Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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823 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ER. Berlin, 28. Mai. Der Vorstand der Ehewra Kadischa der Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adaß Jisroel) versendet soeben seine Einladungen zu der am 31. d. M. stattfindenden General- Versammlung. Ans dem Eirkular heben wir zunächst hervor: § 30 der Statuten lautet: Für Legate von 300 Mk. und darüber überninullt der Verein die Verpflichtung, am Jahrzeitstage des Stifters in der Synagoge der Adaß Jisroel das El Mole Rachamim- Gebet und Kadisch Derobanan sagen zu lassen. Die Mitgliederzahl beträgt zur Zeit 249. Von Legaten sind dern Verein zngefallen: von der verstorbenen Frau Dorothea Ehrlich 2700 M., von Gottschalk Levy's Erben 400 Al., Spenden von Louis Schaps ül Breslau 200 M., Dr. Katzenelson in Libau 150 M., S. Abrahamson 145.70 M., M. G. Levy's Erben hier, Paul Sper in Kiew, Leon Brodsky in Kiew, M. W. Braoch's Erben hier je 100 M., S. Behrend hier, Herrn. A. Seegall hier am Sterbetage seines Vaters je 50 M., Frau Wwe. Johanna Caro hier und Sally Licht hier je 30 M. Trotz der ungleichartigen Höhe der Einnahmen war der Verein dennoch in der Lage die Ausgaben von Jahr zu Jahr vermehren zu können, sie erreichten die Summe von 6480.75 M. — Auch wir wünschen dem segensreichen Verein ein immer größeres Anwachsen seiner Mitglieder. Berlin, 28. Mai. Der „Post ' zufolge hat das Polizeipräsidium die antisemitischen Vereine aufgefordert, eine neue, ganz genaue Mitgliederliste einzureichen. (Dieser Mitteilung sei beigefügt, daß nach einer Annahme in antisemitischen Kreisen durch die Maßregel ausfindig gemacht werden soll, welche königliche Beamte innerhalb der antisemitischen Bewegung und in den Vereinen sich befinden und welche besonders eine hervorragende Stellung einnehmen. Man befürchtet in antisemitischen Kreisen zahlreiche Maßregelungen.) Oe st er r.-Ungar. Monarchie. ("0 Wien, 27. Mai. Die traurigen Nachrichten von der Insel Kreta, wo neuerdings ein furchtbarer Arrfstand mit dem im Oriente üblichen Niedermetzeln von friedlichen Einwohnern ausgebrochen ist, lenkt wieder unsere Aufmerksamkeit auf das auf dieser Insel lebende Häuflein von Juden, deren Leben und Habe nun neuerdings gefährdet sind. Auf Kreta leben heute bei 200 Israeliten, von denen der größte Theil sich in der Hauptstadt Kanea befindet. Ein kleiner Theil befindet sich in der Hafenstadt Rheimo, während die übrigen zerstreut auf der Insel leben. Die Juden in Kanea leben fast ausschließlich vom Handel, weßhalb sie von den Griechen daselbst, die selbst tüchtige Kaufleute sind, sehr gehaßt werden. Sie besitzen eine ärmliche Synagoge, die aber schon etliche Jahrhunderte alt ist; sie haben auch einen Rabbiner, den sie sich gewöhnlich aus Konstantinopel oder aus Jerusalem kommen lasten. Sie sprechen noch immer spaniolisch, trotzdem sie schon nahezu vier Jahrhunderte auf dieser Insel leben. Wien, 28. Mai. Eine im Abgeordnetenhause von Erner eingebrachte Interpellation sührt aus, die Ausschließung der Juden aus dem Wiener Stadtrathe verstoße gegen den Geist und den Wortlaut der Staatsgrundgesetze; sie sei eine gewaltthätige Verletzung einer großen Anzahl gleichberechtigter Staatsbürger und eine sinnwidrige Maßregel. Vom Standpunkte der Verwaltung, hinsichtlich der autonomen Verwaltung durch die neue Majorität, müsse es ernsteste Bedenken Hervorrufen, wenn in der denkbar rücksichtslosesten Weise solche Grundsätze promulgirt werden. Es sei Pflicht der Regierung, durch Haltung und Handlungen zu beweisen, daß sie gewillt sei, die Staatsgrundgesetze hochzuhalten und deren Beachtung zu fordern. Die Interpellanten fragen die Regierung, welche Stellung sie gegenüber der Ausschließung der Juden einnimmt. Lemberg, 28. Mai. (Blutaberglaube). Die Tageszeitungen berichten übereinstimmend folgendes sehr bezeichnende Vorkommniß: „In dem Städchen Jzbica fand man unlängst auf dem jüdischen Friedhof ein Grab geöffnet, und daraus fehlte die Leiche eines kurz zuvor beerdigten 5jährigen Kindes. Die Nachforschungen der Behörde blieben längere Zeit erfolglos. Später fand man auf dem Felde in der Nähe einer Schafhürde einen Kochtopf mit den Resten einer fremdartigen Flüssigkeit, daneben lagen Kindesknochen und Fetzen, die nur von Leichengewändern herrühren konnten. Diese Jndicien führten auf die Spur der Verüber jener scheußlichen Leichenschändung. Es sind dies zwei Schafhirten Namens Kuba und Buezak, welche die Leiche entwendet und daraus unter „Zauberformeln" eine Flüssigkeit gebraut haben. Die Schafhirten gelten nämlich unter der polnischen und ruthenischen Landbevölkerung als „zauberkundig", und zu ihren geheimnißvollen Praktiken verwenden sie mit Vorliebe Bestandtheile von Leichen, meist Kinderleichen, die sie aus frischen Gräbern auf dem „Kirkuf" (jüdischen Friedhof) stehlen, um damit die Fruchtbarkeit von den Herden ihrer Feinde abzuwenden und auf ihre eigenen hinüberzuführen." Wie viele Leichenschändungen mögen auf diese Weise verübt worden sein, denen man nicht auf die Spur gekommen ist. (4.) Serajewo, 13. Mai. Es hat unter den Juden Bosniens und der Herzegowina einen vorteilhaften Eindruck gemacht, daß zur Eröffnung der