Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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830 stattet sind, werden in den erwähnten Aufenthaltskarten genau aufgezählt. In den Orten, wo sie ansässig sind, müssen sie bleiben, und namentlich sind sie in dem Besuch von Märkten sehr beschränkt. Auch der Ton in den ihnen aufgegebenen Vorschriften ist nicht übermäßig zart. So heißt es: „Uebertritt N. N. dies Verbot oder zeigt sich, daß er stiehlt, liederlich ist, unsittlichen Lebenswandel führt, oder werden Klagen über sein Verhalten laut, dann wird er von der Polizei in seine Heimath gebracht." Söhne von Juden müssen, wenn sie das elterliche Haus verlassen, die besondere Erlaubniß nachsuchen, daß sie im Lande bleiben können, auch wenn sie in Finland geboren sind. Die finländischen Juden sind vom allgemeinen Schulunterricht ausgeschlossen. Erst in neuerer Zeit ist es ihnen geglückt, eine kleine Schule in's Leben zu rufen. England. London. Der Tod des Baron Hirsch macht einige Veränderungen der Jewish Colonisation Association nothwendig, die sich, wie folgt, vollzogen haben : S. H. Goldschmidt, der Präsident der Alliance, ist Präsident geworden, Mitglieder der verwaltenden Council sind: Marcisse Leven, Salomon Reinach und Hebert G. Lousada. London. Am 3. Mai fand die Monatsversammlung der Anglo-Jewesh-Association unter dem Vorsitz des Präsidenten Claude G. Montefiore statt, in der dieser zunächst des verstorbenen Baron Hirsch gedachte und die Absendung eines Condolenzschreibens an die Baronin Clara von Hirsch anregte. Dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen und der Vorsitzende mit der Absendung beauftragt. Lebhaften Beifall sind der Erklärung, daß der eingegangene Zweigverein der Association in Middlesbrough wieder in Thätigkeit getreten ist. Aus den Schulen im Osten lagen die folgenden Nachrichten vor. Die Mädchenschule in Adrianopel hat 170 zahlende und 903 Freischülerinnen und bittet um Erneuerung der Bewilligung von 400 Mk., welches Gesuch gewährt wird. Für die Schule in Fez, welche 20 Freischulen und 553 zahlende Schüler zählt, wird eine neue Bewilligung von 1000 Mk. nachgesucht und ausgesprochen, um mit Hilfe einer Vergrößerung des Lehrpersonals oie Schülerzahl vergrößern zu können. London. Bei der letzten Monatssitzung des Board of Guardians wurde festgestellt, daß die für den Neubau des Vereinsgebäudes gesammelten ca. 300,000 M. ungefähr die Kosten decken. Ueberhaupt ist Dank neuer Spenden seitens einer Reihe reicher Wohlthäter, welche von dem Präsident Mr. Cohen gesammelt worden sind, die finanzielle Lage des Board keine ungünstige. — Der jüdische „Mädchenclub", in dem zum Ausgleich der sozialen Gegensätze jüdische Mädchen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen sind, erläßt einen Aufruf zur Sammlung von Fonds, um ein Clubhaus zu bauen. Bei der nützlichen Thätigkeit des Vereins ist sehr zu wünschen, daß ihm gelingt, die nöthigen Fonds zu finden. London. Großes Aufsehen und aufrichtiges Bedauern erregt die Nachricht, daß das Rabbinerseminar in Ramsgate am 11. Juni geschlossen wird, und daß an diesem Tage sowohl der Director Dr. M. Gaster, als auch die anderen Lehrkräsie ihre Entlassung erhalten. Das Curatorium hat sich nur schwer und nach langen Untersuchungen zu diesem traurigen Schritte entschlossen, dem folgende Ereignisse vorangegangen sind; Jur November 1895 hatte Dr. M. Gaster den beiden Seminaristen Dr. Barnstein und Dr. Greenburg das Rabbinerdiplom verliehen. Ein Herr Schewzik, Mitglied des Lehrkörpers am Montefiore-College in Ramsgate, machte hierauf dem Curatorium die Anzeige, daß die genannten Seminaristen weder das nöthige Wissen, noch auch die moralische Eignung hätten, um ein Rabbinerdiplom zu erhalten. Das Curatorium aber erklärte sein unbedingtes Vertrauen zu Dr. Gaster und lehnte es ab, sich mit den von Schewzik erhobenen Anklagen zu befassen. Hierauf wurde Schewzik von Dr. Gaster seines Lehramtes entsetzt. Schewzik trat nun abermals an das Curatorium heran, erbrachte Beweise für seine Behauptungen, so daß eine strenge Untersuchung der Angelegenheit eingeleitet wurde. Das Ergebniß dieser langwierigen Untersuchung ist nun — die Schließung des Seminars.*) Amerika. New-Nork. (Abermals ein Beispiel von amerikanischer Wohlthätigkeit.) Das hiesige, jüdische Waisenhaus hat am 26. April seine Generalversammlung gehabt, bei der ein ausführlicher Bericht erstattet wurde, aus dem wir die folgenden Zahlen entnehmen. Die Einnahmen dieses Jahres beliefen sich auf eine Million und einmal hunderttausend Mark, die Ausgaben, bei denen allerdii'gs ein erheblicher Betrag für Bauten eingeschlossen ist, betragen eine Million und dreimal hunderttausend Mark. In dem Waisenhause selbst werden 699 Kinder erzogen, davon sind 427 Knaben und 272 Mädchen, fast sämmtlich sind in New-2)ork geboren. Die Gesammt-Unkosten belaufen sich hier auf 275,000 Mark, also pro Kopf *) Das Nabbinerseminar zu Ramsgate hatte überhaupt keine Daseinsberechtigung. Sire Moses Montefiore stiftete ein Kapital, aus dessen Erträgniß eine Anzahl Talmudgelehrter erhalten werden sollten, statt dessen verwendete man das Geld, um das nunmehr eingegangene Rabbinerseminar zu begründen. Red.