Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 42-43 (28.5.1896)
- Date
- 1896-05-28
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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815 ■1 B'roche dazu. Isidor stand unbeweglich. Ihm widerstrebte es, die fromme Sitte auszuüben mit den unheiligen Vorsätzen im Herzen. „No! 'm 'm!" bedeutete ihn der Vater, der nicht eher sprechen durfte, als bis er den Segen über das Brod gesagt und machte pantomimische Zeichen, daß der Sohn seinem Beispiele folgen möge. „No! 'm!" wiederholte er noch einnial dringender, so daß dem Augerufenen nicht anders übrig blieb, als der Aufforderung Folge zu leisten. Dann sprachen sie gemeinsam: „Gelobt seist Du, Ewiger, der Du aus der Erde Speise hervorbringst!" und führten das Brod zum Munde. Jetzt erst durfte das Schweigen gebrochen werden. „Du brauchst mit dem Waschen nicht zu warten auf die Mutter," sagte der Vater, als ob der Grund von Jsiöor's Zögern in nichts Anderem zu suchen sei und er noch niemals ein Austernfrühstück zu sich genommen habe, ohne sich vorher die Hände zu waschen. Die Magd kam mit dem Karpfen in brauner Sauce, die das Zimmer mit ihrem Duft erfüllte und ihr folgte die Mutter mit einer Schüssel Kartoffeln. „Iß, Kindleben," sagte sie geschäftig und legte dem Sohne den größten und fettesten Karpfenkopf auf den Teller. „Ich weiß noch, was mein Jung' gern hat: viel Nosinen drin, nicht? Zum Schabbes bekommt er eine polnische Kaul mit viel Pfeffer und Zwiebel, und die Gans, wie er sie gern ißt, mit viel Knobel gespickt — nu und der Scholent —? sag's offen, mein Sohn, hast Du anderswo schon solchen Scholent gegeffen wie bei mir?" „Was sagt ein Mensch daderzu!" sagte behaglich kauend der Hausherr. „Ist so eine eitle Jüddene, wie T eine Mamma schon auf der Welt gewesen? Laß Dir eine Hechscher vom Raf geben, daß Dein Scyolent der Beste ist." Isidor mußte wider Willen lachen über den trockenen Humor seines Vaters. Gemüthlich war's schon in seinem Elternhaus und es betrübte und dauerte ihn von Herzen, daß es ihm Vorbehalten war, den Zündstoff in das friedliche Heim zu tragen. Die Thür ward ziemlich geräuschvoll geöffnet und zwei Gestalten, ein älterer Mann und ein auffallend hübsches, junges Mädchen erschienen in derselben. „Ach! Reb Bär mit Regina!" rief bewillkommend Herr Graumann seu. „Kommt nur näher! Regina, was sagen Sie zu meinem Wirklichen Geheimen Vortragenden Rath? listig streifte sein Blick den ehrgeizigen Sohn. — „Reb Bär, essen Sie mit, dann können wir heute mal Mesummen benschen." Reb Bär — oder wie er mit dem bürgerlichen Namen hieß: Bär Friedländer, nahm die Pelzmütze ab und eine auffällig weiße Stirn ward sichtbar, die sonderbar mit dem braunen Colorit des übrigen Gesichts kontrastirte. Das kam daher, weil Herr Friedländer Sommer und Winter, daheim und auf der Straße, beständig die Mütze auf dem Kopf trug. Der Respekt vor dem Ankömmling war aber stärker als die liebe Gewohnheit, und so behielt er sie unbeholfen in der Hand, ging auf den jungen Mann zu, der sich beim Eintritt der Gäste erhoben hatte und reichte ihm die Rechte. „Scholem al — schön willkommen, Herr Referendar", verbesserte er sich eiligst, denn er hielt was auf Kenntnisse und Wiffen und bemühte sich Fremden gegenüber nach Kräften gebildet zu erscheinen. „Wie befinden Sie sich, Herr Referendar?" fragte er darum höflich. „Sie haben sich recht verändert, Sie sind gewissermaßen jetzt erst ein Mensch geworden." Nach diesen schmeichelhaften Worten gab er eiligst der Aufforderung zum Miteffen Folge und überließ seine Tochter das Feld. Isidor Graumann streckte dem jungen Mädchen die Hand entgegen und sah ihr bewundernd in die schönen Augen. „Das sind wirklich Sie, Regina? So groß und schön geworden! Vor vier Jahren waren Sie ja noch ein ganz kleiner Backfisch." „Da war ich ja auch erst 14 Jahre", rechtfertigte sich Regina erröthend. Reb Bär wendete sich schmausend an seinen Gastgeber: „Haben Sie gehört, Graumann, daß sich der Chaffen heute früh mit dem ersten Vorsteher in Schul gezankt hat. Die Geschichte war nämlich so — ich Hab' dicht dabei gestanden" — Und nun folgte eine ausführliche Schilderung des Vorfalls, bei dem von Seiten der beiden Männer heftig für und wider Partei genommen wurde. Unterdessen raspelte der junge Referender so eifrig Süßholz, als wenn er statt eines Judenmädchens eine waschechte Geheimrathstochter vor sich hätte. Auch Fräulein Regina hatte ein ganz klein wenig von dem singenden Tonfall an sich, den man mit dem häßlichen Namen „Mauscheln" bezeichnet. Aber wie reizend gemüthvoll und anheimelnd klang es aus dem Munde des schönen Mädchens! Mit Behagen ließ Isidor die Neckereien und Scherze der schlagfertigen jungen Dame über sich ergehen und zahlte ihr mit gleicher Münze heim. Der Disput der beiden Männer wurde indessen immer lauter und erregter und zog durch die Lebhaftigkeit der Gestikulationen, mit denen jeder Theil seine Meinung verfocht, die Aufmerksamkeit Aller unwiderstehlich auf die streitenden Parteien. „Ich sag' Ihnen, er ist ein abgerissener Schaute!" schrie Friedländer, wendete sich aber zugleich höflich übersetzend an den zuhorchenden Referendar: „Ein vollkommener Narr!"