Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-05-28 · Heft 42-43 (28.5.1896) · page 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 42-43 (28.5.1896)
Date
1896-05-28
Page
– (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448647--41854-2490830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

816 „Und ich sag' Ihnen, Reb Bär, der Mann ist in seinem Recht, das hat er zu beanspruchen." „Aeh! Aeh! Beanspruchen! Wie heißt Beanspruchen?" schrie verächtlich der cholerische kleine Reb Bär, sprang von seinem Stuhl auf und arbeitete schier beängstigend mit Händen und Füßen. „Was für Kowet hat ein Balboß zu verlangen, der lauter ... in der Mischpoche hat? — Welche Ehrenbezeugungen hat ein Gemeindemitglied zu beanspruchen, in dessen Familie eine so große Anzahl zum Christenthum Uebergetretener ist", neigte er sich erklärend zu Isidor. Isidor gab es innen einen Ruck. So würde sein Abfall auch das Ansehen seines Vaters in der Gemeinde erschüttern! Daran hatte er noch gar nicht gedacht, daß nach den orthodoxen Anschauungen der K'hille die Eltern mitverantwortlich waren für den frevelhaften Schritt des Sohnes. Gewaltsam drängte er derartige „Sentimentalitäten" von sich. Auch über diese Geschichte würde Gras wachsen und in zehn Jahren, wenn er erst in hohen Aemtern und Würden saß, die Gemeinde stolz sein auf ihren einstigen Sohn. „Nu, lassen mir das!" sagte begütigend Graumann. „Dafür kann der Mann nicht. Er hat Schiwe gesessen über seine ungerathenen Kinder und die arme Frau ist nebbich vor Gram gestorben." — Isidor klopfte das Herz in mächtigen Schlägen. — „Aber jetzt wollen wir benschen — Isidor, ich bin's Dir mechabet." Isidor wurde blutroth; der Vater sah aber so schmunzelnd und wohlwollend auf ihn, als hätte er ihn durch die Uebertragung dieser Würde mehr geehrt, als ein Fürst durch die Verleihung eines Ordens. Der junge Mann blickte zögernd und verlegen auf seinen Teller. „Nun —?" sagte Graumann sen. aufmunternd. „Quälen Sie ihn nicht, Herr Graumann", spottete Fräulein Regina, „Sie bringen ihn in Verlegenheit, er kann's nebbich nicht mehr." Dieser Spott, dazu die erwartenden Blicke der Männer und die stolz zärtlichen seiner Mutter gaben den Ausschlag. „Rabboffai, wir wollen oenschen!" begann er entschlossen. — — Die Präliminarien zu seiner Taufe ließen sich gut an.-Kurz vor dem Schlafengehen nahm ihn die Mutter heimlich bei Seite. „Isidor", sagte sie, „ich Hab' Deinen Koffer ausgepackt und die Sachen all in Deinen Spind gelegt. Aber Kindleben, Du hast doch Deine Tephillin vergessen —!" mit mildem Vorwurf sahen ihn die Mutteraugen an — „Wie könnt' Dir das blos passiren! — Hier, nimm die alten vom Vater, laß es ihn nicht erst merken." Mit Galgenhumor nahm Isidor die Riesen- Tephillin an sich und wünschte den Eltern eine gute Nacht. — Am heutigen Abend also war er nicht dazu gekommen, ihnen seinen Entschluß mitzutheilen. * * Die Sonne schien am anderen Morgen so hell in sein Schlafgemach, daß er in fröhlichster Laune erwachte. Vielleicht war es auch ein Nachklang seiner angenehmen Träume, in welchen die schönen Augen von Fräulein Regina eine Hauptrolle spielten, die ihn in die heitere Stimmung versetzten. Vielleicht auch fühlte er die Seele freier, weil er sich vorgenommen hatte, sich den Aufenthalt bei seinen Eltern nicht durch unliebsame Auftritte zu verbittern, sondern das, was gesagt werden mußte, lieber schriftlich abzuthun. Sicherlich war dieser Weg der mündlichen Aussprache vorzuziehen, denn er mißtraute seit gestern ein wenig seiner moralischen Stärke, Vorwürfen, Klagen und Thränen gegenüber. Jedenfalls war es rathsamer, diesen Dingen auszuweichen und sich nicht unnöthigerweise in eine weichmüthige Stimmung zu bringen. — Wohlgemuth schlug er den Weg nach einer ihm von früher gut bekannten Bierstube „zur goldenen Gans" ein. „Spaß sieht er aus, Madame!" sagte bewundernd Pauline hinter ihm drein, lief an die Hausthür und schaute ihm nach, bis er um die Ecke bog. „Wie ein Graf! Alle drehn sich nach ihm um." Referendar Graumann hatte kaum das Lokal betreten, als aus einer Ecke ein junger Offizier, der mit ausgestreckten Beinen dagesessen und sich anscheinend sträflich gelangweilt batte, auf ihn losstürzte. „Alle Wetter! seh' ich wirklich recht? Graumann? Trifft man in diesem gottverdammten Nest endlich auf eine anständige Visage? — Kellner, eine Flasche Rothspose! — Ich freue mich wie ein Schneider, endlich einmal ein anderes Menschenkind zu sehen, wie diese verdammten Philister oder Juden." „Wie kommen Sie denn hierher, Wickede?" fragte Graumann, erstaunt, den jungen eleganten Gardelieutenant von Wickede in seiner Vaterstadt wiederzufinden. „Die alte Geschichte!" lachte Wickede gezwungen. „Der Uebel größtes aber sind die Schulden, die verwünschten Wucherjuden haben nicht eher geruht. — Was machen Sie hier?" fragte er ablenkend, „an's hiesige Gericht abkommandirt? Gebe ein Sektfrühstück, wenn dem so ist." „Nein, nein, ich bin besuchsweise auf einige Tage hier", erwiederte kurz der Referendar. „Wie haben Sie sich in dem Nest zurecht gefunden?" „Verteufelt schlecht genug", murrte Wickede. „Ohne Theater, ohne Ballet, ohne Baccarat — na, und die Kameraden von der Linie — dabei soll unsereins seine Tage verbringen! Wenn's hier nicht noch ein paar hübsche Judenmädchen gäbe, schösse ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.