Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 42-43 (28.5.1896)
- Date
- 1896-05-28
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Orthodoxe -Mudenlhum^ f-OAA O S £ S v*> - 28. Mai 1896.] lNr. 9. ML HS NVIMJIL 77 vv,';.. 1 i I 1 cu. ^Iftm Scheideweg. Von M. Koninski - Weiß. Vier Jahre war er nicht daheim gewesen, der Referendar Graumann. Fast scheu sah er sich in dem Hinterzimmer um mit seinen sandbestreuten, sauberen Dielen, dem Messingkronleuchter an der Decke und sein Auge blieb au dem buntbemalten Misrach an der Wand haften, der als Kind sein Entzücken gebildet hatte. Mit einem unbehaglichen Gefühle wandte er sich ab. „Mein geliebter Jsidorleben," sagte die Mutter zärtlich mit Freudenthränen in den Augen und streichelte seine Hände. „Daß ich Dich wieder mit leiblichen Augen seh'! Gott boruchhu soll Dich segnen, mein lichtiges Kind! Nu, Pauline," sagte sie zu dem aufwartenden Mädchen, das nicht gerade leichtbeschwingt durch die Stube trabte, „Hot er Chain oder nicht, mein Goldsohn?" „Ganz bechainter Mensch geworden," erwiederte Pauline und maß den jungen Mann mit Kennerblicken. Pauline war einige zwanzig Jahre im Hause und durfte sich schon etwas erlauben. „Wissen Sie noch, Herr Isidor, wie ich mit Ihnen gebetet habe: Hinai lau jonum — ich kann's heute noch. Die Mamma hat's Euch Kinder so lange vorgesagt, bis ich's selber gelernt Hab' und alle Abend mit Euch beten könnt'." „Ja, ja, Pauline weiß mehr von Jüdischkeit, wie manches jüdische Kind," sagte anerkennend Frau Graumann. Dem jungen Graumann röthete sich die Stirn vor Scham und Verlegenheit. So sehr entfremdet hatte er sich dem Vaterhause nicht geglaubt. Wie die Seinigen sprachen! Welcher Ton unter ihnen herrschte! Nervös drehte er den feinen blonden Schnurrbart zwischen den Fingern. „Ein ganz gorschk'isch Ponim!" sagte die Mutter glückselig lachend und sah dem jungen Mann unverwandt in das hübsche Gesicht mit den blauen Augen und dem blonden Haar. „Wie kommt der Jung' zu den Augen und Haaren?" Das erste Mal seit seiner vor einer halben Stunde erfolgten Ankunft, huschte etwas, wie ein geschmeicheltes Lächeln über die Züge des jungen Mannes. „Der Vater bleibt lange," bemerkte er dann. „Wo ist er denn hingegangen?" „Er ist noch nicht aus Schul zurück, mein Kind. Hast Du schon Mariw gedawent? — Ich will Dich lieber nicht fragen, wie Du's all' die Jahre gehalten hast, aber wenn Du zu Hause bist, thu's mir zulieb'. Wenn Du's nicht auswendig kannst, nimm einen Siddur." Die guten, zärtlichen Mutteraugen sahen ihn so bittend an, daß er trotz inneren Widerftrebens nicht anders konnte, als das vorgelegte Buch ergreifen. Mit wunderlichen Gefühlen schlug er das Abend-