Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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WWW WWWWWMW 'MM'! I XXXVII. Jahrgang. Beilage M M 44 des „lataeUt“. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Lemberg, 26. Mai. Seit dem Eintritt der warmen Jahreszeit hat die Auswanderung unter den galizischen Bauern, namentlich im Osten des Landes, wieder stark zugenommen. Wiederholt wurden ganz wohlorganisirten Banden von Agenten eingefangen, ausnahmslos Bauern, welche ihre Glaubens- und Stammesgenossen durch gleißnerische Vorspiegelungen zu>n Verlassen des Landes verleiten, vielfach auch betrügen und prellen. Unter diesen Agenten befindet sich nicht ein einziger Jude, die drastischste Widerlegung der Lüge, welche zu bem festen Bestand des antisemitischen Verleumdungsregisters gehört, daß die Juden die Bauern zum Verlassen des Landes verleiten. Daß nur zum ganz geringen Theil wirkliches Elend die Bauern über's Wasser treibt, beweist die Thatsache, daß viele derselben mit bedeutenden Summen ausgerüstet die Heimath verlassen, um dorthin zu gehen, „wo man ohne Mühe und Arbeit reich werden und in Frieden leben kann!" Dabei sollen die Juden die Bauern ruiniren und zur Emigration zwingen! Thatsächlich bedeutet diese Landesflucht, da sie den Handwerkern und Kleinhändlern die Kunden entzieht, für unsere Glaubensgenossen den materiellen Ruin. Nichtsdestoweniger bemüht man sich in gewissen Kreisen, die Juden als die einzige Ursache der Bauern-Auswanderung hinzustellen; jüngst geschah dies auch von amtlicher Serie, indem der Bezirkshauptmann von Tarnopol, Herr von Zawadzki, in einem Rundschreiben an die Gemeinden seines Bezirkes die Bauernschaft vor den „jüdischen" Auswanderungsagenten, von denen man noch niemals auch nur einen einzigen zu Gesicht bekommen hat, und vor den „jüdischen" Bodenspeculanten warnt. Nun beklagten sich aber die Ruthenen über masurischpolnische Speculanten, welche aus dem Westen kommen, zu Spottpreisen den Besitz der Auswanderungslustigen an sich bringen und so die ruthenischen Bezirke polnisiren. Aber das genirt die Herren nicht, den Haß und die Erbitterung, welche sich gegen den Adel kehren, auf die Juden abzulenken. Zum Lohn für seine Beschützung der ruthenischen Landbevölkerung wurde der besagte Herr v. Zawadzki im Abgeordnetenhause bei der jüngsten Polendebalte als das Muster eines adeligen bureaukratischen Volksbedrückers und Volksfeindes hingestellt, und zwar von keinem Anderen als von dem ruthenischen Abgeordneten Roman czuk. Frankreich. Paris. Die Entscheidungen des Kaffationshofes, welche so vielen jüdischen Wählern das Wahlrecht wieder geben, haben begreiflicher Weise die Antiseiniten aller Schattierungen lebhaft erregt. Ganz besonders ist das natürlich fühlbar bei den antisemitischen Zeitungen in Algier, die in der Mehrzahl auf radikal-soeial-demokratischen Boden stehen. Zum Beispiel, welche Sprache diese Zeitungen wählen, wenn sie von den Juden reden, mögen folgende Stellen genügen. Die Silhouette schreibt: „Ihr ermordet unsere Kinder und braucht deren Blut um die Kuchen zu tränken, die Ihr an gewissen Festtagen essen müßt, aber wir werden auf Euch die ganze erzürnte Bevölkerung los lassen." Der Republicain von Konstantine schreibt: „Zerschmettert den Kopf, zerbrechet die Knochen der jüdischen Schlangen. An den Galgen mit den Juden und den Judenfreunden, den Beschützern der Diebe, der Schufte und der Spitzbuben." Es scheint uns, daß diese Stellen an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig lassen und die Sprache der deutschen antisemitischen Blätter an Schärfe übertreffen. Rußland. Helsingfors, 20. Mai. In Finland leben etwa 800 Juden, eine geringe Zahl, was wesentlich dem Umstande zuzuschreiben ist, daß die Stellung der Juden eine außerordentlich gedrückte ist. Ende vorigen Jahres reichten die hiesigen Glaubensgenoffen eine Bittschrift an den Kaiser ein, da eine Vorstellung des Senats um Erleichterung der Stellung der Juden in Fmland eine Ablehnung erfahren hatte. Infolge deffen wurde durch den Minifterstaatssecretär für die finischen Angelegenheiten ein Gutachten des Senats in Helsingfors eingefordert und von letzterm zur Behandlung dieser Frage ein Ausschuß ni.dergesetzt. Da aber ein Mitglied dieses Ausschußes mit Urlaub in's Ausland gereift ist, wurde die Entscheidung dieser Sache bis diesen Herbst verschoben, was den Juden in Finland höchst peinlich ist, da sie sich der Hoffnung hingegeben hatten, die Angelegenheit würde dem Kaiser noch vor der Krönung vorgetragen werden. Es besteht daher unter ihnen die Absicht, eine Abordnung nach Petersburg zu senden, um durch eine persönliche Vorstellung an den Zaren eine Aenderung ihrer Lage zu erwirkeu. Fast alle finländischen Juden wohnen in Helsingfors, Abo oder Wiborg. Jedes halbe Jahr müffen sie eine „Ausenthaltskarte" lösen, die jährlich etwa 100 M. kostet. Ob sie im Lande bleiben können oder nicht, ruht ganz in der Hand des betreffenden Departements. Die Erwerbszweige, die den Juden in Finland ge-