Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 42-43 (28.5.1896)
- Date
- 1896-05-28
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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817 mir wahrhaftig vor Langerweile eine Kugel durch den Kopf. Wissen Sie, Graumann, hier gegenüber, ein Mädel! —" er schnalzte mit der Zunge — a la bonheur! der schneid ich höllisch die Cur. Hab ihr vorhin Kußhände hinaufgeworfen, hat sich aber kurz umgedreht und mir den Rücken gewendet. Sie spielt die Spröde, die Kleine, weiß wahrscheinlich, was sie kleidet. Hähähähä!" Dem Referendar stieg das Blut in's Gesicht. Nebenan wohnte, wie er wußte, Regina Friedländer. Sollte diese gemeint sein? „Sie kompromittiren aber auf diese Weise die junge Dame", bemerkte er scharf. „Hähähähä! Sie sind ja kostbar, Kleiner, mit Ihrer rührenden Fürsorge! Diese zarte Rücksicht für das Judenmädel! Haben Sie noch niemals etwas von Robling gelesen, wie famos er die semitischen Damen zeichnet? Aeh, Sie Waisenknabe! „Herr Lieutenant!" brauste Graumann auf. „Ra, na, na, ich revocire, Sie Hitzkopf! Sie sind kein Waisenknabe! Darum brauchen Sie nicht aufzumucken." „Ich bin erstaunt über Ihre Gesinnungen", sagte finster der Referendar. „Ich habe Sie bisher als Antisemit nicht gekannt." „Bin's auch erst geworden, seit ich von Berlin fort bin. Diese verwünschten Inden sind an Allem schuld. Da hatte mich so ein infamer Jtzig beim Obersten verklatscht wegen lumpiger 20,000 Mark. Und die Anderen kamen nach. Konnten die Kerle nicht warten, bis der Alte abgebt und ich das Majorat bekomme? Und da fragen Sie noch, warum und seit wann ich Antisemit bin?" „Bestanden denn die Forderungen dieser Leute zu Unrecht, Herr Lieutenant?" fragte mit mühsam festgehaltener Ruhe der Referendar. „Aeh — das nicht grade — aber was glauben Sie wohl, die Wucherzinsen? Und dann überhaupt — wenn die Bagage ural an einenr Kerl, loic mir, wirklich ein paar tausend Mark verliert, dafür rupfen sie ja wieder die anderen Standesgenossen. Hab' ich Recht? — Aber ich will's ibnen gehörig eintrünken, die ganze Brrrt nruß ausgerottet werden. Im Vertrauen, Granmann! Ich stehe mit einenr mir bekannten antisemitischen Agitator irr Verbindung, er kommt auf meine Veranlassung nächstens hierher. Der wrrd's ihnen nicht schlecht einbrockcn, den Halsabschneidern! den Menschenschindern, die mich nach diesem elenden Rest gebracht haben!" An Isidor Graunrann bebte jeder Nerv. An dem schmerzhaften Pochen seines Herzens merkte er, wie der Schimpf, der seinem Volke angethan ward, auch ihn bis in's Innerste traf. „Ich dächte wohl eher, Ihre leichtfertige Verschwendungssucht wäre Schuld an dem Scheitern Ihrer Carriöre," erwiederte er, sich gewaltsam zusammennehmend. „Aber anstatt mit Mannesmuth die Folgen Ihres Leichtsinns auf sich zu nehmen, suchen Sie nach einem Prügelknaben und dazu ist der Jude gerade gut genug." Seine mühsam behauptete Fassung brach, seine Stimme schwoll immer mehr au und klang zuletzt wie Donnergrollen. „Und daß Sie, um Ihrer elenden Rachsucht zu fröhnen, den Zündstoff Ihres Rassenhasses in diese friedfertige Bevölkerung schleudern wollen, das, mein Herr Lieutenant, ist ein gemeiner Schurkenstreich von Ihnen." Ein paar Gäste, sowie der Kellner horchten verwundert auf. — Herr v. Wickede war leichenblaß geworden. „Herr, Sie sind des Teufels?" zischte er, „oder hat Sie der Wein berauscht? Was geht Sie mein Verhalten gegen die Juden an?" In Isidor Graumann tobte ein kurzer Kampf dann siegte sein besseres Ich. „Weil — weil ich ihnen angehöre, weil ich — Jude bin." „Jude?" schrie der Offizier wuthentstellt. „Mit einem Juden habe ich zu Tisch gesessen? Mit einem Juden habe ich kameradschaftlich verkehrt? Betrüger! der Sie sich unter falschen Vorspiegelungen in unsere Kreise geschlichen haben —" Weiter kam er nicht — ein wohlgezielter Schlag traf seine Wange und ehe er sich zu faffen vermochte, hatte Graumann das Lokal verlassen. Was kommen mußte, das kam. Roch am Nachmittag desselben Tages überbrachte ein Kamerad des Herrn v. Wickede die Forderung deffelben auf Pistolen. Der Lieutenant hatte sich geweigert, einem „Juden" Satisfaktion zu geben, ward aber durch ein schnell Zusammengerufenes Ehrengericht genöthigt, die einleitenden Schritte zu thun. — Mit dem gegnerischen Sekundanten zugleich erschien auch ein junger Amtsrichter, der Zeuge der Scene gewesen war und sich Graumann zur Verfügung stellte. Die Präliminarien waren bald geschlossen, die Bedingungen des Beleidigten scharfe. „Der Judenbengel soll sich in Zukunft nicht rühmen, mit einem Wickede als Gleichberechtigter verkehrt zu haben," sagte er höhnisch auf die Vorhaltungen seines Sekundanten, der ihm von sehr schroffen Maßnahmen abrieth. „Und wenn Du fällst?" fragte der Andere. „Lächerlich! Was traust Du denn dem Mauschel zu? Wenn er auch äußerlich Eavaliersalluren annehmen konnte, Pulver kann die ganze Bande nicht riechen. Du wirst sehen, das wird ein Hauptspaß werden, es wird ihn Jemand festhalten müssen, damit er vor Angst nicht schon vorher hinfällt." Die Vorbereitungen zu dem am nächsten Morgen im „Wäldchen" stattfindenden Duell wurden in größter Heimlichkeit getroffen. Die bei dem Streite anwe-