Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 46 (8.6.1896)
- Date
- 1896-06-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448650--41904-2490883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWWWWWWMMWWWWWWWWMW 863 Krönungsfestes aufgefallen, ebenso wie die bei dieser Gelegenheit ertheilten Auszeichnungen. Weiße Adler-, Wladimir-, Annen- und Stanislaus-Orden sind unter den Geistlichen aller Haupt-Confessionen des Reiches vertheilt worden und es ist bemerkenswerth, daß die jüdischen Rabbiner unmittelbar hinter den nicht-orthodox-christlichen Geistlichen stehen. Ungewöhnliche Rücksicht auf jüdische Empfindlichkeiten ist auch gezeigt worden, indem man den Rabbinern eine besondere goldene Medaille, an Stelle des mit dem Bande dcs Stanislaus - Ordens gewöhnlich getragenen goldenen Kreuzes gegeben hat." Budapest, 6. Juni. Die israelitische Landeskanzlei machte der Honved-Militär-Akademie eine Stiftung von 150,000 Kronen. Feulllet»«. Auf des Levens Köh'. Erzählung von S. B. R o s n e r. 6) (Alle Rechte Vorbehalten.) Sie starrte eine Weile in Schwermuth versunken vor sich hin. Dann wandte sie wieder ihre Aufmerksamkeit dem Briefe zu, den sie in den Händen hielt und überlas einige Mal die flüchtig hingeworfenen Zeilen. Und je öfter sie las, um so entschiedener leuchtete in ihrem Angesicht der Schein einer glücklichen Gemüthserleichterung hervor. Halb unbewußt faltete sie die Hände undschaute von stiller Dankbarkeit erfüllt andächtig zum prächtig blauen, strahlenden Himmel empor. Ihr war eine dunkle, drückende Sorge von der Seele gefallen, die Sorge um ihren Bruder Arthur. Wie oft hatte diese Sorge sie des nächtlichen Schlafes beraubt, hatte die nächtliche Stille ihres Schlafgemachs mit schreckhaften, voraussagenden Geisterstimmen belebt. „Er war ja doch nur ein Jude" und denjenigen, dessen Tod ihm zur Last fiel, verband ein Netz von intimen Beziehungen mit den verschiedensten und höchsten Kreisen des Landes. Wird der Einfluß dieser Beziehungen nicht stark genug sein, um bis in das heilige Gebiet des Rechtssprechens zu dringen? Sie fühlte im voraus die Qualen, wenn sie sich die Schuld für ein verhängnißvolles Strafausmaß des Bruders zuschreiben müsse. Im Angesichte dieser schweren Besorgnisse nun, begrüßte sie die verhältnißmäßig milde Strafe Arthurs als eine Erlösung, zumal auch er sie mit einer fast freudigen Bereitschaft entgegennahm. — „Wie schön ist Deine Schöpfung, allmächtiger Gott!" flüsterte sie leise, indem sie den glänzenden Blick in die mit ihrer ernsten winterlichen Pracht geschmückte Welt tauchte. Sie empfand ein so seliges inneres Regen, wie neu hervorsprossende Lebensfreude. . . . Ihr war, als ob ihre Seele sich anschickte, aus einem dumpfen Kerker, von welchem der erste Riegel gesprungen, sich in klare sonnige Regionen zu schwingen. Sie schüttelte den Kopf und aus ihrem verschleierten Auge sprang ein frischer Strahl. „Hinaus, hinaus!" rief es mächtig in ihr. Sie trat an den Tisch und drückte auf den Elfenbeinknopf einer Tischglocke. Der feine Silberton, der durch die stillen Räume schwirrte, rief jenes Mädchen herbei, welches ihr den Brief gebracht hatte. „Sage dem Kutscher," befahl Helene, „er möge sogleich den Schlitten anspannen. — Halt, warte ein wenig." Es flog ihr plötzlich durch den Sinn, daß sie ja der Ueberbringerin des gesegneten Briefes die Freude, die sie ihr bereitet, einigermaßen vergelten müsse. Rasch nahm sie eine funkelnde Agraffe aus ihrem Haar und hielt sie dem Mädchen vor die Augen. „Hier", sprach sie, „nimm diese Agraffe und trage sie als Erinnerung an eine der glücklichsten Stunden meines Lebens." „Aber — Gnaden —" stotterte der Zofe, ganz roth vor Verlegenheit. Helene befestigte ihr die Agraffe eigenhändig am Haar. „So", sprach sie lächelnd, „eine Hand wäscht die andere. Run aber eile flink zu Fräulein Hortense, sie möchte sich sofort zur Ausfahrt bereit halten." Die Zofe stammelte einige unverständliche Worte des Dankes, machte einige unterthänige Knixe, küßte ihre Gnaden ehrfurchtsvoll auf den Arm und wirbelte dann von Freude beflügelt hinaus, um ihren Auftrag zu besorgen. Hortense v. Mühlwald war die nunmehr schon fünfunddreißig Lenze zählende Tochter eines angeblich bis zu Adam zurückreichenden adeligen Geschlechtes. Bon da mochte es wohl kommen, daß die Mühlwalds eine Schlange in ihrem Wappen führten. Als elternlose Waise hatte sie bei einem Onkel Unterkunft gefunden, da aber bei den jungen Herrn ihres Standes die Besitzerinnen frisch gemünzten Goldes höher im Curse stehen als die ein von ehrwürdigem Rost bedecktes Wappen ihr eigen nennen und da ferner Hortensen außer einem solchen nichts von ihren materiell herabgekommenen Eltern hinterlassen worden war, kann es nicht Wunder nehmen, daß noch ein unversehrter Jungfernkranz ihr alterndes Haupt schmückte. Als nun Graf Elemer Kükai die Tochter des steinreichen jüdischen Industriellen Fichtenthal heimführte, verschrieb er das Fräulein als Gesellschafterin an die Seite seiner Frau. Der junge Graf war in Geldsachen nie ein Philister gewesen und zumal in jener Zeit der lustigen Cassenfluth, er hatte also dem Fräulein mehr als annehmbare Bedingungen geboten, trotzdem aber rümpfte hochdasselbe geringschätzig die aristokratische Rase, als es vernahm, daß es sich um eine bürgerlich geborene, ja noch mehr — um eine getaufte Jüdin handle! Es bedurfte demnach von Seite des Onkels, dem das bewegliche und raisonnirende Fräulein mit der Zeit gerade unheimlich zu werden