelehrt werden." Herr Oppenheim wurde ersucht für die nächste, im Herbst anzuberaumende Conferenz einen Lehrplan nebst Pensenvertheilung hierfür auszuarbeiten und der Conferenz vorzulegen. Wegen vorgerückter Zeit mußte der zweite Punkt der Tagesordnung ausfallen und erfolgten hierauf noch die Berichte der einzelnen Lehrer über die sozialen Verhältnisse in ihren Gemeinden. Der Conferenz schloß sich ein gemeinsames Mahl an. Der größte Theil der Lehrer folgte hierauf noch der Einladung des Vorsitzenden zu einer Dampferparthie. Amerika. New-York. (Ein moderner Märtyrer). Daß die Wirklichkeit die Dichtung häufig übertrifft, ist eine längst anerkannte Thatsache. Eine tatsächliche Bestätigung hierfür bietet die Schilderung des im New-Aorker Ghetto lebenden Joseph Jsaae Rabbinowitsch, eines früheren russischen Offiziers. Einem amerikanischen Blatte, dem der Betreffende seine Lebensschicksale dargelegt hat, die, wie oben angedeutet, so romantisch klingen, daß sie beinahe in das Reich der Fabel zu gehören scheinen, jedoch nach angestellten zuverlässigen Recherchen durchaus auf Wahrheit beruhen, nimmt die „A. Z. d. I." über den Lebensgang des 9f. Folgendes: Als kleiner Junge wurde er von den Schergen des Zaren Nikolaus mit Gewalt dem elterlichen Hause entführt und nach Archangel geschafft, um da zuerst bei einem Bauer untergebracht und dann in die Soldatenjacke gesteckt, natürlich auch der griechisch-orthodoxen Kirche zugesührt zu werden. Er theilte darin das Schicksal gar vieler jüdischer Knaben, welche dem Willen des Zaren Nikolaus zufolge als tüchtige Christen und gute Soldaten erzogen werden sollten. Er war ein aufgeweckter Junge, und als Constantin, des Zaren Bruder, nach Archangel kam, um eine Inspektion der Marine abzuhalten, fiel ihm der Junge in die Augen und er fand Wohlgefallen an ihm, so daß er einwilligte, bei der feierlichen Taufe des Knaben als Pathe zu fungiren. Aus dem Rabbinowitsch wurde ein Pavel Patrowitsch. Derselbe durchlief die verschiedenen Studien vom gemeinen Soldaten bis zum Stabskapitän, und trotzdem er im Krimkriege einen Arm verloren hatte, willigte die Tochter des Generals Grafen Länder in eine eheliche Verbindung mit dem jungen Helden, dem eine glänzende Karriere bevorstand. Als er im Jahre 1858 mit seiner reizenden Gemahlin eine Vergnügungsreise unternahm, führte ihn der Weg über seinen Geburtsort. Von mächtiger Sehnsucht nach seiner Familie ergriffen, deren Spur er noch aus vergilbten Familien-Papieren kannte, suchte er seine Eltern auf, die er noch am Leben fand. Aber auch die alte Liebe zu seinem angestammten Glauben und Glaubensgenossen packte ihn mit solch gewaltigem Zauber und unwiderstehlicher Macht, daß er seine Stellung, seine Zukunftsaufgabe, alle seine Beziehungen in den Wind schlug und in den Schooß des Judenthums zurückkehrte. Natürlich war seines Bleibens nicht länger in Rußland. Er flüchtete nach Brody, wo er von seinen Glaubensgenossen überaus geehrt und gefeiert wurde, aber er fühlte sich hier nicht sicher, da Rußland seine Auslieferung verlangte, und begab sich nach der Wallachei, wo ihm der Schutz des Fürsten zu Theil wurde, und zwar auf die Empfehlung des Herrn Albert Cohn, des damaligen Präsidenten des israelitischen Konsistoriums in Paris. Aber auch da war seines Bleibens auf die Dauer nicht; er wanderte nach Palästina aus und verheirathete sich hier wieder, nachdem seine erste Frau aus Gram und Kummer über den verlorenen Gatten ins Grab gesunken war. Mit zahlreicher Familie gesegnet, kam er vor einigen Jahren nach New-2)ork, um die herbe Täuschung zu erfahren, daß sich hier der Kampf ums Dasein viel schärfer zuspitzt als anderswo. So wäre der beinahe 70jährige Mann, der alles für seinen Glauben hingegeben hat — eine äußerlich noch immer stattliche Erscheinung, dem man den ehemaligen Soldaten ansieht — dem Elend preisgegeben, wenn nicht von seinen Glaubensgenossen Hilfeerfolgt. Sammlungen sind bereits eingeleitet worden. > Vermischtes. < Berlin, 4. Juni. (Die preußischen Gerichte über das Blutmärchen.) Im Februar dieses Jahres war der Redacteur eines hiesigen Antisemitenblattes, Namens Sedlatzek, welcher in einem Artikel semen Lesern das Blutmärchen wieder aufgetischt und behauptet hatte, daß Rjtualmorde bei den Juden jetzt noch Vorkommen, vom Landgerichte I mit der Begründung freigcsprochen worden, daß die Behauptung nicht in beleidigender Form vorgebracht worden sei und der Angeklagte, der sich die Bekämpfung des Judenthums zur Aufgabe gemacht habe, bei der Wiedergabe des allgemein verbreiteten Gerüchtes in gutem Glauben gehandelt habe. Das Reichsgericht hat nun dieses Urtheil aufgehoben und die Angelegenheit an das hiesige Landgericht II verwiesen mit der Motivirung, daß eine Beleidigung nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalte einer Behauptung liegen und cküch eine thatsächliche Behauptung eine Beschimpfung sein könne. Berlin- Ein Eorrespondent des in London erscheinenden „Jewish Chronicle" schreibt: „In russischen Kreisen ist der auffallend unconfessionelle Character des kaiserlichen