Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 42-43 (28.5.1896)
- Date
- 1896-05-28
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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814 gebet aus. — Welche Mittheilung zu machen war er zu seinen Eltern gekommen und wie ließ sich die Sache an! Wahrlich, so schwierig hatte er sich die Situation nicht vorgestellt, wenngleich er einen harten Kampf voraussah. — Und während er mechanisch, das Gesicht gen Osten gewendet, die Gebetesworte murmelte, überdachte er noch einmal seinen Plan. Er wollte heute Abend vor seine Eltern treten, bittend ihre Hände ergreifen und sprechen: „Nicht wahr, Ihr wollt von Herzen das Glück Eures Kindes?" Er sah im Geiste das strahlende Antlitz der Mutter, wie sie zärtlich erwiederte: „Mein Jsidorleben" — aber da stockte sein Gedankengang bereits, er preßte die Lippen zusammen und zwei tiefe Falten gruben sich in die glatte Stirn. Der Name berührte ihn wie eine körperliche Mißhandlung. Wie oft schon hatte er den seligen Großonkel Isidor, dessen Namen ihm die Eltern in der den Juden eigenen Pietät für liebe Verstorbene beigelegt hatten, im Grabe verwünscht! Seit vier Jahren war er nicht mehr an sein Ohr gedrungen, auf seiner Visitenkarte klang es melodisch: Egon Graumann, Referendar, und seine Freunde und Bekannten hielten ihn für einen Christen, wie es sein Aussehen und Familiennamen vermuthen ließ. Nein, an das Herz der Eltern wollte er nicht appelliren, das beschwor Rührscenen herauf, lieber an den Verstand. „Maudim anachnu loch," murmelten die Lippen und maschinenmäßig beugte er, wie er's gelernt, das Haupt vor dem Gotte, den er in seinem Herzen bereits verleugnet hatte und den auch äußerlich abzuschwören er Willens war. Angestrengt wälzte er seinen Plan im Kopfe herum. Er wußte die praktische Seite seines Schrittes von vornherein in's rechte Licht zu stellen; sein Vater war ja Kaufmann und würde die Vortheile seines Uebertritts einsehen, wenn sie ihm mit der gehörigen juristischen Schärfe und Klarheit vorgetragen würden. Fast freute er sich auf die Scene, die ihm bevorstand, wie auf ein geistvolles Plaidoyer, von dessen gutem Eindruck Leben und Tod seines Klienten abhinge. — Und war es nicht ein Kampf um geistiges Leben oder Sterben? Entweder er versauerte als Jude in irgend einer kleinen Stadt als Rechtsanwalt, oder trat zum Christenthum über und die höchsten Ehrenstellen des Staates standen ihm bei seinen Anlagen offen. War ein Zaudern da nicht thöricht? Mußte es nicht eine Feigheit genannt werden, wie er sich spitzfindig zu beweisen suchte, mit lockeren, äußeren Banden an einem Glauben zu hängen, von dem man sich innerlich durch Lostrennung von Sitten, Gesetz und Gebräuchen des Judenthums längst freigemacht hatte? Vollständig mit sich im Klaren und nur um den Eindruck bange, die seine Mittheilungen auf das Herz der srommgläubigen Eltern machen würden, klappte er das Gebetbuch zu und reichte es der Mutter hin. — Und da ward auch die Thür weit geöffnet und im Nahmen derselben die kurze gedrungene Gestalt des Vaters sichtbar. „Js er da, der Jung'?" schrie er laut und lustig, aber bevor er den herbeieilenden Sohn in die Arme schloß, küßte er die Mesusa an dem Thürpfosten. Dann umarmte er ihn so nachdrücklich und herzlich, daß dem Referendar fast der Athem verging. „Nun, Herr Rechtsanwalt?" sagte er, den Sohn voll Vaterstolz betrachtend, „siehst Du endlich auch einmal nach Deinem Papa und Deiner Mama — ich Hab' gemeint, der künftige Rechtsanwalt ist zu vornehm dazu?" „Nicht doch, lieber Vater, ich habe mich sehr oft nach Euch Beiden gesehnt. Aber Du weißt doch, m.eine Studien — warum nennst Du mich übrigens „Der künftige Rechtsanwalt", Vater? Ich hoffe keiner zu werden." „Wie heißt?" fragte der Vater und in den zwei Worten mit der begleitenden Geste der linken Hand lag die Uebersetzung aus dem Hochdeutschen. „Wie heißt?" fragte auch die Mutter erstaunt, und nicht minder inhaltreich klangen bei ihr die beiden Worte. „Wie heißt? wie heißt?" gegenfragte der Sohn ärgerlich, hielt aber sofort erschrocken inne. Er war unwillkürlich in das Idiom seiner Kinderjahre gerathen. Daß ihm das noch einmal passiven könnte, hätte er nicht für möglich gehalten! Desto gebildeter und geschraubter klang aber die Fortsetzung seiner Rede. „Ich beabsichtige nicht, als Anwalt mit »reiner Carriöre abzuschließen. Meine Neigungen und Anlagen weisen mich auf ganz andere Wege? Heutzutage, wo nicht der Adel allein die Berechtigung zu den höchsten Ehrenposten hat, sondern Tüchtigkeit und Talent den Ausschlag geben, kann auch ein Bürgerlicher im Vertrauen auf seine Fähigkeiten die Hand nach der höchsten Palme des Erfolges ausstrecken." „Wenn's Gott boruchhu so will", sagte die Mutter feierlich. „'s geschwollen Looschen hat er so dazu", meinte der Vater mit gutmüthigem Spott. — „Nu, wie is es, Hannchen?" wendete er sich an die Hausfrau. „Das Abendbrod fertig? Können wir waschen gehen?" Während Frau Graumann in die Küche eilte, um das Essen zu beordern, schritt der Hausherr an den Waschtisch, übergoß nach Gesetzesvorschrist dreimal seine Hände mit Wasser und sprach laut die