Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 46 (8.6.1896)
- Date
- 1896-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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859 sie gekommen sind. Diese Behauptung erscheint vielleicht Vielen von Ihnen etwas paradox; aber doch müssen Sie mir zugestehen, daß der Mensch nur dann zu seiner völligen Erholung vorschreiten kann, wenn er einen ganzen Tag im Stande ist, seinen Körper vor Nebermüdung und Ueberanstrengung und seinen Organismus vor vorzeitiger Abnützung zu bewahren; und des Sabbattages längere Ruhedauer giebt den Nerven und den Muskeln, dem Herz und den Blutgefäßen nur dann ihre ursprüngliche Frische wieder, wenn er zu dem Zwecke gehalten wird, um dieselben von den durch die Arbeitsleistung angesammelten Schlacken und Abfallftoffen zu befreien?) Jeder von Ihnen hat gewiß schon selbst an sich die Erfahrung gemacht, der von der Woche Arbeit zu den Seinen heimkehrt und die Sorge des Lebens mit der Arbeit hinter sich läßt, wo es heißt, frei sich selbst und seiner Familie zu leben, denken Sie nur, einen vollen ganzen Tag! Deßhalb empfehle ich Ihnen vom ärztlichen Standpunkte aus, abgesehen natürlich von der religiösen Weihe, die Sabbatheiligung. Ihnen über die religiöse Bedeutung derselben eine moralische Standrede zu halten, überlasse ich gerne meinen Kollegen von der theologischen Fakultät." Es folgt dann eine interessante Abhandlung über die Speisegesetze, die oft mit vieler Virtuosität rationell zu erklären versucht werden. Dem schließen sich andere Parthien der göttlichen Gebote, deren Auffassung, wie sie der Verfasser vertritt, in wesentlichen Punkten diskutirbar erscheint, aber im Ganzen doch einen erfreulichen Kiddusch Haschen: bedeuten. Das Ganze schließt mit folgenden trefflichen Worten: „Jahrtausende sind seither an dem israelüischen Volke vorübergegangen; es hat viel größere und stärkere Völker, als es selbst war, überlebt und sah den Ruhm der lärmenden Thaten und den Glanz der Jahrhunderte gleich Schatten an sich vorüberziehen. Es hat das üppige Babylon in den Staub sinken sehen und das Reich der Pharaonen und Rom. Der Sturm der Völker braust an ihm vorbei; Gothen, Vandalen und Hunnen, das Kaiserreich Karl des Großen sank in Trümmer, ebenso die Monarchie Karls V., in der die Sonne nie unterging. Spanien erntete die traurigen Folgen seiner Intoleranz; der Thron der Bourbonen wurde gestürzt und der neue Cäsar fand sein Ende in den Eismassen Rußlands. Doch Israel bestand noch immer; es trotzte dem Morde, der Pest, dem Scheiterhaufen und ^og durch ') Hier läßt der Verfasser dem Mediciner doch zu weiten Spielraum. Dieser Zweck wird von den meisten Sabbatfeiernden kaum geahnt, und man wird ihnen doch nicht deshalb den Segen absprechen wollen, den der Vers, hier der Sabbatfeier zuerkannt. den Wechsel der Zeiten, ergeben und geduldig die heiligen Gesetzesrollen im Arme, welche jene Gebote enthalten, deren Befolgung die Erhaltung und den Fortbestand einer Nation in Gefolge hat. Kein Volk ist so von Eroberern unterjocht, verfolgt, unterdrückt, geschmäht und gequält worden wie das jüdische; aber es lebte immer und lebt heute noch, frisch und kräftig, und gerade aus dem Grunde lebte es, weil es die fundamentale Weisheit der Gesetze, besonders aber in ihren sanitären Grundzügen erkannte und dieselbe zur Grundlage seines Daseins gemacht hat. Und wenn Sie, meine verehrten Damen und Herren, hie und da den jeweiligen Wochenabschnitt im Pentateuch Nachlesen, jo werden Ihnen vielleicht nach meinen heutigen Erklärungen manche Stellen, die Ihnen vorher unklar gewesen sind, in einem andern Lichte erscheinen, wenn Sie dieselben von der sanitären Seite auffassen. Dann werden Sie auch die Worte in doppeltem Sinne verstehen, die Moses am Abende seines Lebens dem Volke Israels als Abschied zurief: „Richtet Euer Herz auf alle die Worte, durch die ich heute Zeugniß ablege gegen Euch, daß Ihr sie auftraget Euren Kindern, zu beobachten, auszuüben all die Worte dieser Lehre; denn es ist kein leeres Wort, sondern es ist für Euer Leben und durch diese Sache werdet Ihr lange leben auf dem Erdboden." Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, am Vorabend des Sabbat nte 'b. Roch sind wir zu tief erschüttert, um der ganzen Schwere des Verlustes, welcher uns betroffen, vollkommenen Ausdruck verleihen zu können. Ein Freund ist es, den wir verloren haben, ja mehr als das, ein väterlicher Freund ist heute von uns fortgegangen. Herr Bankier Mar Schleßinger hier war zur Zeit der Gründung der hiesigen israelitischen Religionsgesellschaft einer von denjenigen jungen Leuten, welche durch das feurige Wort und die beispielgebende Thal des Begründers dieser Blätter sich zu den begeistertsten Anhängern der jungen Gemeinschaft entwickelten. Und die Begeisterung des jungen Mannes hielt nicht nur während seines leider nur zu kurzen Erdendaseins — der Dahingeschiedene wurde nur 61 Jahre alt — an, nein, sie entfaltete sich während dieser Zeit zur schönsten Blüthe, die ihren köstlichen Duft weithin verbreitete. Der Entschlummerte kann als das Muster eines echten rechten „Kehillomannes", sowie eines jüdischen Hausvaters im idealsten Sinne des Wortes hingestellt werden. Seit einer langen Reihe von Jahren eines der thätigsten Mitglieder unserer „Heiligen Brüderschaft"